Finanzplatz
«Die Löhne der Banken müssen runter»

Der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann erklärt, warum der Strukturwandel gut für die Bankenbranche ist und wie der Finanzplatz Schweiz in der Zukunft aussehen könnte.

Roman Seiler
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Der Fall des Bankgeheimnisses ist ein Befreiungsschlag, sagt der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann. Jiri Reiner

Der Fall des Bankgeheimnisses ist ein Befreiungsschlag, sagt der Wirtschaftshistoriker Tobias Straumann. Jiri Reiner

Herr Straumann, warum ist der Schweizer Finanzplatz so gross?

Tobias Straumann: Ganz einfach weil Europa im letzten Jahrhundert so instabil war. Der Aufschwung begann nach dem 1. Weltkrieg, als es mit Holland, Schweden und der Schweiz drei stabile Länder gab, die als Neutrale nicht in den Krieg involviert waren. Sie galten als sicherer Hort für ausländische Vermögen. Nach dem Zweiten Weltkrieg wiederholte sich die Geschichte. Die Schweiz blieb als einziger offener und stabiler Finanzplatz übrig. Holland war vom Krieg versehrt; in Schweden schottete eine sozialdemokratische Regierung den Finanzmarkt gegen aussen ab.

Befeuert hat den Trend das Bankgeheimnis, mit dem unversteuerte Gelder angezogen wurden. Warum schaffte es der Finanzplatz nicht, rechtzeitig aus dem Schwarzgeld-Geschäft auszusteigen?

Tobias Straumann

Seit 2008 unterrichtet Tobias Straumann (48) Wirtschaftsgeschichte an den Unis von Basel und Zürich. Er promovierte 1995 mit einer Arbeit zur Entstehung der Industrieforschung in der Basler Chemie. Nach einem Abstecher in den Wirtschaftsjournalismus verfasste er eine Habilitationsschrift zur europäischen Währungspolitik im 20. Jahrhundert. (sei)

Wenn Druck von aussen kommt, beispielsweise wegen des Bankgeheimnisses, mauern Politiker und Finanzplatzakteure zuerst lange. Später knickt man ein und zahlt Riesenbussen. Warum ist dies so?

Die Schweiz hat keine Strategie. Das zeigt sich nicht nur beim Finanzplatz. Bedingt ist dies durch unser chaotisches, ja anarchisches politisches System. Auch das Bankgeheimnis war nicht Teil einer Standortstrategie. Damit wollte man in den Dreissigerjahren den Aktivitäten deutscher und französischer Agenten einen Riegel vorschieben. Sie wurden in die Schweiz entsandt, um Bankbeamte zu bestechen und damit Informationen über Steuerhinterzieher zu beschaffen.

Warum wollten die Geldhäuser eigentlich unbedingt ins Investmentbanking einsteigen?

Es ergab sich fast automatisch aus dem Vermögensverwaltungsgeschäft. Den Banken floss dank ihren ausländischen Kunden sehr viel Geld zu. Das setzten sie im explodierenden Geschäft mit internationalen Firmen- und Unternehmensanleihen ein. Dafür gab es sowohl nach dem 1. wie nach dem 2. Weltkrieg grossen Bedarf. Die Platzierungskraft der Geldhäuser war enorm. Sie legten die emittierten Obligationen den Kunden in die Depots. Ab 1980 stiegen sie in weitere Bereiche des Investmentbankings ein, weil dort dicke Margen und hohe Löhne lockten.

Schweizer können das Investmentbanking nicht managen. Die Amerikaner ziehen Sie meist über den Tisch. Korrekt?

Das geben selbst Bankmanager zu. Die Investmentbanker in London und den USA waren nie richtig kontrollierbar.

Bussen für die Manipulation des Referenzzinssatzes im Interbankengeschäft, des Libors, oder von Devisenkursen hemmen das Geschäft. Wie geht das weiter?

Das bremst. Aber man muss anerkennen, dass die Grossbanken vieles unternommen haben, um diese Altlasten zu bewältigen. Ausserdem stärken sie die Kapitaldecke und versuchen, aus unrentablen und allzu riskanten Geschäften auszusteigen. Die damit verbundene Verkleinerung des Investmentbankings stabilisiert unser Finanzsystem.

Nach den USA und den Deutschen wollen die Franzosen Löcher in den Staatsfinanzen dank Bussen gegen die UBS stopfen. Wie kommt man aus diesem Teufelskreis heraus?

Da bin ich weniger pessimistisch. Der Streit mit Deutschland ist fast erledigt. Die Kunden meldeten ihre unversteuerten Gelder beim Fiskus an. Dies funktionierte nach dem Gestürm um die Abgeltungssteuer erstaunlich geräuschlos. Mit Frankreich wird man sich trotz des Aufbaus einer Drohkulisse einigen. Richtig teuer wird es nur im Fall mit den USA, weil man auch schlecht verhandelt hat. Aber selbst da ist man in der Schlussphase des Steuerstreits.

Sind das nun einfach Kosten für eigene Fehler ? Oder ist das ein Wirtschaftskrieg?

Den US-Amerikanern geht es in erster Linie darum, ihre Landsleute zu zwingen, immer und überall die Steuern zu zahlen. Das ist zum Teil ein Wirtschaftskrieg. Aber man muss bedenken, dass das Bankgeheimnis bald 100 Jahre alt ist. Die Zeche wäre viel höher, wenn die Schweizer Finanzinstitute für den gesamten Schaden aufkommen müssten, den ausländische Steuerverwaltungen wegen der Steuerflucht in die Schweiz erlitten haben. Ich bin überzeugt: Ist der Sturm vorüber, wird man eine positive Sicht der Dinge haben. Der Fall des Bankgeheimnisses ist eine Art Befreiungsschlag, der uns zwingt, den längst nötigen Strukturwandel einzuleiten. Damit ist auch die politische Rufschädigung beendet.

Was bleibt vom Finanzplatz übrig?

Kundengelder aus Schwellenländern

Das Geschäft mit den Superreichen hat am meisten Potenzial. Das ist das Ergebnis einer Studer der Schweizerischen Bankiervereinigung und der Boston Consulting Group zu den Zukunftsperspektiven des Finanzplatzes. Kundengelder liessen sich in Zukunft vor allem in Schwellenländern akquirieren. Aus entwickelten Ländern werden die Volumen zurückgehen. Die Erträge im Vermögensverwaltungsgeschäft dürften bis 2018 jährlich um 2,8 Prozent wachsen. Sie beliefen sich dann auf 30,3 Milliarden Franken. Der Bruttoertrag aller Geschäftsfelder erhöhe sich bis 2018 auf 61,6 Milliarden, was einem jährlichen Plus von 2,5 Prozent entspricht. Als eine der grossen Herausforderungen nannten die Studien- Verantwortlichen die Regulierungen und die damit verbundenen Kosten. Vor allem kleinere Banken kommen dadurch unter Druck. Gerechnet wird mit weiteren Konsolidierungen der Branche. Einer der Unsicherheitsfaktoren bleibe der internationale Marktzugang. Die Schweizer sollten geschlossen auftreten, forderte Claude-Alain Margelisch von der Bankiervereinigung, und international gemeinsam mit den Behörden Standort
marketing betreiben. (SDA)

Was bedeutet das für die Arbeitsplätze und die sehr hohen Löhne?

Die Zahl der Arbeitsplätze im Private Banking wird kaum wachsen, sondern eher zurückgehen. Die Löhne müssen runter, um die Margeneinbrüche aufzufangen. Die Überrenditen dank dem Bankgeheimnis sind Geschichte.

Wer sein Geld versteuert, kann es auch zu Hause verwalten lassen. Ist das grenzüberschreitende Geschäft mit vermögenden Kunden in der Schweiz auch Geschichte?

Nein. Europa bleibt ein unruhiger Kontinent. Die Verschuldung ist hoch. Der Euro wackelt, die Infrastruktur leidet. Daher gibt es gute Gründe, einen Teil seines Vermögens in der Schweiz zu parkieren. Kunden wollen weiter in verschiedenen Währungsräumen präsent sein. Insgesamt wird der Finanzplatz kleiner. Es wird weniger Banken geben. Aber er wird seine internationale Ausstrahlung behalten.

Gilt dies auch dann, wenn sich die Schweiz gegenüber der EU noch mehr abschottet?

Das Verhältnis zur EU war stets schwierig. Dennoch fanden wir immer eine gute Lösung. Mich ärgert es, wenn man den Standort schlechtredet, nur weil man eine Abstimmung verloren hat. Das Einstecken von Niederlagen gehört zu einer Demokratie. Wer von Abschottung redet, übertreibt masslos.