Kolumne

Die Digitalisierung ist keine Naturgewalt – Gestaltungswille ist gefragt!

Die Philosophie-Dozentin Magdalena Hoffmann plädiert dafür, dass wir die Digitalisierung aktiver nach unseren Vorstellungen von einer guten Arbeitswelt zu gestalten beginnen.

Magdalena Hoffmann* 
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Magdalena Hoffmann.

Magdalena Hoffmann.

In dieser Woche wird der diesjährige «Tractatus»-Preis des Philosophicum Lech an die Philosophin Lisa Herzog verliehen und zwar für ihr Buch «Die Rettung der Arbeit». Das freut mich ausgesprochen. Denn Lisa Herzog beweist in ihrem Buch, in welchem sie sich mit der Zukunft der Arbeitswelt angesichts der Digitalisierung beschäftigt, intellektuellen Mut. Sie stellt darin viele beliebte Narrative in Frage (etwa jenes vom einsamen Unter­nehmergenie, das ganz allein innovative Produkte erfindet), legt den sozialen Charakter von Arbeit offen (der auch unter Bedingungen der Digitalisierung beibehalten werden muss) und skizziert selbst einige weitreichende Massnahmen, wie die Arbeitswelt der Zukunft so gestaltet werden könnte, dass sie gute Arbeit bereitstellt.

Herzogs Plädoyer für eine Gestaltung der Arbeitswelt angesichts der Digitalisierung fand ich bei der Lektüre besonders eingängig. Die Digitalisierung sei nämlich keine Naturgewalt, die über uns hereinbricht. Genau! Die Art und Weise, wie die Digitalisierung unsere Arbeitswelt verändert, hängt nicht zuletzt davon ab, ob wir als Gesellschaft deren humane Gestaltung von der Politik und der Wirtschaft aktiv einfordern:

Ob die Chancen oder Risiken der Digitalisierung im Hinblick auf die Arbeitswelt überwiegen werden, ist also keine theoretisch zu klärende Frage, die Antwort hängt massgeblich vom gegenwärtigen Handeln ab.

Was den Gestaltungswillen von Politik und Wirtschaft betrifft, ist die Situation etwas paradox: Einerseits ist die Digitalisierung omnipräsent. Es gibt Digital­tage, eine Strategie «Digitale Schweiz», zahlreiche Podiumsdiskussionen und immer mehr Weiterbildungen. Andererseits ähneln sich die Programme der Veranstaltungen oft und die Slogans klingen fast immer gleich: Es gilt die Chancen zu nutzen, die Risiken zu minimieren, und überhaupt müssen wir alle lebenslang lernen und uns auf Brüche in der Erwerbsbiografie gefasst machen. Gähn.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Selbstverständlich habe ich nichts gegen lebenslanges Lernen einzuwenden – im Gegenteil. Chancen nutzen und Risiken minimieren – wer könnte etwas dagegen haben? Diese Slogans sind nicht falsch, bloss unbefriedigend, weil pauschal. Sind wir uns überhaupt einig, was die Chancen und Risiken sind? Und um wessen Chancen und wessen Risiken geht es hier? Wollen wir uns als Gesellschaft einfach damit abfinden, dass bestimmte Personengruppen voraussichtlich zu den sogenannten Verlierern gehören werden, weil sie mit der geforderten Agilität und Flexibilität nicht mithalten können? Und soll die politische Antwort darauf bloss der wiederkehrende Appell an die Eigenverantwortung sein?

Lisa Herzog hat überzeugend dargestellt, dass die Digitalisierung – wenn man sie erduldet statt gestaltet – die bereits vorhandenen Ungleichheiten in Status, Kapital und Einkommen voraussichtlich verschärfen wird. Aber auch, dass wir diese Entwicklung noch aufhalten können, indem wir die Digitalisierung aktiver nach unseren Vorstellungen von einer guten Arbeitswelt zu gestalten beginnen.

Wobei: Die Digitalisierung gibt es, streng genommen, nicht. Es gibt stattdessen viele Tätigkeitsfelder digitaler Techniken in der Arbeitswelt, bei denen jeweils ganz konkret entschieden werden kann, sei es durch politische Regulierung, sei es durch Unternehmensführungen, ob, unter welchen Bedingungen und zu welchen Zwecken sie zum Einsatz kommen sollen – oder eben nicht, weil sie beispielsweise einige Personengruppen diskriminieren. Wichtig ist, dass wir entscheiden. Wir sollten uns nicht von der vermeintlichen Unausweichlichkeit digitaler Praktiken von der Gestaltung unserer Arbeitswelt ablenken lassen. Denn, wie gesagt: Die Digitalisierung ist keine Naturgewalt.

*Magdalena Hoffmann ist Studienleiterin und Dozentin für Philosophie und Management an der Universität Luzern.

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