Deutscher Angriff auf die Post

Der Logistik-Riese DHL nimmt mit tiefen Preisen den Schweizer Paketmarkt ins Visier. Die Samstagszustellung gibt es ohne einen Aufpreis. Online-Händler freut’s.

Beat Schmid, Niklaus Vontobel und Benjamin Weinmann
Drucken
Teilen
Ein Paketzusteller von DHL in der deutschen Stadt Herten. (Bild: Oliver Berg/Keystone (10. Juli 2018))

Ein Paketzusteller von DHL in der deutschen Stadt Herten. (Bild: Oliver Berg/Keystone (10. Juli 2018))

Die Schweizerische Post erhält in ihrem Kerngeschäft grosse Konkurrenz aus dem Ausland. Der deutsche Logistikriese DHL hat am Montag angekündigt, in der Schweiz einen Zustelldienst für Päckli aufzuziehen. Ab Mitte September soll es möglich werden, an 400 Standorten Pakete aufzugeben, die am nächsten Tag an eine beliebige Adresse in der Schweiz geliefert werden.

Die Kosten für die Zustellung sind vergleichsweise tief: Je nach Grösse des Pakets bezahlen Kunden zwischen 6.90 und 19.90 Franken pro Lieferung. Das Gewicht spielt dabei keine Rolle. Damit dürfte DHL die Preise der Post zum Teil deutlich unterbieten. Vor allem grosse und schwere Pakete sind bei DHL deutlich billiger als bei der gelben Konkurrenz. Ein Novum ist, dass DHL auch am Samstag Pakete zustellen wird. Dies wird aber zunächst nur in grossen Städten möglich sein.

Strategieänderung vollzogen

Noch ist vieles unklar an der neuen Dienstleistung. So ist in der offiziellen Mitteilung vollmundig von 750 Aufgabestellen bis Ende Jahr die Rede, ein Jahr später sollen es dann bereits 1000 sein. Doch auf Nachfrage kann das Unternehmen keine konkreten Angaben machen. Eine Sprecherin versteckt sich hinter den üblichen Floskeln, man solle Verständnis haben, dass man aus Wettbewerbsgründen zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Ankündigungen zu konkreten Planungen machen könne. Man werde natürlich neue Standorte rechtzeitig vor Eröffnung bekannt machen.

Aktuell können Kunden bei 400 DHL-Standorten ihre Pakete abgeben. Gemäss DHL-Datenbank sind die Standorte in Deutschschweizer Städten anzutreffen. In Graubünden gibt es keine einzige Aufgabestelle, im Tessin und der Westschweiz ebenfalls nicht. Das Unternehmen konnte am Montag keine Angaben machen, ob und wann diese Regionen mit wie vielen Abgabestellen erschlossen werden. Eine DHL-Sprecherin sagt, dass es möglich sei, ein Paket ins Münstertal zu liefern. Wie dieses Paket zurückgeschickt werden kann, konnte sie aber nicht sagen. DHL arbeitet mit der Supermarktkette Spar zusammen, aber auch mit kleineren Geschäften wie Käseläden oder Apotheken.

Der Verband der Schweizerischen Versand- und Onlinehändler (VSV) zeigt sich über die DHL-Offensive erfreut: «Etwas mehr Wettbewerb kann unserem Paketmarkt guttun», sagt VSV-Präsident Patrick Kessler. Insbesondere dass DHL die Samstagszustellung ohne Aufpreis anbiete, sehe man gerne. Angesichts der wachsenden Paketmengen sei es zwar eine Frage der Zeit gewesen, bis DHL die Schweiz ins Visier nehmen würde. Dennoch zeigt sich Kessler überrascht und spricht von einem Strategiewechsel der Deutschen. Denn noch vor drei Jahren habe DHL dem VSV schriftlich mitgeteilt, dass die Paketzustellung an private Haushalte in der Schweiz kein Thema sei.

Chaotische Zustände in Deutschland

Zudem gibt es laut Patrick Kessler noch diverse Fragezeichen. So ist unklar, wie sehr DHL bereit ist, in den Markt zu investieren und den Dienst auszubauen. «Die nächsten zwölf Monate werden wegweisend sein, ob DHL den Markt entscheidend prägen kann», sagt Kessler. Denn Händler würden ein gewisses Risiko eingehen, wenn sie ihre Pakete plötzlich einem neuen Anbieter übergeben. In Deutschland hat die DHL-Strategie in Kooperation mit Drittgeschäften teilweise zu chaotischen Zuständen geführt.

In München berichtete kürzlich eine Lokalzeitung über einen Gemüse- und Getränkeladen, der neuerdings auch als DHL-Shop dient. Nun liegen kreuz und quer Pakete herum: im Laden, vor dem Laden. Kunden, die Gemüse kaufen wollen, müssen die Pakete zur Seite räumen. Kunden, die ihr Paket abholen wollen, wühlen in den Haufen herum. «Niemand holte seine Pakete ab. Die liegen hier bestimmt eine Woche», sagt der Ladenbesitzer. «Wir gehen den Reklamationen unverzüglich nach», sagt ein DHL-Sprecher, und klagt über gestiegene Kundenansprüche.

DHL versus Post

Zwar lassen sich die Preise nicht direkt vergleichen, doch so viel lässt sich sagen: Schwere Pakete sind mit DHL deutlich billiger. Bei leichten grossen Paketen schneidet die Schweizer Post besser ab. Bei DHL sind die Preise für Privatsendungen gewichtsunabhängig und richten sich nach der Summe der längsten und kürzesten Paketseite. Bei den Pakettarifen der Post wiederum spielt die Grösse keine Rolle (maximale Paketgrösse beträgt 100×60×60 cm). Tarifrelevant sind Beförderungszeit und Gewicht. Bei einer Zustellung von einem Werktag verlangt die Post 9 Franken (bis 2 kg). Ein DHL-Paket mit den Massen 40×30×20 cm kostet 6.90 Franken. (red)