Krise

«Die Lage ist tatsächlich ernst»

Der Bankenprofessor Urs Birchler im Interview über den nächsten Hilfe-Kandidaten, Stresstests und Basel III.

Dominik Buholzer
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Keystone

Herr Birchler, Griechenland und Irland mussten bereits unter den EU-Schutzschirm fliehen. Folgt nun Portugal?

Urs Birchler: (zögert) Das hängt stark davon ab, ob es der portugiesischen Regierung gelingt, an den Märkten Vertrauen zu schaffen. Das Tragische ist: Wenn sich das Misstrauen bestätigt, schnellen die Renditen der Risikopapiere in die Höhe und die Staaten geraten an den Rand der Zahlungsunfähigkeit. Aber Portugal ist nicht das einzige Land, das sich in einer verzwickten Lage befindet.

Sie meinen Spanien und Italien?

Es kämpfen viele Länder, nicht nur solche in der EU, mit Schuldenproblemen. Es besteht ein fliessender Übergang zwischen Griechenland, Irland und Portugal oder Spanien.

Wie gross ist das Risiko, dass sich die Krise ausweitet und es zu einem Flächenbrand kommt?

Die Lage ist tatsächlich ernst. Die Maastricht-Kriterien zur Bewertung der wirtschaftlichen Stabilität wurden lediglich bei der Aufnahme eines Staates in die Eurozone durchgesetzt, danach aber nicht mehr. Dazu kommen neben den verbuchten Staatsdefiziten die Verpflichtungen für die Altersvorsorge sowie die Hilfspakete zur Rettung der Banken und des Euro.

Noch im Juli dieses Jahres bestanden die irischen Banken den Stresstest. Heute sind sie die Ursache für die Krise in Irland. Wie glaubwürdig sind diese Stresstests?

Ich habe diese Tests immer mit Vorsicht genommen.

Die Tests taugen nichts?

Mit den Stresstests will man herausfinden, wie die Banken finanziell dastehen, und gleichzeitig die Kunden beruhigen. Das kann nicht gut gehen. Das zeigte sich auch bei Basel III, den neuen verschärften Bestimmungen für den Bankensektor.

Das heisst?

Bei den Verhandlungen wurde von den Vertretern der einzelnen Länder viel Energie dafür verwendet, Kriterien zu definieren, die den Banken des betreffenden Landes möglichst nicht wehtun.

Zum Beispiel?

Banken dürfen Guthaben gegenüber Staaten mit weniger Eigenmitteln unterlegen, wenn es sich um den eigenen Staat handelt. Auf diese Weise werden die Aufsichtsstandards letzlich korrumpiert.

Die Krise setzt dem Euro zu. Wie gross ist die Gefahr, dass er zerbröckelt?

Der Euro als Währung wird nicht verschwinden und auch nicht schwächer, wenn ein gefährdetes Land die Eurozone verlässt. Eher wird das Gegenteil der Fall sein.

Sie plädieren dafür, dass die Eurogruppe kleiner wird?

Mit heute rund 20 Mitgliedstaaten entwickelt sie sich wirtschaftlich zu unterschiedlich. Um eine Zukunft zu haben, müssten die Staaten fiskalisch zusammenwachsen. Davon will aber niemand etwas wissen. Solange dies so bleibt, fehlt mit dem Euro die Funktion des Stossdämpfers, den früher die flexiblen Wechselkurse hatten.

Also müsste die Eurogruppe einen Schnitt machen und sich von hoch verschuldeten Staaten trennen?

Das wäre keine Katastrophe für den Euro. Ein ähnliches Szenario gab es schon einmal in Südamerika. Dort haben auch Staaten den US-Dollar eingeführt, mussten aber später feststellen, dass dies nicht gut geht. Deshalb sind sie zu einer eigenen Währung zurückgekehrt.

Den Schweizer Banken setzte die Euro-Krise bisher kaum zu. Bleibt das so?

Unsere Untersuchungen zeigen, dass die Schweizer Banken in den schwachen Staaten wie Griechenland, Irland oder Portugal nicht stark exponiert sind. Es ist also nicht mit neuem Unheil zu rechnen. Wir tragen aber über den schwachen Euro auch einen Teil der Kosten.

Urs Birchler (60) ist Professor am Institut für Banken an der Universität Zürich. Er war Direktionsmitglied der Nationalbank.