Energiewende

Die Schweiz wird zur Batterie Europas - dank Aargauer ABB-Power

Neuartiger Umrichter in Betrieb genommen: Scheint überall die Sonne, speichern Wasserkraftwerke die überschüssige Energie. Was unspektakulär tönt, ist ein wichtiges Mosaiksteinchen der Energiewende. Mitten drin als Lieferant: Die ABB

Marc Fischer, Grimsel
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Grimsel: Soll Schwankungen der Solar- und Windenergie ausgleichen. MFS

Grimsel: Soll Schwankungen der Solar- und Windenergie ausgleichen. MFS

Die Kraftwerke Oberhasli (KWO) haben in ihrem Pumpspeicherkraftwerk auf dem Grimsel einen neuartigen Umrichter in Betrieb genommen.

Was unspektakulär tönt, ist ein wichtiges Mosaiksteinchen der Energiewende.

Die Wasserkraft und die darauf basierenden Pumpspeicherkraftwerke, wie das von der KWO betriebene auf dem Grimsel, spielen in der Stromversorgung der Zukunft nämlich eine wichtige Rolle.

Zunächst ermöglicht der in Turgi AG bei der ABB hergestellte Umrichter einfach mal die stufenweise Regulierung der Volumen der von den Kraftwerk-Pumpen geförderten Wassermengen. Pumpspeicherkraftwerke erzeugen nämlich nicht nur Strom.

Sie nützen auch im Stromnetz nicht benötigte Energie, um Wasser in einen höher gelegenen Stausee zu pumpen und dort zu speichern. Bei zu geringer Netzauslastung treibt das gespeicherte Wasser dann die Turbinen des Kraftwerks an und es wird wieder Strom erzeugt.

Ein Nebenprodukt der Atomenergie

Die Speicherkraftwerke waren ein Nebenprodukt der Atomenergie-Ära. Denn die Atomkraftwerke erzeugten auch in der Nacht Strom, also zu einer Tageszeit, in der die Nachfrage verschwindend klein war.

«Wasser ist ein geniales Speichermedium und so baute man Pumpspeicherkraftwerke um die Überproduktion der Atomkraftwerke nutzen zu können», sagte Gianni Biasutti, CEO der KWO, gestern am Rande eines von der ABB organisierten Medienanlasses auf dem Grimsel.

Der in vielen Ländern Europas beschlossene Ausstieg aus der Atomenergie bedeutet aber nicht automatisch das Aus der Pumpspeicherwerke.

Im Gegenteil: Speichermöglichkeiten werden wegen der stärkeren Nutzung von Sonnen- und Windenergie in Zukunft wichtig bleiben.

«Kommt eine Wolke, bricht die Stromproduktion einer Photovoltaik-Anlage augenblicklich zusammen», sagte Remo Lütolf, Vorsitzender der Geschäftsleitung von ABB Schweiz. Und auch die Stromproduktion durch Windanlagen sei volatil.

Schwankungstoleranz ist gering

Alpennationen wie die Schweiz oder Österreich spielen in der internationalen Stromversorgung der Zukunft deshalb eine wichtige Rolle.

Sie werden zu einer Art Batterien Europas. Sie speichern die überschüssige Energie, wenn überall die Sonne scheint und der Wind bläst, und liefern Strom bei naturbedingten Versorgungslücken.

Da die grossen Stromnetze bei der Netzspannung aber nur sehr geringe Schwankungstoleranzen kennen, ist eine genaue Regulierung der zu- und abgeführten Strommengen das A und O einer sicheren Netzversorgung.

Technisch gesprochen: Steigt die Sollspannung von 50 Herz über die Toleranzgrenze von 50,5 Herz, wird der Netzbetreiber schnell mal das Netz runterfahren, um einen grösseren Unfall zu vermeiden.

Die Ingenieure von ABB sehen im neuen Umrichter im Grimselwerk deshalb einen Quantensprung für die Energiezukunft.

«Auch die Endverbraucher profitieren, weil damit die Netzsicherheit erhöht wird», so Fritz Wittwer, der als Projektleiter die Herstellung des Umrichters in der ABB-Fabrik in Turgi betreut hat.

Kurzfristig warten harte Zeiten

Trotz der zukunftsweisenden Funktion von Wasserkraftwerken operieren die Betreiber in einem schwierigen Umfeld.

Wegen der Förderung von erneuerbaren Energien mit staatlichen Subventionsgeldern produziert Deutschland mittlerweile so viel Solarstrom, dass es über die Mittagszeit zu Überkapazitäten kommt und die Strompreise an der internationalen Stromhandelsbörse eingebrochen sind.

Die Folge: Nicht subventionierte Formen der Energieherstellung sind unrentabel geworden.

«Es braucht dringend neue politische Lösungen, damit weiterhin in Wasserkraft investiert wird», sagte Kurt Rohrbach, Präsident des Verbandes Schweizerischer Elektrizitätsunternehmen (mehr zur Subventionsproblematik im Artikel unten).

Kurzfristig steht der Wasserkraft also eine harte Zeit bevor. Langfristig scheint eine Energiewende ohne Wasserkraft allerdings kaum denkbar. «ABB kann sich freuen: Wir werden in Zukunft sicher noch einige Umrichter benötigen», so KWO-CEO Biasutti.