Die Bauern trotzen den Eierdieben

Landwirte mit einem Hofladen müssen damit leben, dass sie bestohlen werden. Rund ein Fünftel der Ware wird nicht bezahlt. Das Geschäftsmodell ist aber dennoch vielversprechend: Immer mehr Landwirte machen mit.

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Hofläden trotzen Eierdieben

Hofläden trotzen Eierdieben

Sabina Sturzenegger

«Ich war kurz davor aufzugeben», sagt Bäuerin Heidi Abt. Zusammen mit ihrem Mann Alois betreibt sie den Biohof Schloss Ortenstein bei Tomils im Domleschg. Über Wochen hinweg wurden aus dem unbedienten Hofladen Waren gestohlen, «im Wert von über 1000 Franken», wie die Landwirtin sagt.

Der Laden im Nebengebäude des mittelalterlichen Schlosses ist ein Paradies für Biofreunde, Feinschmecker – und leider auch für Diebe: Wurstwaren, Käse, frisches Obst und Gemüse, Kartoffeln, Eier, Konfitüre, Sirup, Essig und Geschenkartikel stehen zur Auswahl. Das Konzept des unbedienten Hofladens sieht vor, dass man das Geld für die Produkte, die mit Preisschildern versehen sind, im Kässeli hinterlässt. Dort hat es auch Rückgeld.

20 Prozent werden nicht bezahlt

Doch leider ist es nicht so selbstverständlich, dass man bezahlt, was man mitnimmt: «Wer einen unbedienten Hofladen betreibt, muss damit rechnen, dass rund 20 Prozent der Ware nicht bezahlt werden», sagt Ralph Bucher vom Bauernverband Aargau. Insbesondere bei den Angeboten für Blumen zum Selberpflücken könnten die Anbieter kaum kontrollieren, ob die Konsumenten ehrlich abrechneten.

Auch Heidi Abt hat ein Feld mit Blumen zum Selberpflücken. Auch sie kann dafür keine genaue Abrechnung vorweisen. «Es stimmte aber immer für mich», sagt sie. Jemand nehme vielleicht einmal ein paar Blumen mehr mit, als er zahle, der Nächste lasse dafür etwas mehr Geld im Kässeli zurück. Und auch wenn einmal ein Stück Käse fehle, findet sie das «nicht tragisch. Ich
habe mich einfach immer gefreut, wenn Menschen kamen und von unseren Bioprodukten kauften.»

Doch die massiven Diebstähle frustrierten die fünffache Mutter. Sie ging zur Polizei. Und wenn sie nicht in der Nähe war, musste sie ihr Lädeli schliessen. Inzwischen ist der Dieb gefasst. «Jetzt läuft es wieder sehr gut», freut sich die Landwirtin. «Ich möchte den Hofladen auf jeden Fall weiterführen.»

Ähnliche Erfahrungen wie Heidi Abt dürften auch all die anderen Landwirte gemacht haben, die ihre Ware direkt ab Hof verkaufen und auf die Ehrlichkeit der Kunden zählen müssen. Für die Biobauern, die sich hierzulande als die Pioniere der offenen Hofläden betrachten, überwiegt aber klar die positive Seite. «Die Hofläden sind eine Erfolgsgeschichte», sagt Sabine Lubow von Biosuisse.

Hoher Zuwachs im Direktverkauf

Der Dachverband der Schweizer Biolandbau-Organisationen konnte im Jahr 2009 bei der Direktvermarktung einen Zuwachs von 9,6 Prozent verzeichnen. Das entspricht einem Marktanteil von
5,2 Prozent. «Und die Tendenz ist steigend», fügt Lubow an. Der Trend zu regionalen und saisonalen Produkten ab Bauernhof sei bei den Konsumenten ungebrochen: «Jedes Jahr kommen neue Hofläden dazu.»

Auch beim Bauernverband spürt man den Trend. Genaue Zahlen sind zwar keine vorhanden, als Gradmesser muss der Verkauf von Verpackungsmaterial für landwirtschaftliche Produkte herhalten. Hanspeter Flückiger vom Schweizerischen Bauernverband: «Wir verkaufen das Material zum Selbstkostenpreis an unsere Mitglieder. Diese Mengen haben stark zugenommen.»

Die Probleme mit dem Diebstahl erachtet Flückiger als «nicht schwerwiegend», bei Biosuisse geht man laut Lubow davon aus, dass die Mehrheit der Kunden ehrlich ist.

Noch kein Videobeweis gefordert

Die Videokamera im Hofladen, wie bei einem Landwirt im zürcherischen Hombrechtikon, dürfte damit vorläufig ein Einzelfall bleiben. Dem Bauern waren letztes Jahr Waren für 2500 Franken aus dem Laden gestohlen worden, wie der «Tages-Anzeiger» damals berichtete. Daraufhin installierte die Polizei
eine Kamera, welche die drei Diebe filmte. Unter ihnen war auch ein Wirt aus Hombrechtikon, der seinen Gästen gerne von der gestohlenen Ware auftischte.