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Dfinity legt los: Wie Dominic Williams das Internet neu erfinden will

Durch Dezentralisierung will das Projekt Dfinity mit Hauptsitz in Zug die Art und Weise verändern, wie Software und Internetdienste genutzt werden. Es ist eine Wette auf die Zukunft.
Maurizio Minetti
Der Engländer Dominic Williams ist der Kopf hinter dem ambitionierten Projekt Dfinity. (Bild: Monica Semergiu)

Der Engländer Dominic Williams ist der Kopf hinter dem ambitionierten Projekt Dfinity. (Bild: Monica Semergiu)

Dominic Williams hat das Konzept in den letzten Jahren immer und immer wieder erklärt. Und jedes Mal muss er wieder von vorne beginnen. Er sagt Sätze wie: «Das Internet ist heute dünn, wir wollen es dick machen.» Oder noch etwas abstrakter: «Es ist wie Magie.»

Der englische Mittvierziger hat vor drei Jahren das Projekt Dfinity gestartet (siehe Box unten). Dar­aus ist mittlerweile ein Technologie-Start-up geworden, das enorme Erwartungen schürt. Dfinity hat Finanzierungen in der Höhe von fast 200 Millionen US-Dollar abgeschlossen. Unter den Geldgebern befinden sich Technologie-Gurus wie Marc Andreessen, der mit Netscape einen der ersten Webbrowser mitentwickelt hat. Der Firmenwert von Dfinity liegt bei 2 Milliarden Dollar.

Gegen die Marktmacht der Tech-Konzerne

Was macht Dfinity so wertvoll? Um das Ziel von Dfinity zu verstehen, muss man zunächst wissen, dass Unternehmen heute zu einem grossen Teil auf Software angewiesen sind. Egal ob SBB, UBS oder Swiss: Firmen brauchen komplexe Softwaresysteme für ihre Logistikabwicklung, ihren Zahlungsverkehr oder ihr Kundenmanagement. Ein Bonmot, das dies verdeutlicht, stammt von Dfinity-Geldgeber Marc Andreessen: «Software is eating the world.» Der Satz verdeutlicht, dass Software zum Kernelement aller Wirtschaftsbereiche wird.

Dominic Williams und seine Mitstreiter sind der Meinung, dass die Welt heute von wenigen Softwaremonopolisten dominiert wird. Das Problem erklärt er anhand des Beispiels der Gaming-Firma Zynga, die das Facebook-Spiel «Farmville» entwickelt hat: «Zynga machte Millionenumsätze, bis Facebook eines Tages beschloss, den Newsfeed-Algorithmus zu ändern – was die Einnahmen von Zynga einbrechen liess.» Zynga fiel dem sogenannten Plattformrisiko zum ­Opfer. «Unternehmen sind den grossen Plattformanbietern ausgeliefert», sagt Williams.

Zum Oligopol der Softwareanbieter kommt in den Augen von Williams das Oligopol der Infrastrukturanbieter hinzu. Damit ­gemeint sind Firmen wie IBM, Google oder Amazon Web Services, die in ihren riesigen Rechenzentren die Infrastruktur beherbergen, um die Software zu entwickeln und zu betreiben. Hier kommt Dfinity ins Spiel: «Wir wollen die Art und Weise, wie Software entwickelt und beherbergt wird, radikal verändern», sagt Williams. Grosse Anbieter wie Salesforce, Facebook oder eBay könne es auch künftig geben: «Mit dem Unterschied, dass die Systeme nicht proprietär sein werden, sondern offen und dezentral, sodass alle, die diese Systeme nutzen, sicher sein können, dass sich die Spielregeln nicht plötzlich ändern.»

Um dieses Ziel zu erreichen, entwickelt Dfinity ein neuartiges Internetprotokoll, das auf der Blockchain-Technologie basiert und das bestehende Internet erweitern soll. Über dieses Protokoll sollen unabhängige Infrastrukturbetreiber wie IBM oder Google verbunden werden. Dieses Netz nennt Williams den «Internetcomputer». Software und Daten sollen direkt auf dem Protokoll laufen. Heute ist das bestehende Internetprotokoll TCP/IP nicht dazu fähig. Es ist sozusagen «dünn», es verbindet bloss die Rechenzentren. Das Netz von Dfinity wäre hingegen «dick», denn es wäre in der Lage, selber Softwaresysteme und Daten zu beherbergen. Dfinity baut dabei nicht selber Hardware, sondern steuert nur das softwarebasierte Netzwerk bei. Laut Williams hat diese Architektur drei Vorteile: «Softwaresysteme wären sicherer, schneller und effizienter.» Software würde seinen Aussagen zufolge in einem solchen Netz ohne Unterbruch laufen; Wartungen, Updates und Neustarts wären nicht nötig. Eines der wichtigsten Argumente: «Dfinity kann die Infrastrukturkosten um das Zehnfache reduzieren.»

Wie geht es nun weiter? Ursprünglich wollte Dfinity Anfang dieses Jahres eine erste Version des Netzwerks lancieren. Doch diese Idee wurde fallen gelassen. «Wir müssen weltweit 30 Rechenzentren haben, die mit uns kooperieren, um starten zu können», sagt Williams. Dies werde im Verlauf des Jahres der Fall sein. Bis Ende Juni soll zunächst ein Testnetz aufgeschaltet werden.

Dfinity muss die Entwickler überzeugen

Ob sich das Internet gemäss der Idee von Dfinity umgestalten lässt, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Derzeit werden auf Basis der Blockchain viele ähnliche Projekte lanciert, wie zum Beispiel das ebenfalls mit hohen Erwartungen verbundene Tezos-Projekt in Zug. Geld nehmen solche Projekte mittels der Herausgabe sogenannter Token ein, also einer Art Kryptowährung. Die Bedingungen sind dabei aber nicht immer klar.

Entscheidend wird sein, welches Projekt die Softwareentwickler anziehen kann, die das entsprechende Netzwerk bauen müssen. Die meisten Entwickler konzentrieren sich heute auf die Ethereum-Plattform. Die von Vitalik Buterin in Zug gegründete Blockchain galt lange Zeit als Mass aller Dinge, stösst in Sachen Skalierbarkeit aber mittlerweile an Grenzen. Die grosse Frage lautet deshalb, was als Nächstes kommt. Aufhorchen lässt, dass Vitalik Buterin selbst kürzlich an einem Anlass sagte, Dfinity sei die viel versprechendste Ethereum-Konkurrenz.

Von Palo Alto über Zug nach Zürich

Dfinity steht für «decentralized infinity», also für dezentralisierte Unendlichkeit. Dominic Williams, der Computerwissenschaften am King’s College in Cambridge studiert hat, gründete Dfinity 2016 im kalifornischen Palo Alto. Wie viele andere Blockchain-Start-ups gründete er danach eine Stiftung mit Sitz in Zug. Das Organisationsmodell einer Stiftung sei ideal für das Projekt, sagt er: «Dfinity ist als neutrale, nicht gewinnorientierte Organisation aufgestellt. Die Governance-Struktur gibt uns Sicherheit, dass wir politisch und kommerziell unabhängig sind.» Später kamen Niederlassungen in Neuenburg und Zürich dazu.

Geleitet wird das im Oktober 2018 eröffnete Zürcher Büro vom ehemaligen IBM-Forscher Jan Camenisch, der zu den führen- den Kryptografie-Experten der Schweiz gehört. In Zürich arbeiten rund 20 Personen, Ende Jahr sollen es doppelt so viele sein. Auch weltweit will Dfinity die Belegschaft von heute 70 Personen bis Ende Jahr verdoppeln.

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