Pirelli-Verkauf
Die Chinesen überrollen Europa – und lassen alles beim Alten

Chinesische Konzerne übernehmen mehr europäische Firmen denn je. Auch in der Schweiz investieren sie kräftig. Bei einer Übernahme aus Fernost ist die Skepsis jeweils besonders gross – zu unrecht.

Thomas Schlittler
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Pirelli ist neu in chinesischen Händen. Die italienische Traditionsfirma ist bei weitem kein Einzelfall. Keystone

Pirelli ist neu in chinesischen Händen. Die italienische Traditionsfirma ist bei weitem kein Einzelfall. Keystone

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Pirelli wird mit teuren Qualitäts-Autoreifen, Rennsport – und einem jährlich erscheinenden Erotik-Kalender verbunden. Sollten sich in der nächsten Ausgabe des Pirelli-Kalenders plötzlich asiatische Schönheiten räkeln, wäre das kein Zufall: Das italienische Traditionsunternehmen wird für 7,1 Milliarden Euro vom chinesischen Grosskonzern China National Chemical Corporation übernommen.

Die Akquisition von Pirelli durch ein chinesisches Unternehmen ist kein Einzelfall. In den letzten zehn Jahren ist die Zahl der Zukäufe chinesischer Investoren in Europa kontinuierlich gestiegen. 2014 haben Firmen aus China gemäss einer Analyse des Wirtschaftsberatungsunternehmens Ernst & Young (EY) auf dem alten Kontinent 163 Übernahmen getätigt – ein Anstieg um 21 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die meisten Akquisitionen tätigten die Chinesen in Deutschland (36), dahinter folgten Grossbritannien (26), Frankreich (13) und Italien (11). Auch in Nordamerika gingen die Chinesen auf Einkaufstour.

Bei den meisten übernommenen westlichen Firmen handelte es sich um kleine und mittelgrosse Unternehmen. Es waren aber auch grosse Namen dabei wie die schwedische Volvo Car Group, der französische Club Med oder die amerikanische Motorola Mobility.

Vereinfachung dank Freihandel

In der Schweiz sind chinesische Unternehmen in den letzten Jahren ebenfalls aktiver geworden, sagt Stefan Benkert, Asien-Experte bei der Prüfungsgesellschaft PWC Schweiz: «Es gibt je länger, je mehr Investitionen von chinesischen Firmen in der Schweiz.» In den Krisenjahren 2007 und 2008 seien die chinesischen Aktivitäten hierzulande etwas ins Stocken geraten, seither zeige die Tendenz aber klar nach oben. Im letzen Jahr haben gemäss EY-Studie fünf Schweizer Firmen in chinesische Hände gewechselt.

Namhafte Schweizer Firmen, die von chinesischen Grosskonzernen geschluckt wurden, sind der Grenchner Uhrenhersteller Eterna (2011), die Textilmaschinensparte von OC Oerlikon (2012) sowie zuletzt der Sportrechte-Vermarkter Infront (2015).

Für Andreas Bodenmann, Partner und Leader AsiaPac Business Center bei EY Schweiz, ist klar, dass weitere chinesische Akquisitionen in der Schweiz folgen werden: «Das Mitte 2014 in Kraft getretene Freihandelsabkommen zwischen den beiden Ländern hat Investitionen und Übernahmen weiter vereinfacht.»

Angst ist (bisher) unbegründet

Die Skepsis ist bei Übernahmen durch chinesische Firmen oft gross. Zwar herrscht meist auch keine Freude, wenn der Käufer einer Schweizer Firma aus den USA, Grossbritannien, Frankreich oder Deutschland stammt. Beim übermächtigen roten Drachen, dessen Kultur die meisten nicht kennen, ist das Misstrauen aber besonders ausgeprägt.

Die bisherigen Erfahrungen rechtfertigen dieses Misstrauen nicht, sagt Benkert von PWC: «Bisher haben die chinesischen Eigentümer den übernommenen Schweizer Firmen in der Regel sehr viel Autonomie gewährt.» Oft seien die Chinesen mit Veränderungen gar zurückhaltender als beispielsweise die Amerikaner: «Weil sie die westlichen Märkte nicht so gut kennen, stellen sie nicht alles auf den Kopf, sondern warten erst einmal ab», so Benkert.

Das bestätigt Bodenmann von EY: «In einem ersten Schritt nach dem Kauf lassen die chinesischen Firmen die Schweizer Unternehmen meist unberührt und forcieren auch den Absatz der Produkte nach China nicht.» In der Folge würden Bemühungen in die Wege geleitet, um die Technologie nach China zu transferieren und für den chinesischen Markt nutzbar zu machen. «Aus der Schweiz wird dann meistens weiterhin das übrige Ausland bedient wie vor der Übernahme.»

Offen ist, was das Vorgehen der Chinesen langfristig für die betroffenen Unternehmen und Marken bedeutet. Bodenmann: «Das lässt sich noch nicht genau sagen. Aus heutiger Sicht verhalten sich die Chinesen in der Schweiz aber relativ verantwortungsbewusst und nachhaltig.»

Benkert sieht das genau gleich. Er beobachtet aber, dass vor allem einfache Tätigkeiten mit relativ geringer Wertschöpfung teilweise nach Asien verlegt werden. «Dieser Trend ist aber auch bei Firmen zu beobachten, die fest in Schweizer Hand sind.» Das sei aber ein logischer Schritt, denn in der Schweiz rechne sich nur noch die Herstellung von technologisch hochwertigen Produkten.