Eurokrise
Deutschland wirbt um ausgebildete Arbeitslose aus dem Süden

Die Personenfreizügigkeit gehörte zwar schon immer zu den vier Grundpfeilern der EU, doch mit der Krise gewinnt sie eine unerwartete Bedeutung. Sie dient nun als Ventil für die unter dem Druck der Arbeitslosigkeit stehenden Schuld.

Isabel Strassheim
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Schlange vor einem Amt für Arbeitslose in Portugal: Viele Menschen suchen im Ausland Arbeit (Symbolbild)

Schlange vor einem Amt für Arbeitslose in Portugal: Viele Menschen suchen im Ausland Arbeit (Symbolbild)

Keystone

«Ausländer rein», heisst das Motto in Berlin. Spaniens junge Arbeitslose sollen nach Deutschland kommen. Bundeskanzlerin Angela Merkel warb schon vergangenen Herbst in Madrid die gut Ausgebildeten an und forciert die Kampagne jetzt noch einmal: Die Ausbildung der spanischen Jugend soll verbessert und auf den deutschen Markt zugeschnitten werden.

Ungleichgewicht als Chance

44000 Spanier sind im vergangenen Jahr ausgewandert. Fast jeder vierte Spanier hat keine Arbeit und auch keine Aussicht, in absehbarer Zeit wieder eine zu finden. Unter den Jugendlichen ist die Hoffnungslosigkeit immens: Jeder zweite von ihnen ist ohne Stelle. Das Ungleichgewicht in der EU wird so zu einer Chance. Denn Deutschland, dessen Exportwirtschaft noch immer läuft, braucht Arbeitskräfte. Deutsche Politiker versuchen so, die Auswanderung zu steuern. Diesmal sind es nicht die ungelernten Gastarbeiter, die in den 50er- und 60er-Jahren angeworben wurden und auch nicht die Computerexperten aus Indien, die Anfang 2000 nach Deutschland geholt wurden.

Diesmal sind es Pflegekräfte oder Fachkräfte in der metallverarbeitenden Industrie. Die Regierung aus dem wirtschaftsstarken deutschen Bundesland Hessen machte – in Absprache mit den eigenen Handwerksverbänden und dem Arbeitsamt – diesen Monat eigens einen Besuch in Madrid, um dort «jungen Spaniern Perspektiven zu eröffnen». Die Beschäftigungs- und Bildungsministerin der Region Madrid, Lucia Figar, ihrerseits habe zugesagt, sich ihrerseits um Deutschkurse für spanische Arbeitslose zu kümmern.

Die Zusammenarbeit geht jedoch noch weiter: Auf einer ersten deutsch-spanischen Ausbildungskonferenz in Stuttgart wurden nun Wege gesucht, um die duale Berufsausbildung der deutschsprachigen Länder auch in Spanien zu etablieren. Ausserdem sollen neben Arbeitsstellen nun auch freie Ausbildungsplätze auf der EU-Jobdatenbank vermittelt werden.

Das ist ein neues Phänomen: Die Zuwanderung wird damit nicht mehr nur der Personenfreizügigkeit überlassen, sondern sie wird von den Staaten bis ins Detail gesteuert.

Schweiz macht keine Werbung

Auch in der Schweiz ist Umfragen zufolge der Fachkräftemangel die Sorge Nummer eins vor allem bei KMU. Dennoch ist das Anwerben von Spaniern hier kein Thema. Jedenfalls kein offizielles. «Der Trend zur Auswanderung hält in Spanien nicht nur an, er nimmt zu», sagt der Schweizer Botschafter in Madrid, Urs Ziswiler. «Die Migration in die Schweiz steht den Spaniern natürlich wegen der Personenfreizügigkeit offen. Ein Hindernis dabei bildet aber die Sprache.» Ob Spanier nun Hochdeutsch oder Schweizerdeutsch lernen müssen, dürfte jedoch kein grosser Unterschied sein.

Aber die Schweizer Politik wird anders als die deutsche nicht aktiv. Bundesrat Johann Schneider-Ammann kümmerte sich vergangenes Jahr zwar in Indien um zwei Pilotprojekte für die Einführung der dualen Berufsausbildung. Aber diese sollen dazu dienen, damit Schweizer Unternehmen für ihre Werke in Indien Fachkräfte finden.

Für die Schweiz selbst hält der Arbeitgeberverband die deutsche Art der Ausbildung und Anwerbung von arbeitslosen aus EU-Krisenländern wie Spanien für keine Patentlösung. Es sei unwahrscheinlich, dass sich innerhalb nützlicher Frist richtige qualifizierte Fachkräfte gewinnen liessen. Und Franziska Schwarz vom Bundesamt für Berufsbildung und Technologie gibt zu bedenken: «Voraussetzung für die Mobilität der Arbeitskräfte ist, dass ihre Ausbildung auch einen international vergleichbaren Standard hat. Beispielsweise kann ein spanischer Schreiner nur in der Schweiz eine Arbeit finden, wenn er auch den hiesigen Anforderungen genügt.»

Dies ist für die Schweiz jedoch kein Grund, die duale Berufsausbildung in Spanien zu stärken. Die Sprecherin im Volkswirtschaftsdepartement, Evelyn Kobelt, sagt: «Wir haben Zuwanderung. Die Schweizer Unternehmen, die ihre Fachkräfte hier nicht finden, können auf ausländische Angebote zurückgreifen.» Dies sind wohl in erster Linie Deutsche.