«Die Börse spinnt»: Mitten in der Pandemie kratzt der Aktienmarkt am Allzeitrekord – das zieht immer mehr Hobby-Börseler an

Ausgerechnet in den USA, wo die Coronakrise besonders gravierend ist, haben die Börsenindizes gestern Abend ganz nahe an einem historischen Höchst geschlossen. Auch die Schweizer Aktien laufen, als wäre weit und breit keine Rezession in Sicht. Das zieht neue, unerfahrene Börseler an – ein Alarmzeichen.

Patrik Müller
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Die Grafik unten spricht für sich. Der breite US-Börsenindex S&P 500 hat gestern um ein Haar das Allzeithöchst erreicht, das vom 19. Februar dieses Jahres stammt:

Der US-Börsenindex S&P 500 erreichte gestern Abend beinahe ein Allzeithöchst.

Der US-Börsenindex S&P 500 erreichte gestern Abend beinahe ein Allzeithöchst.

WSJ

Damals, am 19. Februar, war die Welt noch eine ganz andere. Das Coronavirus wütete zwar in China, doch niemand ging davon aus, dass es schon bald Europa und später auch Nordamerika erfassen und weite Teile der Wirtschaft lahmlegen würde. Genau das geschah dann im März und im April, mit entsprechenden Folgen für die Aktienkurse: Diese brachen weltweit um 25 bis 40 Prozent ein.

Was seither an der Börse geschah, ist selbst für erfahrene Trader beinahe unfassbar: Die Verluste wurde innert weniger Woche wieder weitgehend wettgemacht. Vor allem und ausgerechnet in den USA, wo die Indizes um 50 Prozent in die Höhe schossen. Für Schweizer Anleger, die in US-Aktien investierten, sieht es allerdings nicht ganz so rosig aus, denn der Dollar verlor gegenüber dem Franken etwa 8 Prozent an Wert. Entsprechend schmälern sich die Gewinne für hiesige Anleger.

Schweizer Börse erholte sich nicht ganz so stark wie der US-Markt

Auch die Schweizer Börse selbst legte kräftig zu. Der SMI notiert aber doch noch deutlich unter dem Höchstwert vom 19. Februar (11 263 Punkte), heute Donnerstagmorgen fehlten noch 9 Prozent bis zu diesem Rekordwert:

Die Kursausschläge und die steigende Tendenz seit dem Coronacrash im März ziehen mehr und mehr Anleger an, die bisher die Hände von Aktien liessen. Womöglich auch darum, weil das «Börsele» im Homeoffice weniger fragwürdig ist als am Computer im Grossraumbüro.

Im Homeoffice nebenbei noch Aktien kaufen und verkaufen

Die Zahlen des Online-Brokers Swissquote jedenfalls legen nahe, dass der Anteil der aktiven Anleger während des Lockdowns zugenommen hat. Swissquote hat im ersten Halbjahr mehr als 50 000 neue Kundenkonti eröffnet. Gleichzeitig flossen ihr drei Milliarden Franken an neuem Geld zu. Wenn Krethi und Plethi an der Börse investiert, ist das oft ein Alarmzeichen für einen überhitzten Markt. Doch was sind die Gründe dafür, dass er seit vier Monaten relativ stabil nach oben geht?

  1. Grosse Konzerne ziehen die Börsenindizes nach oben. Eine Mehrheit der Aktien notiert immer noch tief im Minus, nicht nur die arg gebeutelten Airline-Titel und Papiere anderer Krisenbranchen. Doch in den Börsenindizes haben die Giganten einen immer höheren Anteil, in den USA war er noch nie so hoch wie jetzt. Die digitalen Mega-Konzerne Amazon, Microsoft, Alphabet (Google) und Facebook sind von der Coronakrise viel weniger stark betroffen als andere Branchen – sie ziehen die US-Börsenindizes nach oben. In der Schweiz ist der Mechanismus ähnlich. Die Pharmafirmen Roche, Novartis und der Nahrungsmittelmulti Nestlé machen zusammen mehr als 50 Prozent des ganzen SMI-Gewichts aus. Ihnen geht es vergleichsweise gut.
  2. Notenbanken und Regierungen schmeissen mit Milliarden um sich. Weltweit haben die Notenbanken die Schleusen geöffnet wie nie zuvor. Auch die Schweizerische Nationalbank hat an den Märkten stark interveniert. Mit ihrer Politik trugen die Zentralbanken dazu bei, dass die Angst vor einer neuen Finanzkrise, verbunden mit einer Kreditklemme, verschwunden ist. Es sind vor allem solche Krisen, bei denen die Anleger in Panik geraten, wie man zuletzt 2008/2009 sah. Hinzu kommen die Stimulus-Pakete der Regierungen, die hoffen lassen, dass sich die Konjunktur im Verlauf von 2021 weltweit erholen könnte. Das ist allerdings ungewiss.
  3. Es fehlt an Anlage-Alternativen zu Aktien. Die Geldpolitik der tiefen (und gar negativen) Zinsen führt dazu, dass, wer sein Geld gewinnbringend anlegen möchte, fast nur in Aktien investieren kann. Es gibt gleichzeitig auch die Preishausse beim Gold, aber Edelmetalle werden bloss als Beimischung in einem Anlageportfolio gesehen. Also rein in die Aktien, sagen sich viele, und hier zeigt sich auch das berühmte FOMO-Phänomen («Fear of missing out»): Anleger haben Angst, die Rallye zu verpassen, also kaufen sie nur schon deswegen, weil sie steigende Kurse sehen. Ebenfalls ein Alarmzeichen.

Kommt bald der Absturz?

Spricht man mit Bankern, sagen die einen, «die Börse spinnt», während die anderen davon ausgehen, dass das Kursniveau weiterhin stabil bis steigend bleibt. Bislang haben stets die Optimisten recht behalten, und die Warner wurden Lügen gestraft. Aktuell geben die leicht anziehenden Zinsen sowie die leicht erhöhte Inflation den Optimisten neue Nahrung, denn das sind Signale, dass die Wirtschaft womöglich wieder schneller wächst.

Doch die Stimmung kann an der Börse täglich ändern, und dann rennen die Herdentiere in die andere Richtung. Etwa wenn im Herbst eine zweite Coronawelle Europa und die USA erfassen sollte, oder wenn trotz der Stimuli der Regierungen die Konjunktur einfach nicht richtig anspringt.