Konjunktur
Die Schweiz hat die Krise gut gemeistert – aber nun holen die anderen Länder auf

Von der wirtschaftlichen Erholung profitiert die Schweiz derzeit weniger als das Ausland. Das merkt man insbesondere am Arbeitsmarkt.

Tommaso Manzin
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Das Schweizer BIP-Wachstum dürfte dieses Jahr rund 1,5 Prozent betragen, schätzen die ETH-Experten. (Archiv)

Das Schweizer BIP-Wachstum dürfte dieses Jahr rund 1,5 Prozent betragen, schätzen die ETH-Experten. (Archiv)

Keystone/GAETAN BALLY

Die Schweiz hat wegen der zwei Frankenschocks von 2011 bzw. 2015 von der globalen Erholung weniger profitiert als andere Länder. Und diese holen auf, jedenfalls am Arbeitsmarkt. So bringt Jan-Egbert Sturm, Leiter der Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF), an der Präsentation der jüngsten Konjunkturprognosen am Mittwoch das stabile, aber nicht berauschende Wachstum in der Schweiz auf den Punkt.

Die hiesige Arbeitslosenquote dürfte 2017 und 2018 mit 3,3 Prozent nur leicht über dem langjährigen Durchschnitt von rund 3,2 Prozent verharren, wenn man die Zahlen des Staatssekretariats für Wirtschaft Seco heranzieht. Sie stützen sich auf die bei den RAV gemeldeten Personen.

Auch die auf Umfragen beruhenden 4,6 Prozent Erwerbslosigkeit gemäss internationalem Standard ILO bestätigen das Bild von Robustheit. Letztere legen aber offen, dass andere Länder aufholen. Hält der Trend an, sagt Sturm voraus, könnte nach Deutschland auch Grossbritannien an uns vorbeiziehen – Brexit-Effekte vorbehalten.

Nicht vergessen werden dabei dürfe allerdings, dass die Schweiz weniger scharfe Konjunktureinbrüche hatte in den vergangenen zehn Jahren, weshalb andere Länder Aufholpotenzial hätten, räumt er ein. Bau und Konsum stützten dank Einwanderung und tiefen Zinsen die Konjunktur. Das zeigte sich besonders nach Ausbruch der Finanzkrise von 2008: Das Minuswachstum der Schweizer Wirtschaft war kleiner als im Ausland. Zudem drehte das Wachstum schon ein Jahr später wieder ins Plus. Die seismografisch anmutende Linie in der Hauptgrafik führt den Effekt der Krisen auf das Bruttoinlandprodukt (BIP) eindrücklich vor Augen.

«Der Franken ist noch nach wie vor überbewertet»: Jan-Egbert Sturm, Leiter der Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF).

«Der Franken ist noch nach wie vor überbewertet»: Jan-Egbert Sturm, Leiter der Konjunkturforschungsstelle der ETH (KOF).

KEYSTONE/GAETAN BALLY

Banken wittern Morgenluft

Das Wachstum dürfte sich in diesem Jahr zwar leicht auf 1,5 Prozent beschleunigen. Im Vorjahr betrug es nach vorläufigen Schätzungen des Seco 1,3 Prozent. Im Dezember war die KOF mit 1,6 Prozent aber zuversichtlicher gewesen. 2018 dürfte das BIP um 1,9 Prozent zulegen. Das zeigt: Dank Euromindestkurs und Eurokäufen hat die Nationalbank die Schocks gedämpft – aber auch über die Zeit verteilt. Den glimpflichen Ausgang scheint die Schweiz nun, da die Erholung in anderen Ländern Tritt fasst, damit zu zahlen, dass der Konjunkturmotor nicht mehr gar so gut anspringt. Der Aufwärtsdruck auf den Franken halte zudem an.

In jüngster Zeit schwankte der Kurs gegenüber dem Euro zwischen 1.06 und 1.08 Franken pro Euro. Die KOF geht davon aus, dass sich das Verhältnis um die 1.07 Franken/Euro einpendelt. «Der Franken ist nach wie vor überbewertet», sagt Sturm, und stimmt damit ins Credo der Nationalbank ein, das diese bei jeder Gelegenheit wiederholt.

Nach einer Delle 2016 sollte die Bauwirtschaft wieder leicht anziehen. Vor allem aber sind die Banken zurück im Geschäft. Dies vor allem deshalb, weil die Zinsen für längere Laufzeiten zaghaft nach oben kriechen. Das ist gut für die Banken, weil sie sich typischerweise kurzfristig zu tiefen Zinsen finanzieren und das Geld langfristig wieder ausleihen. Detail- und Grosshandel trugen 2016 leicht unterdurchschnittlich zur Wirtschaftsentwicklung bei. Der Detailhandel litt weiterhin unter dem starken Franken. Zwar nehmen die Auslandseinkäufe gemäss KOF jüngst nicht mehr zu, eine Abnahme zeichne sich aber ebenfalls nicht ab.

Am meisten wächst das Gesundheits- und Sozialwesen. Mit einer Zunahme von 4,8 Prozent ist der Anteil dieser Branche an der nationalen Wertschöpfung auf 7,9 Prozent gestiegen. Für den Arbeitsmarkt ist die Branche noch wichtiger: 14,1 Prozent waren 2016 in diesem Sektor angestellt. Auch in Zukunft werden gemäss KOF vor allem im staatsnahen Gesundheitssektor Jobs geschaffen.

Kaufkraft stagniert

Bei den Löhnen dürften die besten Zeiten für ein Weilchen schon wieder hinter uns liegen – zumindest inflationsbereinigt. Zwar steigen die Löhne nominell (in Franken) leicht. Doch berücksichtigt man die Teuerung, hat der Reallohn in den letzten Jahren erstaunlich stark zugenommen. Dank des harten Frankens wurden die Produkte und Dienstleistungen billiger, die Teuerung war negativ. Das erhöhte die Kaufkraft der Löhne, auch wenn sie nominell (in Franken) wenig steigen.

Die Inflation ist zwar nur knapp über die Nulllinie gekrochen. Aber allein dadurch dreht der bisherige Beitrag der negativen Teuerung, die sich in einem Plus für die Kaufkraft der Arbeitnehmer auswirkte, ins Minus. Trotz leichter Zunahme bei den nominellen Löhnen resultiert daher real ein sehr magerer Anstieg (vgl. untere Grafik rechts). Die Unternehmen sind zudem sparsam mit Saläraufbesserungen. In den letzten Jahren sind die Lohnsummen insgesamt gestiegen, und zwar mehr als die Produktivität der Arbeit.