Chinesischer Markt
«Die goldenen Jahre sind vorbei»: Schweizer Uhrenindustrie steht vor dem Abstieg

Am Donnerstag beginnt die Uhrenmesse Baselworld. Die Branche blickt derzeit bange nach China und Hongkong. Die Reportage zeigt: Der Superboom der letzten Jahre wird nicht mehr zurückkehren.

Felix Lee, Hongkong
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Die Chinesen leisten sich vermehrt lieber eine Weltreise oder eine teure Wohneinrichtung als eine Luxusuhr.Getty Images

Die Chinesen leisten sich vermehrt lieber eine Weltreise oder eine teure Wohneinrichtung als eine Luxusuhr.Getty Images

LightRocket via Getty Images

Lilly Kwok findet die Entwicklung gut. «Endlich gibt es nicht mehr nur Uhrengeschäfte», sagt die 39-jährige Hongkongerin. Causeway Bay, das umtriebige Einkaufsviertel in der Nähe ihres Arbeitsorts, sei in den letzten Jahren besonders betroffen gewesen.

Jedes zweite Geschäft hätte Luxusuhren, Schmuck oder Edelkosmetik verkauft – Läden, die mit ihren vielen funkelnden Schaufenstern zwar schön anzusehen waren, für ihren Alltag aber ohne Belang. «Jetzt entstehen hier hoffentlich endlich wieder Geschäfte und Restaurants für Normalsterbliche», sagt Kwok.

Die Schweizer Uhrenindustrie verbuchte 2016 weltweit einen Umsatzrückgang. Die Branche musste einen Einbruch um knapp 10 Prozent auf 18,3 Milliarden Franken hinnehmen. Nirgendwo war der Einbruch jedoch so sehr zu spüren wie in der südchinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong – bis vor zwei Jahren einer der umsatzstärksten Märkte für hiesige Luxusuhrenmarken.

Schweizer Luxusuhren wie IWC haben derzeit einen schweren Stand. Uhrmacher kontrolliert Luxusuhr von IWC (Archiv)

Schweizer Luxusuhren wie IWC haben derzeit einen schweren Stand. Uhrmacher kontrolliert Luxusuhr von IWC (Archiv)

Keystone

Gewinn bricht um fast die Hälfte ein

In der ehemaligen britischen Kronkolonie brach das Geschäft um mehr als 25 Prozent ein. Allein der Swatch-Konzern, mit Marken wie Breguet, Blancpain, Longines und Omega der Weltmarktführer, musste einen Gewinneinbruch um fast die Hälfte auf 593 Millionen Franken hinnehmen.

Zwar betonte Swatch-Konzernchef Nick Hayek im Vorfeld der am Donnerstag beginnenden Uhrenmesse Baselworld, dass sich der Markt seit Jahresbeginn erhole. Die Situation in Hongkong habe sich in den letzten Monaten normalisiert. In Hongkong sind Auswirkungen des Einbruchs aber auch weiterhin zu spüren. In Hongkonger Einkaufsvierteln wie Causeway Bay oder Tsim Sha Tsui reihten sich vor kurzem noch ein Uhren- und Schmuckgeschäft ans andere. Vor allem an Wochenenden waren sie bis spätabends voll mit spendierfreudigen Einkaufstouristen vom chinesischen Festland. Nun sind viele dieser Geschäfte selbst an einem Samstag leer. Einige Läden haben schon in den frühen Abendstunden geschlossen.

Es sind schwierige Zeiten für Swatch-Chef Nick Hayek.

Es sind schwierige Zeiten für Swatch-Chef Nick Hayek.

Keystone/PETER SCHNEIDER

«Wir haben zwei harte Jahre hinter uns», bestätigt ein Hongkonger Uhrenhändler. In seinem Lagerraum türme sich unverkaufte Ware. Viele Uhren habe er bereits zurück in die Schweiz schicken müssen. Und er blickt auch wenig zuversichtlich in die Zukunft. «Die goldenen Jahre sind für uns ein für alle Mal vorbei.»

Allerdings jammern die Uhrenhändler auf hohem Niveau. In den 15 Jahren zwischen 1997 und 2013 hatte sich der Grossraum China zum weltweit umsatzstärksten Markt für die Schweizer Luxusuhrenindustrie entwickelt. Zweistellige Wachstumsraten waren die Regel, in einigen Jahren gar bis zu 80 Prozent. Die Geschäfte auf dem chinesischen Festland dienten vor allem als Show-Room. Gekauft wurde in Hongkong, weil hier keine Mehrwertsteuer erhoben wird. Anders als in der Volksrepublik gibt es in Hongkong auch keine Luxussteuer. Die chinesische Kundschaft kam über die Grenze und kaufte meist nicht nur eine Luxusuhr, sondern verliess die Geschäfte oft mit Dutzenden Exemplaren.

Inbegriff für Korruption

Für den grossen Einbruch im Uhrengeschäft sorgte die Antikorruptionskampagne, die der chinesische Staatschef Xi Jinping kurz nach seinem Amtsantritt 2013 ausgerufen hatte. Schweizer Edeluhren wurden zum Inbegriff für Korruption. Eine internetaffine Jugend machte es sich zum Volkssport, korrupte Beamte und Parteisekretäre zu entlarven. Die Rechnung der selbst ernannten Korruptionsjäger: Das durchschnittliche Jahreseinkommen eines chinesischen Beamten selbst im gehobenen Dienst liegt bei unter 80 000 Yuan (rund 11 500 Franken). Wer trotzdem eine teure Uhr von 17 000 Franken und aufwärts trägt, macht sich entsprechend verdächtig. Schätzungen zufolge wurden Tausende auf diese Weise der Korruption überführt.

Hinzu kommen allerdings auch sich verändernde Konsumgewohnheiten in China. Nach Jahrzehnten des Steinzeitkommunismus und der Mangelwirtschaft schmückte sich die erste Generation der zu Geld gekommenen Elite gern mit hochpreisigen Statussymbolen. Für sie stand eine teure Schweizer Uhr dafür, es aus der Armut geschafft zu haben. Die nachwachsende Generation hat ein anderes Luxusverständnis. Sie gibt lieber Geld aus für Weltreisen, eine gute Ausbildung ihrer Kinder oder eine teure Wohneinrichtung. «Die jungen Leute von heute haben eine völlig andere Vorstellung von Luxus als noch ihre Elterngeneration», sagt der Pekinger Konsumexperte Jesse Chang.

Klagen über Kundendienst

Eines der Probleme der Luxusuhrenindustrie ist jedoch hausgemacht. Wie aus Kreisen des Verbands chinesischer Uhrenhändler zu hören ist, beklagen viele Geschäfte schon seit Jahren den aus ihrer Sicht «mangelhaften Kundendienst» der Schweizer Uhrenhersteller nach dem Kauf. So daure etwa der Armbandwechsel einer Schweizer Luxusuhr in China bis zu einem halben Jahr. In einem Land, in dem der Onlinehandel boomt und die Kunden gewohnt sind, dass die Ware schon wenige Stunden nach Bestellung eintrifft, stossen diese langen Wartezeiten auf Unverständnis.

So hatte sich die Swatch Group jahrelang geweigert, die chinesischen Uhrenhändler ausreichend mit Ersatzteilen zu bestücken – angeblich, weil sie den Uhrmachern vor Ort nicht trauten und um die Qualität ihrer Marken fürchteten. Hauseigene Werkstätten richteten die Hersteller in China aber auch nicht in ausreichender Zahl ein. Nach Ansicht chinesischer Uhrenhändler haben es die Schweizer Uhrenunternehmer in den vergangenen Jahren fast allesamt versäumt, ausreichend Uhrmacher auszubilden. Die wenigen Werkstätten kommen den vielen Reparaturanfragen nicht hinterher.

Den Ärger der Konsumenten bekommen wiederum die chinesischen Uhrenhändler zu spüren. Denn auf Uhren von Omega, Breguet, Blancpain oder Rolex bestehen weltweite Garantien; die chinesischen Händler müssen die beanstandeten Exemplare also entgegennehmen. Dabei haben viele Kunden ihre Luxusuhren gar nicht bei ihnen gekauft, sondern wegen der günstigeren Preise bei Händlern in Hongkong, Japan oder gleich in Europa. «Andere machen den Gewinn, wir dürfen das Missmanagement ausbaden», beklagt sich ein Pekinger Uhrenhändler. «Und der Kunde wird immer unzufriedener.»