Die Börse schwemmt Geld in die Zentralschweizer Pensionskassen, doch die Neurenten sinken

Die Pensionskassen der Zentralschweizer Kantone und Städte sind gut finanziert. Trotzdem fahren viele Kassen der öffentlich-rechtlichen Arbeitgeber ihre Leistungen schrittweise zurück.

Rainer Rickenbach
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Bestehende Rentner haben es gut, künftige unter Umständen weniger.

Bestehende Rentner haben es gut, künftige unter Umständen weniger.

Bild: Ursula Markus/Keystone

Neigt sich ein erfreuliches Jahr für die Finanzmärkte dem Ende zu, hellen sich die Mienen der Pensionskassen-Verantwortlichen auf. Das ist dieses Jahr wieder der Fall. Nachdem 2018 für die Anleger ein Jahr zum Abwinken war, legte die Kapitaldecke dieses Jahr kräftig zu – in etwa ähnlichem Ausmass wie vor zwei Jahren. «Ende 2017 betrug der Deckungsgrad 111,0 Prozent. Wir sind sehr zuversichtlich, diesen Deckungsgrad Ende dieses Jahres wieder zu erreichen», sagt Konrad Wüest, Geschäftsführer der Pensionskasse Stadt Luzern. Per Ende September betrug er 113,5 Prozent (siehe Tabelle).

Pensionskassen von Kantonen und Städten der Zentralschweiz im Vergleich

Kanton Luzern Stadt Luzern Kanton Schwyz Kanton Zug Kanton Nidwalden Kanton Obwalden Kanton Uri
Deckungsgrad per 3. Quartal 2019 107.1 % 113.5 % 106.9 % 110.5% 115.7 % 108.0 % 110.6 %
Deckungsgrad per Ende 2018 102.0 % 107.72 % 100.7 % 102.0 % 107.3 % 100.9 % 103.4 %
Umwandlungssatz 2019 für neue Altersrentner (64/65) 5,20 % (Alter: 65) 5,08 % (Alter: 64) 5.70 % (65) 6,30 % (65) 6,18 % (64) 6.32 % (65) 5,9 % (65) 5,78 % (64) 6,04 % (65) 5,92 % (64) 5,70 % (65) 5,57 % (64)
Umwandlungssatz 2015 für neue Altersrentner (64/65) 6,15 % (Alter: 65) 6,00 % (Alter: 64) 6.20 % (65) 6,70 % (65) 6,58 % (64) 6.8 % (65) 6,4 % (65) 6,28 % (64) 6,40 % (65) 6,28 % (64) 6,20 % (65) 6,05 % (64)
Geplanter Umwandlungssatz bis 2024 für neue Altersrentner (64/65) 5,20 % (Alter 65) 5,08 % (Alter 64) 5.20 % (65) 6,0 % (65) 5,88 % (64) 6.0 % (65) 5,3 % (65) 5,18 % (64) 5,6 % (65) 5,48 % (64) 5.5 % (65)
Anzahl aktive Versicherte 2019 24 024 3580 6426 (2018) 10 550 2661 2857 (2018) 2989
Anzahl Rentner 2019 8079 2218 2109 (2018) 3250 761 874 (2018) 1166

Der Deckungsgrad einer Kasse sagt aus, ob sie in der Lage ist, ihren gegenwärtigen und künftigen Verpflichtungen nachzukommen. Bei 100 Prozent ist das der Fall. Liegt die Quote darüber, verfügt die Vorsorgeeinrichtung über Reserven, um schlechte Jahresergebnisse abzufedern. Sie werden als Wertschwankungsreserven bezeichnet.

Der «dritte Beitragszahler» fällt noch lange Zeit aus

Daniel Küpfer, Geschäftsführer der Personalvorsorgekasse Obwalden, drückt trotz guter Aussichten kurz vor Jahresende auf die Euphoriebremse. «Möglich, dass wir wieder wie vor zwei Jahren 107 Prozent Deckungsgrad erreichen. Von den benötigten Wertschwankungsreserven sind wir dann aber immer noch um rund 10 Prozent entfernt», sagt er. Ein Kapitalpuffer von 15 bis 20 Prozent gilt bei den Pensionskassen als ideal.

Wie nationale Erhebungen der Vorsorgespezialistin Swisscanto deutlichmachen, sind die Kassen der öffentlich-rechtlichen Arbeitgeber wie Gemeinden und Kantonen zwar mehrheitlich solide finanziert, liegen jedoch hinter den Kassen der Privatunternehmen zurück. Erstere brachten es im vergangenen Jahr im Mittel auf einen Deckungsgrad von durchschnittlich 102,6 Prozent, die Kassen der Privatunternehmen auf 108,7 Prozent.

Im Boomjahr 2019 haben indes beide einen Schritt nach vorne getan. Den grösseren Zentralschweizer Kassen der Kantone und von Städten gelang es, das Finanzpolster auszubauen. Auch im Vergleich mit Pensionskassen von öffentlich-rechtlichen Einrichtungen in anderen Regionen machen sie eine gute Figur.

Nur: Die Pensionskassen werden weiterhin dem Auf und Ab an den Börsen und der schwierig gewordenen Entwicklung des Immobilienmarktes ausgeliefert sein. Denn mit den Zinsen fällt der wichtigste, risikoloseste und zuverlässige «dritte Beitragszahler» wohl noch für lange Zeit aus. Denn die Zeiten sind vorbei, als die Kassen Zinsen von den «Eidgenossen» als feste Einnahmeposten von mehreren Prozent verbuchen konnten. Zinsen, die im Gegensatz zu Aktienwertsteigerungen mehr als nur Buchgewinne mit sich bringen.

Hinzu kommt in der Schweiz die kontinuierlich steigende Lebenserwartung. Die an und für sich erfreuliche Entwicklung zwingt die Pensionskassen dazu, Renten für längere Zeit zu planen. Da Zinsflaute herrscht und der Finanzierungsbedarf für die Renten steigt, sehen sich die meisten Kassen gezwungen, über den überobligatorischen Kassenteil die Renten für die Versicherten zu kürzen, die neu in Pension gehen. Sie senken den technischen Zinssatz (Verzinsung der Rentnerguthaben) und den Umwandlungssatz (Quote für Rentenhöhe gemessen am zusammengesparten Altersguthaben). Bestehende Renten sind von diesen Massnahmen nicht betroffen.

In der Zentralschweiz befinden sich heute schon die meisten Pensionskassen von Kantonen und Städten unter einem Umwandlungssatz von 6 Prozent oder sind auf dem Weg dorthin. Ein Ende ist nicht in Sicht. Im Gegenteil. «Künftige Reduktionen des Umwandlungssatzes werden aufgrund des Zinsumfeldes und des gesenkten technischen Zinssatzes nicht zu vermeiden sein», sagt Reto Tar­reghetta, Geschäftsführer der Luzerner Pensionskasse.

Die Kasse des Kantons Luzern hat den Umwandlungssatz seit der Jahrtausendwende bereits viermal gesenkt und gleichzeitig das Rentenalter für die Zielrente von 62 auf 65 erhöht. Ein Neurentner mit 500000 Franken Spargeld zum Beispiel erhielt 1999 von dieser Kasse noch eine Monatsrente von 3000 Franken. Für heutige Neurentner würde es ohne Kompensation nur noch 2167 Franken geben – obwohl sie länger gearbeitet haben. Die meisten Kantone kompensieren aber die tieferen Umwandlungssätze mehr oder weniger stark durch einmalige Kapitaleinlagen.

Sämtliche grösseren Pensionskassen der Region machen sich Gedanken darüber, ihre Renten für die künftigen Pensionäre anzupassen. Nur so gelingt es ihnen, im anlageschwachen Umfeld zu bestehen, die längere Lebenserwartung zu schultern und nicht einen schönen Teil der Rendite, die den aktuellen Berufstätigen zusteht, für die Finanzierung der aktuellen Renten aufwenden zu müssen.

Kassen der Kantone und Gemeinden haben keine 1e

Ebenfalls ein Mittel gegen die Umverteilung von Jung zu Alt bilden die vor zwei Jahren mit der Bezeichnung 1e eingeführten Sparpläne, die Pensionskassen anbieten können. Sie sind für Gutverdiener ab einem Jahreseinkommen von knapp 128000 Franken gedacht.

Die Pensionskasse legt sie an, zahlt sie aber bei Pensionierung nur als Kapital und nicht als Rente aus. Ihnen macht so die steigende Lebenserwartung rechnerisch weniger zu schaffen. Keine der befragten regionalen Vorsorgeeinrichtung bietet indes ein 1e-Sparprogramm an.