Die Lage bei Airopack in Baar spitzt sich zu

Der Verpackungshersteller Airopack Technology Group erhält keine weiteren Kredite. Das Management hat eine provisorische Nachlassstundung eröffnet. Die Tochtergesellschaften können hingegen kurzfristig aufatmen.

Livio Brandenberg
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Ein Produktbild des Baarer Verpackungsherstellers Airopack. (Bild: PD)

Ein Produktbild des Baarer Verpackungsherstellers Airopack. (Bild: PD)

Ab Ende November kamen die Mitteilungen praktisch im Wochentakt. Und es waren keine positiven Neuigkeiten, die der Verpackungshersteller Airopack Technology Group mit Holdingsitz in Baar der Öffentlichkeit mitteilen musste. Der Imperativ darum, weil das Unternehmen an der Schweizer Börse SIX kotiert ist. Die «Finanz und Wirtschaft» schrieb von einem «Skandal in Raten». Enden dürfte die Geschichte gar in einer Klage gegen das ehemalige Management.

Was ist geschehen? Am letzten Novembertag des vergangenen Jahres präsentierte Airopack einen umfassenden Rekapitalisierungsplan. Mit einer Kapitalerhöhung von 117 Millionen Euro und einem Überbrückungskredit des Grossaktionärs Apollo Funds in der Höhe von 25 Millionen Euro könnten die Schulden von 127 Millionen auf 51 Millionen gesenkt werden, hiess es. Denn im Oktober meldete Airopack bei einem Umsatz von 15 Millionen Euro einen Halbjahresverlust von 23,5 Millionen. Begründet wurde dies mit hohen Vorleistungen für die geplante Massenproduktion. Doch gemäss «Finanz und Wirtschaft» kam es auch zu Verzögerungen beim Auftragseingang.

Airopack hat einen neuartigen Pumpmechanismus für Spraydosen ohne Treibgas entwickelt. Für das Produkt waren bekannte Abnehmer gefunden worden, etwa die Konsumgüterriesen Procter & Gamble mit der bekannten Marke Gillette (Rasierschaumdosen) und Unilever mit den Rexona-Spraydeodorants.

Im gleichen Communiqué, in dem die Pläne für die Rekapitalisierung dargelegt wurden, teilte Airopack mit, dass der Co-Gründer, Konzernchef, Verwaltungsrat und Grossaktionär Quint Kelders sein CEO-Mandat abgebe. Er werde dem Unternehmen aber als Verwaltungsrat und Berater erhalten bleiben. VR-Präsident Antoine Kohler übernahm das CEO-Amt ad interim. Exakt zwei Wochen später verliess Quint Kelders Airopack per sofort. Gründe für seinen Rückzug wurden keine genannt. Nur sechs Tage danach informierte Airopack, dass auch Finanzchef Liebwin van Lil die Firma verlasse – ebenfalls ohne Angabe von Gründen. Dafür wurde in der ersten Januarwoche mit dem Franzosen Jean-Baptiste Lucas der neue CEO vorgestellt.

Rechtliche Schritte gegen ehemaliges Management

Wiederum kurz darauf, am 15. Januar, traten gleich vier Verwaltungsräte per sofort zurück; drei davon waren Vertreter des Grossinvestors Apollo, einer New Yorker Beteiligungsgesellschaft, die rund 22 Prozent an Airopack hält und zudem wichtige Kreditgeberin war. Die Begründung, die Rücktritte seien nötig gewesen, um Interessenkonflikte bei der Sanierung zu vermeiden, wurde auf Investorenseite als wenig plausibel aufgenommen. Am Tag der Rücktritte wurde der Handel mit Airopack-Aktien ausgesetzt. Die Titel gerieten bereits ab November massiv unter Druck (siehe Grafik). Alleine am Montag verloren die Papiere knapp 62 Prozent.

Nur einen Tag nach der Rücktrittswelle erreichte die Anleger die nächste Hiobsbotschaft: Airopack musste erhebliche Buchhaltungsmängel bekanntgeben; der Umsatz war zu hoch ausgewiesen worden, wie die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC in einer Untersuchung festgestellt hatte. Gemäss dem Report müssten die Halbjahreszahlen 2018 angepasst werden; konkret: der ausgewiesene Umsatz um 4 bis 5 Millionen Euro nach unten korrigiert werden. Auch kam PwC zum Schluss, es müssten bestimmte Verkaufs- und Buchhaltungspraktiken aus der Vergangenheit vertieft untersucht werden. Engagiert hatte PwC das neue Management unter Präsident Kohler.

Am Montag nun folgte das – vorerst – letzte Kapitel: Airopack erhält von seinen wichtigsten Kreditgebern keine Refinanzierung für die gesamte Gruppe. Um deren Rechte zu schützen, hat sich der Verwaltungsrat entschieden, eine provisorische Nachlassstundung zu eröffnen, hiess es am Montag. Weiter würden rechtliche Schritte gegen das frühere Management vorbereitet, teilte Airopack mit. Immerhin sicherten die Geldgeber einen zusätzlichen Kredit von 15 Millionen Euro für die operativen Tochtergesellschaften zu, mit Aussicht auf weitere 10 Millionen in der näheren Zukunft. Diese zusätzliche Liquidität dürfte den kurz- und mittelfristigen Mittelbedarf der operativen Einheiten decken, hiess es weiter.

Airopack wollte sich am Montag auf Nachfrage nicht weiter zu den Geschehnissen der letzten Wochen äussern.