DEVISEN: Der Franken bewegt sich nach unten

Der Schweizer Franken hat sich im Vergleich zum Euro deutlich abgeschwächt. Gestern erreichte er den tiefsten Stand seit der Aufhebung des Mindestkurses im Januar.

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Der Schweizer Franken hat sich gegenüber dem Euro klar abgeschwächt. Im Bild: Franken- und Euro-Banknoten. (Bild: Keystone)

Der Schweizer Franken hat sich gegenüber dem Euro klar abgeschwächt. Im Bild: Franken- und Euro-Banknoten. (Bild: Keystone)

Roman Schenkel

Die Schweizer Nationalbank (SNB) denkt über weitere Eingriffe zur Schwächung des Frankens nach. «Wenn es aus geldpolitischer Sicht notwendig wird, sind wir bereit zu intervenieren», sagte Fritz Zurbrügg, Vizepräsident des SNB-Direktoriums, vergangene Woche in einem Interview mit der Zeitung «Finanz und Wirtschaft». Mit ihren Interventionen zu Gunsten der Schweizer Exportwirtschaft, die unter dem starken Franken leidet, hat die SNB bereits Währungsreserven von 531,8 Milliarden Franken angehäuft.

Derzeit kann sich die Nationalbank, was Interventionen betrifft, aber etwas zurücklehnen. Denn der Schweizer Franken hat sich in den letzten Tagen stark und vor allem schnell abgewertet. Innert Wochenfrist verlor die Schweizer Währung gegenüber dem Euro etwas mehr als 2 Prozent. Am Montag war der Frankenkurs so tief wie noch nie seit der Mindestkursaufhebung vom 15. Januar 2015. Gestern hielt dieser Trend an: Bei Redaktionsschluss war 1 Euro 1.09 Franken wert.

Das Tempo ist «erstaunlich»

Für Ursina Kubli, Devisenexpertin der Basler Privatbank J. Safra Sarasin, ist das Tempo der Abschwächung des Frankens «schon etwas erstaunlich». Als Auslöser des Abwertungstrends sieht sie die Interventionen der Nationalbank von Ende Juni. Damals gab der SNB-Präsident Thomas Jordan überraschend zu, dass die Nationalbank «zur Marktstabilisierung am Markt aufgetreten» sei. «Dabei hat die SNB faktisch eine neue Untergrenze bei 1.03 Euro festgesetzt», sagt Kubli.

Stark geholfen habe danach aber die Entwicklung im Euroraum. Kubli geht davon aus, dass ein Grossteil der Aufwärtsbewegung im Währungspaar EUR/CHF einer Eurostärke zuzuschreiben ist. «Griechenland ist seit der Einigung mit seinen Gläubigern aus dem Fokus der Märkte verschwunden», sagt Kubli. Dies sieht auch Christian Gattiker, Chefstratege von Julius Bär, so. «Die Anzeichen der Einigung haben viel Druck vom Euro genommen», sagt er. Danach hätten Anleger weniger den Schweizer Franken als «sicheren Hafen» aufgesucht.

Schweizer Konjunktur stockt

Doch auch die Daten aus der Schweizer Wirtschaft dürften ihren Beitrag zur Abschwächung des Frankens beigetragen haben. «Die jüngsten Konjunkturdaten deuten darauf hin, dass sich die Konjunkturerholung in der Schweiz verschiebt», sagt Kubli.

So verzeichnet beispielsweise der Tourismussektor für das erste Halbjahr knapp 2 Prozent weniger ausländische Besucher, die in Schweizer Hotels übernachtet haben, und Anzeichen, dass es im zweiten Halbjahr besser wird, zeigen sich trotz Rekordsommer nicht. Auch die Laune der Schweizer Haushalte kann der schöne Sommer nicht heben. Die Konsumentenstimmung fiel im Juli auf den niedrigsten Stand seit Anfang 2010. Hinzu kommen die Arbeitsmarktperspektiven. Diese werden für das zweite Halbjahr schlechter eingeschätzt. Bislang hat sich der normalerweise der Konjunktur nachlaufende Arbeitsmarkt noch gut gehalten.

Seit Aufhebung der Frankenuntergrenze hat sich die Arbeitslosenquote nur geringfügig erhöht. Dies wird kaum so bleiben, wie der letzte Beschäftigungsindikator der Konjunkturforschungsstelle (KOF) zeigt. Vor allem im verarbeitenden Gewerbe sollten laut KOF weitere Stellen wegfallen. Gerade letzte Woche musste der Schwyzer Möbelhersteller Schuler wegen des starken Frankens den Konkurs anmelden. 48 Mitarbeitende verlieren ihre Stelle. Nicht zu unterschätzen sind laut Kubli bei Devisenbewegungen technische Gründe. «Wenn eine bestimmte Schwelle überschritten ist, bewegen sich die Kurse manchmal wie von alleine», sagt Kubli.

Gegen den Euro gewettet

Gattiker sieht auch in der geringen Liquidität, die während des Sommers in den Märkten herrscht, einen Grund für die schnelle Abwertung des Frankens. «Im Frühjahr haben viele Akteure auf einen sinkenden Eurokurs gewettet und grosse Negativpositionen aufgebaut, diese wurden nun zunehmend aufgelöst», erklärt er. Dies habe zum Erstarken des Euro geführt. Gattiker geht nun aber von einem Ende der Frankenschwäche aus. «Bis Ende Jahr wird sich der Euro-Franken-Kurs zwischen 1.06 und 1.10 einpendeln», sagt er. Dies sieht auch Ursina Kubli so: «Die Abwertungsgeschwindigkeit wird abnehmen», sagt sie. Die Devisenexpertin geht davon aus, dass 1 Euro Ende Jahr rund 1.10 Franken wert sein wird.

Der Greenback ist zurück

Etwas optimistischer für die Schweizer Exportindustrie ist eine Prognose der amerikanischen Grossbank J. P. Morgan, welche das Wirtschaftsportal «Cash» aufgriff. Die US-Bank rechnet mit einem Vorstoss der europäischen Einheitswährung in die Region von 1.125 Franken.

Nicht nur der Euro hat sich aufgewertet, auch der Dollar ist in den letzten drei Monaten wieder erstarkt und nähert sich der Parität zum Schweizer Franken. Gestern um 17 Uhr war 1 Dollar 98 Rappen wert. «Dieser Aufwärtstrend liegt an den guten Fundamentaldaten aus der US-Wirtschaft», erklärt Gattiker. US-Unternehmen vermelden gute Zahlen, und die amerikanische Nationalbank Fed erwägt gar, die Zinsen zu erhöhen. «Dies könnte den Druck auf den Schweizer Franken weiter reduzieren, da der Dollar für die Anleger noch attraktiver würde», sagt Gattiker. Das könnte die Schweizer Währungshüter dann noch etwas mehr beruhigen.

Bild: lsi / mlu

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