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Die SBB wollen weg aus Bellinzona – es riecht nach Streik im Tessin

Die SBB werden ihre historischen Werkstätten von Bellinzona wohl an einen neuen Standort zügeln. Auch Arbeitsplätze werden reduziert. Die Belegschaft ist in Aufruhr.

Gerhard Lob, Bellinzona
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Bilder, an die sich die SBB nur ungern erinnern: Streikende 2008.K. Mathis/Key

Bilder, an die sich die SBB nur ungern erinnern: Streikende 2008.K. Mathis/Key

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Fast 10 Jahre nach dem historischen Streik im Industriewerk (IW) von Bellinzona stehen die Reparatur- und Unterhaltsstätten der SBB erneut in den Schlagzeilen. Grund ist dieses Mal nicht eine Schliessung des Werks, sondern eine Verlegung. Die Rede ist von einem neuen Standort in Castione – wenige Kilometer nördlich von Bellinzona, und Investitionen von 350 Millionen Franken, mit einer Beteiligung des Kantons Tessin in Höhe von 100 Millionen Franken.

Für Aufregung sorgt dabei vor allem die Perspektive, dass die Zahl der Arbeitsplätze von heute 400 auf weniger als 200 reduziert werden könnte. «Das entspricht nicht den Vereinbarungen, die wir nach dem Streik von 2008 getroffen haben», empört sich Gianni Frizzo, der damalige und mittlerweile pensionierte Streikführer. Die Sozialisten im Stadtparlament von Bellinzona fordern gar eine Sondersitzung zu den «Officine».

Zur Erinnerung: Am 7. März 2008 hatte SBB-Cargo-Chef Nicolas Perrin vor der Betriebsversammlung die schrittweise Verlagerung des Lok-Unterhalts nach Yverdon VD bekannt gegeben. Der Wagenunterhalt sollte hingegen in einem Joint Venture mit Privaten weitergeführt werden. Es folgte ein 33-tägiger Streik der 430 Angestellten, der Geschichte schrieb. Und der Druck der Arbeiter wirkte. Die SBB nahmen ihre Pläne schliesslich zurück.

So richtig zur Ruhe gekommen ist das IW Bellinzona seither nicht. Die Auftragsvolumen waren nicht konstant. Das gegenseitige Misstrauen zwischen Belegschaft und SBB-Management ist geblieben. Und die Frage war stets präsent, welche Zukunftsperspektive dieses Werk in einem sich stark wandelnden Markt hat. So wird etwa der Personenverkehr am Gotthard heute fast ausschliesslich von Triebzügen durchgeführt. Lokbespannte Züge sind eine Seltenheit.

Piazza-Gefühle statt Werkstattgeruch

SBB-Chef Andreas Meyer hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass seiner Meinung nach der Standort des IW Bellinzona besser genutzt werden könnte. Das mehr als 100 000 Quadratmeter grosse Terrain befindet sich an bester Lage in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof Bellinzona, der nach der Inbetriebnahme des Gotthard-Basistunnels das «Tor zum Tessin» geworden ist. Im Rahmen der «Gesamtperspektive Tessin», einem regionalen Entwicklungsplan, streben die SBB neue oder zusätzliche Nutzungen an. Vorbild könnte etwa ein Gewerbe- und Dienstleistungszentrum sein, wie es in Altdorf am neuen Kantonsbahnhof Uri entsteht.

Jürg Stöckli, Leiter SBB Immobilien, hat die Ideen in der Kolumne «Unterwegs» im SBB-Intranet auf den Punkt gebracht: «Das Areal des Industriewerks (IW) Bellinzona soll umgenutzt werden und sich zu einem Stadtquartier entwickeln, wo sich Altes und Neues vereinen, wo gewohnt, gelernt, gearbeitet oder einfach gemütlich ein Caffè getrunken wird.» Danach präzisiert er, dass die Arbeitsplätze nicht verschwinden, sondern verschoben werden, «nämlich ins modernste IW der Schweiz». Eine Option sei es, dieses auf einem geeigneten Areal in der Region zu erstellen.

Gedacht ist hier unter anderem an Castione, jüngst war aber auch vom Güterverkehrsareal in Chiasso die Rede, das zu einem grossen Teil nicht mehr genutzt wird. Tatsächlich wäre ein neues Werk sinnvoll, um in Zukunft die neuen, 200 Meter langen Gotthard-Giruno-Triebzüge oder auch die S-Bahn-Flotte warten zu können. Die SBB betonen ihrerseits, dass offiziell noch nichts entschieden ist und mehrere Optionen geprüft werden. Bis Mitte Dezember soll mehr Klarheit herrschen.

Was haben die SBB aus der Eskalation von 2008 gelernt?

Tatsächlich finden regelmässig Gespräche mit der Kantonsregierung und der Stadt Bellinzona statt. Anfang November gab es auch ein Treffen mit einer Delegation der Belegschaft in Luzern. Nächste Woche steht ein Meeting der SBB-Spitze mit der Tessiner Deputation an den eidgenössischen Räten an. Es fällt auf: Nach den Erfahrungen von 2008 sind die SBB sichtlich bemüht, allfällige Entscheide einvernehmlich mit den Behörden im Tessin abzustimmen. Die Absicht ist klar: Die Wiederholung eines Streiks soll tunlichst vermieden werden.

War damals eine allfällige Verlegung des Werks noch kein Thema, ist dies mittlerweile sogar in der politischen Führung von Bellinzona salonfähig. Stadtpräsident Mario Branda (SP) sagt: «Diese Möglichkeit darf nicht länger tabu sein.» Wichtiger als der Standort sei der Erhalt der Arbeitsplätze im Tessin. Auch der «Corriere del Ticino» kommentierte dieser Tage, dass die Arbeitsplätze im IW Bellinzona nicht durch eine «Nostalgie für die industrielle Vergangenheit» gerettet werden könnten, sondern nur durch eine zukunftsorientierte Strategie. Zugleich wurden die SBB zu mehr Transparenz gemahnt. Eine Beteiligung des Kantons Tessin in Höhe von 100 Millionen Franken an einem neuen Industriewerk sei wohl ein «gewaltiger Hohn», wenn nachher nur noch 180 von heute 400 Arbeitsplätzen übrig blieben.