Die Produktion von Kreuzfahrtschiffen boomt – speziell in Europa

Derzeit wird schon fast im Halbjahrestakt die Fertigstellung eines neuen Kreuzfahrtschiffes gefeiert. Ein Ende der Party ist nicht in Sicht. Dies ist auch eine gute Nachricht für den Wirtschaftsstandort Europa.

Dominik Buholzer
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Nicht ohne Feuerwerk: Taufe der «Aida Nova» am Freitag in Papenburg.  ((Bild: Christian Lietzmann/Aida Cruises (Papenburg, 31. August 20))

Nicht ohne Feuerwerk: Taufe der «Aida Nova» am Freitag in Papenburg.  ((Bild: Christian Lietzmann/Aida Cruises (Papenburg, 31. August 20))

Die Meyer Werft im niedersächsischen Papenburg am Freitagabend. 25000 Personen sind gekommen, um einen Koloss von tausenden Tonnen Stahl zu feiern: die «Aida Nova», das neue Flaggschiff von Aida Cruises. David Guetta (50), französischer Star-DJ, den man eigens für den Event einfliegen liess, verkommt neben dem Ozeanriesen auf seiner Bühne zu einem Winzling. Dagegen hilft nur ausgefeilte Pyrotechnik und eine Charmeoffensive. «Germany, I love you!», schreit er der Masse zu.

Zu solchen Massenaufläufen kommt es derzeit in Europa schon fast im Halbjahrestakt. Im Mai dieses Jahres wurde in Hamburg die Fertigstellung der «Mein Schiff 1» gefeiert. Ein Jahr davor knallten Champagnerflaschen an die Schiffsrümpfe von «MSC Meraviglia» (Juni, Le Havre), «Aida Prima» (Juni, Palma) und «Mein Schiff 6» (Juni, Hamburg).

Weshalb ausgerechnet Europa Oberwasser hat

Dabei ist der Schiffbau eigentlich gar kein lukrativer Industriezweig mehr. 2016 lief es für die Branche rabenschwarz. Die Nachfrage war insbeson­dere im Frachtschiffbereich extrem schwach, die Überkapazitäten riesig. Das geht auf Kosten der Reserven. Hunderte Werften werden deshalb weltweit dichtmachen müssen. Seit 2009 sind bereits zwei Drittel aller Werften verschwunden.

Immerhin gab es im vergangenen Jahr einen kleinen Lichtblick. Die Auftragseingänge verdoppelten sich. Allerdings liegen die Produktionskapazitäten noch immer um fast 75 Prozent über dem Bestellvolumen. Davon kann in Europa keine Rede sein. Dank dem Kreuzfahrtboom behält hier die Schiffbauindustrie Oberwasser und kann sich selbst gegen die Konkurrenz aus Asien erfolgreich behaupten. Von den 68 Ozeanlinern, die in den kommende drei Jahren in See stechen, werden bis auf zwei alle in Europa gebaut. Entsprechend voll sind die Auftragsbücher der Werften.

Gemessen am gesamten Schiffbauvolumen in Tonnen, spielen Kreuzfahrtschiffe zwar keine bedeutende Rolle, doch interessant sind die Aufträge vor allem wegen der Margen und der volkswirtschaftlichen Wirkung. Jeder vierte Euro, den die Kreuzfahrtindustrie ausgibt, entfällt auf den Bau neuer Schiffe und deren Instandhaltung, hat die Cruise Lines International Association (Clia) errechnet. Letztes Jahr machte dies 5,63 Milliarden Euro aus. Das sind 22,4 Prozent mehr als 2015. Das fällt vor allem in Italien, Deutschland, Frankreich und Finnland ins Gewicht, wo über zwei Drittel der neuen Schiffe hochgezogen werden. Dies ist einfacher gesagt als getan.

Kreuzfahrtschiffe zu bauen, ist äusserst kompliziert. Die Schiffe werden nicht nur immer grösser, sondern ihr Bau wird aufwendiger, und die Werften sind mit immer strengeren und komplizierteren Bau- und Sicherheitsvorschriften konfrontiert. Die Europäer beweisen hierbei sehr viel Flexibilität und verfügen über am meisten Know-how. Zudem können sie sich im Gegensatz zu ihren asiatischen Konkurrenten auf ein grosses Netz an Zulieferern abstützen, das rund um die Werften gewachsen ist. Das spart Zeit und letztlich auch Geld. «In den Werften werden zum Teil kleine Wunder vollbracht», sagt Boris Becker, der Kapitän der «Aida Nova». Diese braucht es auch jetzt. Zwar ist die «Aida Nova» inzwischen getauft, doch im Innern ist vieles noch nicht gebaut. Da fehlen noch ganze Kabinen und Wände. Auch die ganzen Tests stehen noch an. Und in zwei Wochen zieht bereits der erste Teil der Crew an Bord, schliesslich soll das Schiff am 15. November offiziell Aida Cuises übergeben werden. So sieht es der Zeitplan vor.

Werften sind schon fast Pilgerstätten

Bei Aida Cruises befürchtet niemand, dass der Termin nicht eingehalten werden kann. Die Meyer Werft ist im Schiffsbau eine Institution, berühmt für ihre Zuverlässigkeit, und eine maritime Pilgerstätte. 1795 gegründet, wird sie heute von der sechsten Generation geführt und zieht jährlich eine Viertelmillion Besucherinnen und Besucher an – fast siebenmal mehr Menschen, als Papenburg Einwohner hat.

Mit der «Aida Nova» setzten die Emsländer einen neuen Standard: Es ist das erste Schiff, das mit Flüssiggas (LNG) angetrieben wird, und damit das sau­berste unter den Ozeanlinern; die anderen Schiffe setzen auf das die Umwelt belastende Schweröl. Die «Aida Nova» stösst bis zu 80 Prozent weniger Stickoxide aus und 20 Prozent weniger Kohlendioxid. Dafür gibt es ausnahmsweise gar mal Lob vom deutschen Naturschutzbund. Und Felix Eichhorn, dem Präsidenten von Aida Cruises, schwellte bei der Taufe die Brust: «Dies ist nicht nur für uns ein Meilenstein, sondern für die gesamte Kreuzfahrtindustrie.» Arnold W. Donald, CEO des Aida-Mutterkonzerns Carnival Corporation, sprach derweil von einem «beeindruckenden Beispiel für deutsche Ingenieurskunst». Bei der Meyer Werft dürfte man dies mit Genugtuung zur Kenntnis genommen haben. Denn der Wind wird rauer. Insbesondere Peking schickt sich an, in die lukrative Nische vorzustossen. Vorerst noch mit europäischer Hilfe. Im Februar 2017 unterzeichnete die China State Shipbuilding Corporation (CSSC) einen Vertrag mit dem italienischen Werftkonzern Fincantieri für den Bau von zwei Kreuzfahrtschiffen in Schanghai mit Option für weitere vier.

Bei der Meyer Werft in Papenburg investiert man aus diesem Grund schon seit Jahren in Forschung und Entwicklung. Innovation verleiht Vorsprung. Zudem ist die Suche nach neuen, umweltfreundlicheren Antriebsstoffen eines der ganz grossen Themen, die Reedereien und Werften momentan antreiben. Auch deswegen liess Aida Curies sein neuestes Schiff wieder im Emsland bauen, nachdem man für die letzten beiden nach Japan gegangen war.

Acht weitere Schiffe mit Flüssiggasantrieb werden in den kommenden Jahren auf der Meyer Werft gebaut. Möglicherweise wird auch dies in einigen Jahren wieder Schnee von gestern sein. In Papenburg forschen sie schon seit fünf Jahren am Einsatz von Brennstoffzellen. Heute sind diese aber noch zu schwach, zu schwer und zu teuer, als dass ihr Einsatz Sinn machen würde.

Nachfrage nach Kreuzfahrten steigt weltweit

Ob LNG oder Brennstoffzellen – für die meisten der Besucher der Schiffstaufe vom vergangenen Freitag dürfte dies allerdings keine Rolle gespielt haben. Sie wollen einfach einen Platz auf einem der neuen Schiffe. Und dies ist die andere grosse Herausforderung der Reedereien. Die Nachfrage nach Kreuzfahrten steigt von Jahr zu Jahr – Europa hat sich neben den USA zum zweitwichtigsten Markt entwickelt. Lediglich in der Schweiz stagnierten die Zahlen zwischenzeitlich mal. Doch mittlerweile geht es wieder aufwärts. «Die Entwicklung in der ersten Jahreshälfte war gut, und mit den Buchungen für das Jahr 2019 sind wir sehr zufrieden», sagt Dominika Lange, Geschäftsführerin Aida Schweiz. Die vermehrten Buchungen für das kommende Jahr führt sie mitunter auf «Aida Nova» zurück. «Das neue Flaggschiff sorgt für eine grosse Aufmerksamkeit», so Lange.

Schweizerinnen und Schweizer reisen sehr gern auf Familienschiffen. Das spielt Aida in die Hände. Aida Cruises wird bei «Kreuzfahrt Guide Awards» regelmässig für seine Familienfreundlichkeit ausgezeichnet.

Bei der Meyer Werft in Papenburg stand gestern, am Tag nach der grossen Schiffstaufe, gleich der nächste Grossevent an: das «NDR 2 Papenburg Festival» mit James Blunt, Hurts und Sarah Connor. Von Katerstimmung kann in der Kreuzfahrtbranche derzeit also keine Rede sein.

Eine weitere Gigantin mit Kussmund sticht in See

«Aida Nova» ist das 14. Schiff der Aida-Flotte und das achte, das in der Meyer Werft in Papenburg gebaut worden ist. Charakteristisches Merkmal des Ozeanriesen ist der Kussmund am Bug; das Logo stammt nach einem Entwurf des Grafikers Feliks Büttner aus dem Jahre 1966. Die «Aida Nova» ist 337 Meter lang und 20 Hecks hoch, verfügt über 2500 Kabinen (erstmals auch Einzelkabinen und eine Penthousesuite über zwei Etagen). 16 Restaurants, eine Street-Food-Meile sowie 17 Bars warten auf die Gäste. Maximal sind 6600 Passagiere zugelassen. Stahlschnitt, also offizieller Baubeginn, war am 21. Februar 2017. Die Baukosten belaufen sich auf rund 950 Millionen Euro. Die Jungfernfahrt findet am 2. Dezember 2018 von Hamburg aus statt. Und in der Wintersaison 2018/2019 ist die «Aida Nova» auf der Kanarenroute anzutreffen. Aida Cruises ist Marktführer in Deutschland und verfügte mit seinen Schiffen 2017 über eine Bettenkapazität von 25208. Der Umsatz belief sich 2016 auf 1,5 Milliarden Euro. Normalerweise sind es die grossen Stars der Unterhaltungsbranche wie Helene Fischer oder Sophia Loren, die von den Reedereien als Taufpatinnen gebucht werden. Aida Cruises ging bei der «Aida Nova» neue Wege. Sie engagierte eine vierköpfige Familie aus Hessen. Diese ging aus einem mehrwöchigen Casting-Wettbewerb hervor, den die Reederei ­zusammen mit der «Bild am Sonntag» durchführte. (bu)

www.aida.ch