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Finanzkrisen: Die Notenbanken schwärmen wieder

In der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) glaubt man zu wissen, wie sich Finanzkrisen dauerhaft verhindern lassen. Doch Selbstüberschätzung hat bei den Währungshütern Tradition.
Daniel Zulauf
Der frühere Chef der US-Notenbank, Ben Bernanke, während der Finanzkrise. (Bild: Charles Dharapak/Keystone, Washington, 24. September 2008)

Der frühere Chef der US-Notenbank, Ben Bernanke, während der Finanzkrise. (Bild: Charles Dharapak/Keystone, Washington, 24. September 2008)

Zehn Jahre nach der grossen Finanzkrise zieht die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) ein positives Fazit: Die Weltwirtschaft wächst auch im neunten Jahr des Aufschwungs immer noch kräftig, ohne dass die Inflation auf ein ungesundes Niveau steigen würde. Die unerwartet positive Entwicklung sei zum grossen Teil den ausserordentlichen geldpolitischen Massnahmen in der zurückliegenden Dekade geschuldet, schreibt die in Basel beheimatete Bank der Notenbanken in ihrem Jahresbericht.

Nun gelte es die «Gunst der Stunde» zu nutzen, um das Wirtschaftswachstum auf eine «nachhaltige» Grundlage zu stellen, erklärte der neue Generaldirektor Agustin Carstens. Dem Mexikaner schwebt eine Welt vor, die frei ist von systembedrohenden Finanzkrisen. Er schwärmt von einer Welt, in der sich die wie­derkehrenden, destruktiven Auf- und Abschwünge der Finanzmärkte beherrschen lassen.

Eingriff in die Kreditversorgung

Die Notenbanken haben in den vergangenen zehn Jahren in der Tat viel gelernt. Sie haben latent vorhandenes Wissen mutig angewandt, um die Wirtschaft vor dem Absturz in eine Depression zu bewahren. In beispielloser Manier haben sie die Geldschleusen geöffnet, die Zinsen auf den Nullpunkt und darunter gesenkt und mit besonderen Massnahmen Unmengen an Liquidität in die Märkte gepumpt. Sie haben das Bankensystem vor dem Kollaps gerettet und das Vertrauen von Unternehmern, Konsumenten und Investoren in weiten Teilen wieder hergestellt und der Wirtschaft die Rückkehr auf den Wachstumspfad ermöglicht.

Unter Vorwegnahme der Nebenwirkungen dieser Geldschwemme haben die Notenbanken gleichzeitig Massnahmen ergriffen, um das Entstehen gefährlicher Preisblasen zum Beispiel in den Immobilienmärkten zu verhindern. So berief sich die Schweizerische Nationalbank auf ihren seit 2003 gesetzlich verankerten Auftrag, einen Beitrag zur Finanzstabilität des Landes zu leisten, als sie 2010 erstmals mit Forderungen nach zusätzlichen Schlüsselkompetenzen im Bereich der Bankenaufsicht an die Öffentlichkeit trat. Sie überliess die Beaufsichtigung der Banken nicht mehr allein der Eidgenös­sischen Finanzmarktaufsicht (Finma), sondern ging selber mit Forderungen nach verschärften Tragbarkeits- und Belehnungsgrenzen zur Eindämmung einer übersteigerten Nachfrage im Hypothekargeschäft in die Offensive, um einer Immobilienblase präventiv entgegenzuwirken.

Sie liess sich vom Bundesrat die Kompetenz zur Aktivierung besonderer Kapitalpuffer in den Bankbilanzen geben, um einen direkteren Einfluss auf die Kreditversorgung der Wirtschaft zu bekommen. Auf akademischer Ebene diskutieren die Notenbanken zwar schon seit den 1970er- Jahren vom möglichen Nutzen solcher «makroprudenziellen» Instrumente. Einen Konsens über deren positive Wirkung gibt es aber erst seit der Finanzkrise.

Dahinter verberge sich «ein regelrechter Kulturwandel in der Interpretation von Risiken», schreibt die BIZ. Der Ansatz anerkenne, dass auch den Marktpreisen als Indikatoren von Risiken Grenzen gesetzt seien. Und er gehe mit dem Eingeständnis einher, dass die Finanzmärkte ein von der Realwirtschaft losgelöstes und sich selbst verstärkendes Eigenleben entwickeln und die Destabilisierung des ganzen Finanzsystems zur Folge haben könnten. Im Urteil einer klein gewordenen Schar traditioneller Ökonomen haben die Notenbanken mit dem Griff in den makroprudenziellen Instrumentekasten aber die Büchse der Pandora geöffnet. Wer direkt in die Kreditversorgung eines Landes eingreife, mache letztlich Politik. Das sei gefährlich und aus demokratischer Sicht auch bedenklich für eine Institution, die politisch unabhängig sein will, sagen Kritiker.

Auch die BIZ unterschlägt nicht die «direkten Verteilungsfolgen», wie sie sich aus einer künstlichen Verknappung des Kreditangebotes ergeben und bestimmte Gruppen von Schuldner benachteiligen können. Daraus könne den Notenbanken ein politischer Druck erwachsen. Doch in der Güterabwägung obsiegen im Urteil der BIZ die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kosten von Finanzkrisen, welche die Interventionen als sinnvoll erscheinen lassen.

Den Traum von der Beherrschung der Wirtschaftszyklen träumen die Notenbanken schon seit langer Zeit. Spätestens seit dem Zusammenbruch des weltweiten Systems fester Wechselkurse (Bretton Woods) in den frühen 1970er-Jahren, der die konjunkturellen Auf- und Abschwünge zu verstärken drohte, begannen die Währungshüter ihre Arbeit auch systematisch in den Dienst staatlicher Konjunkturplanung zu stellen. Die Feinsteuerung der Konjunktur wurde zu einer geldpolitischen Paradedisziplin. Der Siegeszug dieser Disziplin hielt an bis kurz vor der Finanzkrise, als der frühere US-Notenbankchef Ben Bernanke nach mehr als drei Jahrzehnten mit tiefen Inflations- und vergleichsweise stabilen Wachstumsraten den Sieg der Geldpolitik über die destruktiven Zyklen ausrief. Kurz darauf wurde er von der Realität eingeholt.

Regierungen sollen ihren Beitrag leisten

Im Wissen um diese bittere Lektion bleiben die Notenbanken heute vorsichtiger. Es wäre unklug, sich zur Erreichung des Finanzstabilitätsziels ausschliesslich auf den makroprudenziellen Handlungsrahmen zu verlassen, schreibt die BIZ und meint damit, dass nicht die Notenbanken allein in der Verantwortung stünden. Die neuen, vorbeugenden Massnahmen gegen Finanzblasen seien «kein Allheilmittel».

Besser als weiterhin nur auf die Notenbanken zu vertrauen, wäre gemäss BIZ ein «makrofinanzielles Stabilitätskonzept», zu dem auch die Regierungen ihren Beitrag leisten sollten. Demnach müsste die Fiskalpolitik so ausgelegt werden, dass die Staaten in guten Zeiten Reserven anlegen, um diese in Krisenzeiten zur Brandbekämpfung einsetzen zu können. Die Politik würde selbstredend auch eine grosse Haushaltsdisziplin bedingen. Zudem sollten die Steuersysteme so reformiert werden, dass sie nicht mehr das Schuldenmachen, sondern vielmehr das Sparen belohnen.

Die Vorschläge kommen durchaus vernünftig daher. In der Kombination mit der ausgebauten Macht der Notenbanken erhalten sie dennoch eine unheimlich anmutende Dimension. Der ehemalige Nationalbank-Chefökonom Ulrich Kohli kritisierte seine vormalige Arbeitgeberin vor einigen Jahren scharf dafür, dass sie den Pfad der reinen Geldmengensteuerung verlassen habe. «Ich glaube weder, dass man alles kontrollieren kann, noch, dass man dies tun sollte», sagte Kohli. «Regulierungen haben immer unerwartete und unerwünschte Nebeneffekte. Das führt zu Verzerrungen und Ineffizienzen. Man wird zu weiteren Eingriffen gezwungen, und am Schluss entsteht ein Chaos.» Solche Kritik ist heutzutage kaum mehr zu hören.

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