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«Die Schule darf das Thema Geld nicht ausblenden»

Daniel Zulauf
Nicole Hauser, Sekundarschullehrerin: «Besonders verwöhnte Jugendliche bringen weniger Finanzwissen mit.» (Bild: PD)

Nicole Hauser, Sekundarschullehrerin: «Besonders verwöhnte Jugendliche bringen weniger Finanzwissen mit.» (Bild: PD)

Praxiserfahrungen Die Lehrerin Nicole Hauser unterrichtet in Wädenswil ZH eine Abschlussklasse der Sekundarschule in der höchsten Leistungsstufe. Vor dem Eintritt in die Berufslehre erarbeiten die 15- bis 16-jährigen Schülerinnen und Schüler im Rahmen eines klassenübergreifenden Schwerpunktes das Thema Geld. Ein Bestandteil des Pflichtprogramms wird dies im Kanton Zürich und in vielen anderen Kantonen erst mit der Einführung des Lehrplans 21. «Es ist gut, dass der Umgang mit Geld thematisiert wird», sagt Nicole Hauser rückblickend auf ihre 17-jährige Tätigkeit als Lehrerin.

Wie viel Vorwissen haben die Jugendlichen in den Unterricht mitgebracht?

Manche wussten schon viel, andere fast gar nichts. Nach meiner Beobachtung ist der Wissensstand stark abhängig davon, ob eine Schülerin oder ein Schüler im täglichen Leben schon Geld zur Verfügung hat und den Umgang damit lernt.

Wie viel Geld haben Ihre Schülerinnen und Schüler zur Verfügung?

In meiner dritten Sekundarklasse beziehen 3 von 20 Schülern einen Jugendlohn. Sie erhalten 140 Franken bis 180 Franken im Monat auf ein Konto und müssen mit dem Geld vordefinierte Ausgaben selber bestreiten. Demgegenüber erhalten etwa ein Drittel der Schülerinnen und Schüler kein regelmässiges Taschen- geld. Diese Jugendlichen müssen mit jedem Konsumwunsch zu den Eltern gehen, die dann situativ zahlen. Mehr als die Hälfte erhalten ein Taschengeld auf monatlicher Basis. Der Betrag liegt zwischen 50 Franken und 60 Franken.

Wie und wo verwalten die Jugendlichen ihr Geld?

Einige aus meiner Klasse verfügen schon seit einiger Zeit zusätzlich zu ihrem Jugendkonto über eine eigene Debitkarte. Etwa ein Drittel der Schülerinnen und Schüler haben in der jüngeren Vergangenheit, mit Blick auf den Beginn der Berufslehre nach den Sommerferien, ein Konto eröffnet. In diesen Paketen ist oft auch schon eine Kreditkarte integriert. Ich würde sagen, etwa ein Viertel meiner Klasse besitzt eine Kreditkarte. Konsum auf Kredit ist heutzutage ein fester Bestandteil vieler Jugendlicher auch in unserer Schule.

Was verstehen Sie unter Konsum auf Kredit?

Alle meine Schülerinnen und Schüler haben schon selber Bestellungen online getätigt. Meistens versuchen sie auf Rechnung zu kaufen – im eigenen Namen. Nach dem Alter fragt niemand.

Das tönt erschreckend.

Ja. Als Erwachsene sehe ich hier natürlich sofort die Gefahr der Schuldenfalle – die Jugendlichen könnten beim Konsum überborden. Aber interessanterweise sehen die Jungen keine Gefahr darin.

Es fehlt ihnen das Problembewusstsein, oder sie haben ihr Budget im Kopf. Was ist wahrscheinlicher?

Ich habe den Eindruck, dass sie ihre Limiten kennen und den Konsum mental auch präsent haben. Ich erlebe die Jugendlichen in finanziellen Belangen als sehr realistisch.

Fakt ist, dass Geld die Menschen gierig macht und sie in die Schuldenfalle treiben kann. Wie erleben Sie das mit Ihrer Klasse?

Ich erleben alle meine Schülerinnen und Schüler als sehr vernünftig. Sie sparen durchwegs. Es kommt mir vor, als wäre Sparen eine Art Grundbedürfnis. Es ist einfach selbstverständlich. Wir haben Budgets erstellt. Dort ist der Posten ­Sparen für alle ein fester Bestandteil.

Wirkt sich der Besitz von eigenem Geld auf das Finanzwissen der Jugendlichen aus?

Das würde ich aus meiner Erfahrung klar bestätigen. Ich merke, wie die Jugendlichen gut Bescheid wissen, wenn sie die Verantwortung für ihre Finanzen selber tragen. Ich würde sagen, diese Jugendlichen wissen etwa gleich viel über den praktischen Umgang mit Geld wie wir Erwachsene. Das hätte ich nicht erwartet.

Und die anderen?

Jugendliche, denen die Eltern keine finanzielle Autonomie gewähren, haben sich nach meiner Erfahrung selber gedanklich noch kaum mit dem Thema Geld auseinandergesetzt.

Erkennen Sie familiäre Muster bei der finanziellen Erziehung?

Ich kann aus meiner persönlichen Erfahrung sagen, dass besonders verwöhnte Jugendliche, die beispielsweise auch im Haushalt kaum Verantwortung übernehmen müssen, eher wenig finanzielle Autonomie geniessen und dementsprechend auch weniger Finanzwissen mitbringen. Ich vermute, dass hinter dem Konsum dieser Jugendlichen oft auch das Streben der Eltern nach sozialem Status steht. Anders kann ich mir nicht erklären, dass gerade diese Jugendlichen oft die teuersten Anschaffungen machen.

Finanzielle Erziehung wird erst im Lehrplan 21 ein fester Bestandteil des schulischen Programms. Warum machen Sie mehr?

Die Schule darf das Thema Geld nicht ausblenden. Es ist einfach zu wichtig in unserer Gesellschaft. Ich erachte es als unsere Aufgabe, die Jungen möglichst breit auf praktische Aspekte des späteren Erwachsenenlebens vorzubereiten.

Interview: Daniel Zulauf

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