Disruption
Die Ideen-Industrie – Ex-Politiker und Star-Ökonomen machen aus ihrer Expertise ein lukratives Geschäftsmodell

In den letzten Jahren ist ein milliardenschwerer Markt für Ideen entstanden. Think-Tanks, Consulting-Firmen, Strategieberatungen und Ich-AGs wie Starökonomen liefern Expertisen in diversen Feldern.

Adrian Lobe
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Politikwissenschafter Parag Khanna arbeitet als CNN-Experte und gilt als «Superstar-Intellektueller». HO

Politikwissenschafter Parag Khanna arbeitet als CNN-Experte und gilt als «Superstar-Intellektueller». HO

Ryan Lash / TED

Es gibt kaum eine Medienmitteilung, in der nicht irgendwo das Wort «Disruption» auftaucht. So wie Uber das Taxigewerbe durcheinandergewirbelt hat, würden auch in anderen Sektoren neue Akteure etablierte Strukturen aufbrechen und das Unterste zuoberst kehren. Abgesehen davon, dass der Begriff reichlich überstrapaziert ist und die «disruptiven Tendenzen» nur eine Neudefinition des Diktums der schöpferischen Zerstörung des Ökonomen Joseph Schumpeter darstellt, werden mit dem Schlagwort Papiere, Konferenzen oder Buchpublikationen überschrieben. Disruption ist nicht nur eine Beschreibung der industriellen Umbrüche, sondern ein Geschäftsmodell in sich.

Honorar bis zu 40 000 Dollar

Der Politikprofessor Daniel W. Drezner, der an der Tufts University bei Boston lehrt, schreibt in seinem neuen Buch «The Ideas Industry», wie in den letzten Jahren ein milliardenschwerer Markt für Ideen entstanden ist. Think-Tanks, Consulting-Firmen, Strategieberatungen und Ich-AGs wie Starökonomen liefern Expertisen in diversen Feldern – von Atomenergie bis zu Zero-Rating-Angeboten. Zu den Promotoren der Disruptionsthese gehört unter anderen der Wirtschaftswissenschafter Clayton Christensen, der an der renommierten Harvard Business School lehrt.

Christensen hat in diversen Aufsätzen und Büchern den technologischen Transformationsprozess analysiert. Christensen gilt als Erfinder der Theorie der disruptiven Innovation. Seine These: Neue Wettbewerber treten mit innovativen Ideen auf den Plan und bedrohen das Geschäftsmodell der Marktführer. Das hören natürlich vor allem Firmengründer und Entrepreneure aus dem Silicon Valley gern. Christensen kassiert laut Drezner Vortragshonorare von bis zu 40 000 Dollar.

Die Website «Business Insider» nannte Christensen «einen der einflussreichsten Management-Denker unserer Zeit». Mehrmals schaffte er es in die Top 10 des Management-Rankings «Thinkers50». Der Management-Guru ist längst eine eigene Marke. So gründete er das nach ihm benannte Christensen Institute und die Stiftung Disruptor Foundation, welche die Politik für disruptive Innovation gewinnen will.

Auch der Politikwissenschafter Parag Khanna, der in seinem aktuellen Buch «Technocracy in America: Rise of the Info-State» für einen technokratischen Informationsstaat nach dem Vorbild Singapurs und der Schweiz plädiert, ist ein gern gesehener Gast auf Konferenzen und TED-Talks. TED (Technology, Entertainment, Design) ist eine Organisation, die Vorträge von Vordenkern online verbreitet. Dem breiten Publikum ist Khanna bekannt als CNN-Experte für Globalisierung und Bestsellerautor («Connectography», «How to Run the World»). Seine Bücher sind in jeder Flughafenbuchhandlung zu finden. Der ehemalige «Time»-Kolumnist Fareed Zakaria gehört ebenfalls zu dieser Kategorie von «Superstar-Intellektuellen», wie Drezner sie nennt. Zakaria streicht für Vorträge Honorare von bis zu 70 000 Dollar ein.

Das Problem der Ideen-Industrie ist nicht nur, dass der Universitätsgelehrte als öffentlicher Intellektueller aus dem Wettbewerb der Ideen verdrängt wird, sondern dass die Arbeitsthesen häufig konstruiert sind. So sei das Akronym «Brics», das die Anfangsbuchstaben der Schwellenländer Brasilien, Russland, Indien, China und Südafrika bezeichnet, eine Marketing-Idee der Investment-Bank Goldman Sachs gewesen, behauptet Drezner. Der Begriff sei nur deshalb kreiert worden, um Kunden zu gewinnen, die an den Wachstumsmärkten interessiert waren.

Krisenanfällige Industrie

Strategieberatungen würden bewusst geschärfte Krisenszenarien entwerfen, die sich in ihrem alarmistischen Ton besser verkaufen als dröge Statistiken, die die Botschaft vermitteln: «Alles bleibt, wie es ist.» Die «Financial Times» berichtete 2014, dass «politisches Risiko eine eigene Wachstumsindustrie geworden ist». Vor allem ehemalige Aussenpolitiker finden in der globalen Risikoanalyse ein lukratives Betätigungsfeld. Henry Kissinger, von 1973 bis 1977 US-Aussenminister, gründete 1982 mithilfe von Goldman Sachs die Consulting-Firma Kissinger Associates, die unter anderen American Express, Fiat, Merck und Volvo beriet. Auch Kissingers Amtsnachfolgerin Madeleine Albright machte sich nach ihrem Rücktritt mit einer eigenen Strategieberatung selbstständig.

Die Ideen-Industrie, schreibt Drezner, sei jedoch genauso krisenanfällig wie andere Industrien. Als Facebook-Mitgründer Chris Hughes das Debattenmagazin «The New Republic» übernahm und kurzzeitig die Funktion des Chefredaktors ausübte, gab es einen Aufschrei in der Redaktion. Mehrere Journalisten kündigten. Hughes musste auf internen Druck das Magazin wieder verkaufen. Immerhin: Ideen haben auch noch einen ideellen Wert.