Dellenbach
«Die AKB ist ein sicherer Anker»

Kantonalbank-Chef Rudolf Dellenbach hat gut lachen: Trotz sinkenden Margen dürfte die AKB das Geschäftsjahr mit einem Ergebnis abschliessen, das dem Rekordgewinn von 2007 nahekommt.

Merken
Drucken
Teilen
Rudolf Dellenbach

Rudolf Dellenbach

Aargauer Zeitung

Daniel Imwinkelried,
Christian Dorer

Herr Dellenbach, die Aargauische Kantonalbank hat dank der Finanzkrise Tausende von Grossbank-Kunden gewonnen. Werden Sie diese Kunden halten können, auch wenn die Krise jetzt abklingt?
Rudolf Dellenbach: Ganz bestimmt. Wir machen einiges, um diese Kunden an uns zu binden. Allerdings müssen wir zwischen Privatkunden und institutionellen Anlegern unterscheiden. Erstere achten mehr auf die Sicherheit, letztere spüren einen gewissen Druck, eine Rendite zu erzielen. Deshalb ist es möglich, dass sie einen Teil ihres Geldes wieder zu den Grossbanken umschichten. Die zahlen derzeit einen höheren Zins, und die Lage am Finanzmarkt scheint nicht mehr so riskant wie vor einem Jahr.

Sie haben also bereits wieder Kunden verloren?
Dellenbach: Fast keine.

Damit hat die AKB aber weiterhin viele Kunden, die nicht rentieren, weil sichere Anlagemöglichkeiten fehlen.
Dellenbach: Das ist kein Problem. Alle Kunden sind bei uns willkommen, obwohl das viele neue Geld unsere Marge schmälert. Wir sind aber überzeugt, dass - wenn die Zeit gekommen ist - diese Kunden mit uns auch weitergehende Geschäfte machen werden, beispielsweise im Anlagebereich.

Was machen Sie mit den vielen Spargeldern, die in den vergangenen Monaten zugeflossen sind?
Dellenbach: Einerseits werden wir in den nächsten Monaten fällige Refinanzierungsmittel teilweise nicht mehr verlängern. Andererseits hat die AKB das Hypothekar- und Kreditgeschäft in diesem Jahr so stark ausgeweitet wie nie zuvor. Dazu drei Zahlen: Die Grossbanken haben die Ausleihungen in den vergangenen 12 Monaten um 1 Prozent, die Kantonalbanken im Schnitt um 6,3 Prozent erhöht und die AKB gar noch ein wenig mehr. Das absorbiert einen erheblichen Teil des Geldes, das uns zugeflossen ist.

Die Finanzkrise hat auch politische Folgen: Die Privatisierung der AKB ist für lange Zeit vom Tisch. Sind Sie erleichtert?
Dellenbach: Ja, ich bin froh darüber. Der Regierungsrat hat das Projekt einer Teilprivatisierung im Herbst 2008 zurückgezogen - kurz nachdem der Bund der UBS helfen musste. Die Privatisierung der AKB dürfte unseres Erachtens vorläufig kein Thema mehr sein. Eine blosse Teilprivatisierung hätte ohnehin nichts gebracht.

Warum nicht?
Dellenbach: Eine teilprivatisierte Bank muss zwei Herren dienen, nämlich dem Staat und den Privataktionären. Die Finanzkrise hat nun aber gezeigt, dass die Wirtschaft sichere Anker braucht. Die AKB war und ist ein solcher Anker: Die Leute wissen, dass sie ihr Geld bei uns sicher anlegen können. Die Kantonalbanken sollen ein Gegengewicht bilden zu den privaten Instituten - das war die Grundidee bei der Gründung. Dabei sind wir aber kein Beamtenbetrieb: Die AKB ist - im Unterschied zu vielen anderen Staatsbetrieben - ein Unternehmen, welches sich gegenüber vielen Konkurrenten behaupten muss.

Die Retailbanken haben das Kreditgeschäft trotz Rezession stark ausgebaut. Besteht die Gefahr, dass sie zu grosse Risiken eingegangen sind?
Dellenbach: Das Kreditgeschäft birgt immer Risiken. Anderseits ergaben sich für die regionalen Banken in den vergangenen Monaten neue Geschäftsmöglichkeiten. Grosse Schweizer Konzerne hatten in den vergangenen Jahren bei Auslandsbanken Kredite aufgenommen, weil diese günstigere Konditionen geboten haben. Diese Banken haben sich nun wegen der Finanzkrise wieder auf den Heimmarkt zurückgezogen. Die Kantonalbanken konnten in der Regel unter der Führung der ZKB teilweise in die Bresche springen.

Wie lange dauert eigentlich die Tiefzins-Phase noch an?
Dellenbach: Wir rechnen damit, dass die Zinsen bis in den Frühling des kommenden Jahres niedrig bleiben werden. Die ist noch so schwach, dass die Notenbanken weltweit kein Risiko durch eine Zinserhöhung eingehen wollen.

Und wenn die Zinsen steigen? Werden dann viele Hypothekarschuldner feststellen müssen, dass sie sich übernommen haben?
Dellenbach: Nein. Als die Schweiz Mitte der 90er-Jahre eine Immobilienkrise erlebte, waren es nicht die privaten Hausbesitzer, die in Schwierigkeiten gerieten. Vielmehr brachten Gewerbeliegenschaften und Grossüberbauungen den Banken hohe Verluste. Private Hausbesitzer schränken lieber ihren Konsum ein, als ihr Haus oder die Wohnung aufzugeben. Deshalb werden eher die KMU in Probleme geraten oder die Promotoren von grossen Überbauungen.

Was sind Ihre Prognosen?
Dellenbach: Die kommenden Monate sind entscheidend. Gewisse Wirtschaftsindikatoren deuten eine Erholung der Wirtschaft an. Verbessert sich die Lage tatsächlich, werden die Rückstellungen bei den Banken nur wenig zunehmen. Verschärft sich die Rezession aber, wird es für viele KMU eng. Vermehrte Kreditausfälle sind dann unvermeidlich. Viele Firmen können sich derzeit gerade noch über die Runden bringen. Irgendwann wird es aber sehr eng.

Welche Signale erhalten Sie dazu von den Aargauer Firmen?
Dellenbach: Transportfirmen und die Zulieferer der Exportindustrie spüren die Krise stark. Sie wären darauf angewiesen, dass die Krise langsam abklingt. Weniger betroffen sind Unternehmen, die auf die Binnenwirtschaft ausgerichtet sind. Schwieriger dürfte es auch für die Baubranche werden. Sie erzielte zwar teilweise hohe Umsätze, ihre Gewinnmarge ist aber bereits jetzt niedrig.

Die Bauindustrie steht vor einem Einbruch, weil der Wohnungsbau zurückgehen wird?Dellenbach: Der Hochbau wird das zu spüren bekommen. Es gibt inzwischen auch in der Schweiz ein gewisses Überangebot an neuen Wohnungen. Immerhin sind zuletzt hierzulande über 40 000 Wohnungen pro Jahr gebaut worden. Das Baugeschäft wird abflauen, ich erwarte aber keine schwere Krise. Diese tritt nur ein, falls die Zinsen in kurzer Zeit rasch steigen würden.

Wie gross ist diese Gefahr?
Dellenbach: Das ist schwierig zu sagen. In den kommenden Monaten erwarte ich tiefe Zinsen. Was danach passiert, weiss auch ich nicht. Allerdings haben die Regierungen die Wirtschaft mit Milliarden-Summen unterstützt. Die Staatsverschuldung ist explodiert, und das könnte die Zinsen irgendwann in die Höhe treiben.

Die Schweiz ist dabei eine Ausnahme: Der Bund ist sogar so liquide, dass er derzeit nicht einmal Geld aufnimmt.
Dellenbach: Die Schweiz ist im Vergleich zu vielen anderen Ländern in einem guten Zustand. Die Schweiz hat vor allem Schulden gemacht, um die Infrastruktur auszubauen. Andere Länder dagegen haben Geld aufgenommen, um die Wirtschaft kurzfristig anzukurbeln - etwa über die Abwrackprämie. Die Infrastruktur ist aber in einem miserablen Zustand.

Sie loben die komfortable Lage der Schweiz, gerade Bankiers klagen aber sonst über den Druck, den das Ausland auf den Finanzplatz ausübt.
Dellenbach: Das Schweizer Vermögensverwaltungsgeschäft wird leiden, keine Frage. Ich schätze, dass ein Drittel der ausländischen Vermögen aus der Schweiz abfliessen werden, also 700 bis 1000 Milliarden Franken. Ein Privatbanker verwaltet im Schnitt 200 Millionen Franken. Somit werden mehrere tausend Bankmitarbeiter keine Arbeit mehr haben, und darunter werden wir alle leiden. Immerhin zahlen Bankangestellte viel Steuern, investieren und konsumieren in der Regel grosszügig und kurbeln damit die Wirtschaft an.

Haben die Konflikte mit Italien oder Deutschland wegen des Bankgeheimnisses Auswirkungen auf Ihre Bank?
Dellenbach: Nein. Die Betreuung von ausländischen Kunden ist für uns kein entscheidendes Geschäft.

Der Aargau grenzt an Deutschland, da werden Sie doch wohl einige deutsche Kunden haben?
Dellenbach: Selbstverständlich. Der Verzicht auf dieses Geschäft würde uns aber nicht wirklich aus der Bahn werfen.

Die Zürcher Kantonalbank (ZKB) hat in Österreich soeben eine Bank übernommen. Überlegt sich auch die AKB einen solchen Schritt ins Ausland?
Dellenbach: Strategisch ist das derzeit für uns kein Thema. Wir sehen andere Geschäftschancen.

Welche?
Dellenbach: Die AKB hat im Aargau einen Marktanteil von rund 30 Prozent. Diesen Wert erreichen wir aber bei den reichen Privatkunden noch nicht. Im Anlagegeschäft können wir also noch aufholen.

Durchzogene Konjunkturaussichten, Margendruck, aber ein boomendes Hypothekargeschäft: Was wird das für das Jahresergebnis der AKB bedeuten?
Dellenbach: Im Jahr 2007 erzielten wir einen Rekordgewinn, letztes Jahr ist er leicht zurückgegangen. Der Gewinn 2009 wird dazwischenliegen. Wenn die Marge allerdings noch so hoch wäre wie 2005, würden die AKB und andere Retailbanken riesige Gewinne machen. Die Margen sind aber deutlich gesunken. Wir und unsere Konkurrenten verdienen deshalb nur so viel Geld, weil wir das Geschäftsvolumen stark ausgedehnt haben.

Wie viel Geld werden Sie dem Kanton Aargau abliefern?
Dellenbach: Die Abgeltung dürfte eher über dem Rekordbeitrag des Jahres 2009 liegen.