Analyse zum Brexit

Die Nebel von Cameron

Die Analyse zum Brexit lässt sich auch als griechische Tragödie lesen. Die formelle Austrittserklärung will London erst geben, wenn klarere Sicht herrsche. Das klingt danach, nachrechnen zu wollen, ob man überhaupt hätte austreten sollen.

Tommaso Manzin
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David Cameron

David Cameron

Keystone

Es war einmal eine Insel in einem See. Dichter Nebel entzog sie den Blicken der Menschen, die immer weniger an sie glaubten. Und je mehr sie den Glauben verloren, desto mehr entrückte Avalon der Wirklichkeit ins Reich der Mythen. «Die Nebel von Avalon» ist ein Fantasy-Roman der 1980er- Jahren über die Geschicke des sagenumwobenen Königs Artus, der in der Mitte des ersten Jahrtausends nach dem Abzug Roms Britannien gegen einfallende Völker verteidigt haben soll.

Auch derzeit ziehen Nebel um Britische Inseln – genauer: die Britischen Inseln. Seine Einwohner haben entschieden, aus der EU auszutreten. Auch sie haben den Glauben verloren: daran, dass Europa nicht nur ein Kontinent ist, sondern die kulturelle Erbin jenes Reichs, dem auch England angehörte. Wieder zieht also Europa von den Britischen Inseln ab. Und zurück bleibt wieder so etwas wie ein König: David Cameron. Sagenumwoben ist der Premier allerdings nicht, eher verstrickt in ein Verhängnis: Das von ihm 2013 ausgerufene Referendum hat einen Nebel der Unsicherheit hinterlassen. Für alle Bürger, besonders aber für Schotten und Nordiren, die für die EU gestimmt hatten. Und auch für die Märkte. Der Brexit wird noch lange auf der globalen Konjunktur lasten.

Der tragische Fehler von 2013 verfolgt den Premier

In den «Nebeln von Cameron» greifen Elemente von Tragödie, Farce und Verwechslungskomödie ineinander. Da ist einmal Cameron, der den tragischen Fehler begeht. Dieser ist an sich ohne Schuld, führt aber dennoch zur Katastrophe. Mit dem Referendum wollte er dem Volk das Wort geben und das Verhältnis zu Europa ein für alle Mal beantworten, und zwar mit einem Ja für die EU. Doch sein Handeln hat ihm nicht nur das Amt gekostet, sondern wird sein Land um einen Teil seines Wohlstands bringen. Dazu kommt das Element der Anagnorisis (griechisch: Wiedererkennung) – das plötzliche Erkennen, ein Moment des Augenreibens: Schatzmeister Osborne schüttelte nach dem Referendum das Land wach, als er Steuererhöhungen ankündigte, und sagte, das Leben ausserhalb der Union werde nicht mehr so rosig sein. Haben die Briten wirklich übersehen, dass ausserhalb der EU nicht bessere Konditionen winken für den Zutritt zum Binnenmarkt?

Denn sonst würden bald andere Nettozahler austreten. Dream on, Cameron. Es gibt auch überraschende Momente des Bedauerns. Etwa von EU-Ratspräsident Donald Tusk, der sagte, es fühle sich an, als habe ihn eine nahestehende Person verlassen. Doch die harte Linie wurde am EU-Gipfel von Dienstag und Mittwoch wieder gestählt: Der Ball liege bei den Briten, sie müssten den Austritt formalisieren, dann werde verhandelt. Auch hier scheint noch mitzuschwingen: Tu es nicht. Bevor wieder der Stolz des Verlassenen übernimmt: Wir werden dich nicht zurückhalten. Dieselbe Zerrissenheit auch in der Forderung, das Königreich solle vorwärtsmachen. Ins Drama übersetzt: Zieh aus, es schmerzt, dich noch unter uns zu sehen.

Keine Nachberechnungen, keine Rückkehr

Und was macht Grossbritannien? Es wartet auf eine «klarere Sicht» für den Verhandlungskurs. Die formelle Erklärung gemäss Artikel 50 mache erst der neue Premier, der im September gewählt wird. Das klingt fast danach, nochmals nachrechnen zu wollen, ob man überhaupt hätte austreten sollen. Hier zeichnet sich ein weiteres Element der Tragödie ab, die Peripetie, ein unerwarteter Umschwung, wodurch die Katastrophe oder aber die Lösung eingeleitet wird. Die Briten könnten nämlich sehen wollen, wie die Verhandlungen laufen, um dem Volk irgendwann doch zu sagen: Es läuft zu schlecht, ihr müsst nochmals abstimmen.

Doch sollte Johnson Premier werden, gibt es kein Zurück. Und Cameron müsste sein Wort wieder brechen: Er hat erklärt, der Volkswille sei umzusetzen. Vom Risiko, dass er in einem neuen Referendum abermals scheitert, ganz abgesehen. Er wird aber so oder so eine weitere Chance zu einem tragischen Fehler haben: Die Schotten wollen ein zweites Referendum über den Verbleib im Königreich. Der Premier muss das erlauben. Bei Boris Johnson dürften sie sich keine Chancen ausrechnen und daher auf Cameron setzen. Wird er die Grösse haben, es wie 2014 zu erlauben? Er müsste in Kauf nehmen, nicht nur für den Rauswurf aus der EU in die Geschichte einzugehen, sondern auch für den Zerfall Grossbritanniens.

tommaso.manzin@azmedien.ch