Bitcoin
Die Revolution lässt auf sich warten: Noch ist die digitale Währung eher ein Randphänomen

Trotz rasanter Verbreitung ist die Währung noch weit weg vom Massenmarkt.

Peter Brühwiler
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Noch ist dieser Kleber in der Schweiz selten anzutreffen, erst an 121 Orten wird Bitcoin akzeptiert.Urs Flüeler/Keystone

Noch ist dieser Kleber in der Schweiz selten anzutreffen, erst an 121 Orten wird Bitcoin akzeptiert.Urs Flüeler/Keystone

KEYSTONE

Mit 10 000 Bitcoins könnte man auf Lieferservice.ch derzeit 625 000 Pizzen zu umgerechnet je 16 Franken bestellen. Vor acht Jahren hat Laszlo Hanyecz den gleichen Bitcoin-Betrag für zwei Pizzen ausgegeben – rückblickend war die erste «reale» Transaktion in der Geschichte der Kryptowährung also ein schlechtes Geschäft. Und ein kompliziertes obendrein: Der Programmierer aus Florida überwies die 10 000 Bitcoins an einen Forum-Kollegen in England, der daraufhin mit seiner Kreditkarte bei einem Lieferdienst in den USA die Bestellung aufgab.

Inzwischen ist die im Jahr 2009 geschaffene digitale Währung an unterschiedlichsten Orten direkt einsetzbar. Seit letztem Sommer etwa können die Zuger am Schalter der Einwohnerkontrolle Gebühren von bis zu 200 Franken mit Bitcoins bezahlen. Und ein Vorhang-Händler, ebenfalls aus Zug, meldete kürzlich, die Zahlungsmethode in seinen Online-Shop zu integrieren. Die Website coinmap.org listet für die Schweiz aktuell 121 Akzeptanzstellen auf – vom Airbnb-Zimmer bis zur Gleitschirmflugschule.

Schlechtes Image

Ebenfalls verbreitet ist die Möglichkeit, mit Kryptowährungen bei Intermediären Gutscheine zu kaufen, die dann zum Beispiel bei Amazon einlösbar sind. Gross in diesem Geschäft ist das US-Unternehmen Purse, mit dem der Neuenburger Bitcoin-Broker Bity kürzlich eine Zusammenarbeit eingegangen ist. Diese zweistufige Form der Transaktion sei in Bezug auf eine stimmige Kundenerfahrung aber wohl «noch nicht der Weisheit letzter Schluss», sagt Patrick Combœuf von der Beratungsfirma Carpathia. «Noch sind Bitcoin-Zahlungen auch deshalb bei Onlinekäufen eher ein Randphänomen.»

Die grossen Schweizer Onlinehändler setzen (noch) nicht auf Kryptowährungen. Sporadisch äusserten Kunden via Social Media zwar den Wunsch, mit diesen bezahlen zu können, sagt Daniel Rei, Sprecher von Brack.ch. Mit Bitcoin habe man sich wegen dringlicherer Entwicklungsprojekte aber noch nicht detailliert auseinandergesetzt. Ähnlich tönt es bei Digitec. Zudem sprechen laut dem Zürcher Onlinehändler das schlechte Image und die starken Wertschwankungen gegen die Einführung der Kryptowährung als Zahlungsmittel.

Die grosse Innovation der Blockchain-Technologie, die als Rückgrat von Bitcoin entstand, ist ihre dezentrale Architektur. Das System basiert auf einer von den Teilnehmern gemeinsam verwalteten Datenbank, der Blockchain, der alle neuen Transaktionen hinzugefügt werden. Finanztransaktionen, die sonst über Intermediäre laufen, können damit direkt zwischen den Beteiligten abgewickelt werden. Für Onlinehändler ist dieser Vorteil allerdings bescheiden. In der Schweiz, so Combœuf, «profitieren wir bereits von einer hochgradig performanten und verhältnismässig günstigen Zahlungsinfrastruktur für Transaktionen in Schweizer Franken». Die durch die Einführung von Kryptowährungen zu erzielenden Skalenerträge seien auf der Technologieebene deshalb marginal. Was im Binnenmarkt gut funktioniert, hat aber gerade im grenzüberschreitenden Handel noch seine Tücken. «Für den Eintritt in aufstrebende Märkte könnte sich eine vertiefte Auseinandersetzung mit dieser Zahlungsmethode durchaus lohnen», sagt Combœuf.

Dies wiederum ist wohl eher ein Thema für Finanzdienstleister. Die Beratungsfirma Roland Berger sagt der Blockchain-Technologie in einer soeben erschienen Studie denn auch eine grosse Zukunft voraus. Blockchain werde die Art, wie weltweit Geschäfte gemacht werden, verändern, heisst es darin. Momentan befinde sich die Technologie in der Finanzbranche noch in einer Testphase; «marktfähige Anwendungen zeichnen sich aber jetzt schon ab». Als Beispiele nennt die Studie etwa die Finanzierung von Handelstransaktionen oder die Absicherung von Transportrisiken beim Schiffstransport. Mit einer breiteren Nutzung rechnet das Beratungsunternehmen in drei bis fünf Jahren.

In Bezug auf den Onlinehandel sieht Roland-Berger-Partner Urs Arbter Bitcoin erst als Startschuss. «Angebote, die die neue Technologie noch ausgereifter nutzen, werden auf den Markt kommen und Bitcoin als ersten Repräsentanten der Blockchain-Technologie ablösen», vermutet er.

Je grösser, desto schwerfälliger

Heute ist Bitcoin quasi die digitale Leitwährung. Gemäss der Website statista.de sind weltweit knapp 16 Millionen Bitcoins im Umlauf, verteilt auf über 120 Millionen Bitcoin-Konten. Die (stetig sinkende) Geschwindigkeit, mit der neue Einheiten geschaffen werden, wird vom Netzwerkprotokoll festgelegt, ebenso wie die maximale Geldmenge von dereinst 21 Millionen Einheiten. Das Problem: Mit der zunehmenden Verbreitung wird die Blockchain auch schwerfälliger, weil jede Transaktion vom Bitcoin-Netzwerk verifiziert werden muss. Arbter bezweifelt denn auch die Massentauglichkeit von Bitcoin. «Gemeinsam mit den auf den Markt stossenden Konkurrenten», ist er überzeugt, «werden die Voraussetzungen für einen Massenmarkt aber gegeben sein.»