Geldpolitik
Die Strafzinsen der Nationalbank säen Zwist unter Banken

Die Geldpolitik der Schweizerischen Nationalbank bringt die Privatbanken in die Bredouille und zwingt Anleger, mehr Risiko zu fahren.

Andreas Schaffner
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Die Privatbanken fühlen sich von der SNB-Negativzinspolitik gegenüber Universal- und Grossbanken benachteiligt.Martial Trezzini/keystone

Die Privatbanken fühlen sich von der SNB-Negativzinspolitik gegenüber Universal- und Grossbanken benachteiligt.Martial Trezzini/keystone

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Die Aufforderung kam per Telefon. Der Kundenberater einer Privatbank rief einen Kunden dazu auf, seine Cash-Position zu überdenken, sonst drohten Negativzinsen auf Teilen seines nicht ganz unbedeutenden Sparguthabens, das nicht angelegt ist. Man riet ihm, den Aktienanteil zu erhöhen.

Der Kunde will anonym bleiben. Doch das Beispiel zeigt: Die Lage der Privatbanken mit ihren vermögenden Kunden aus aller Welt ist unangenehm. Seit über einem Jahr gelten in der Schweiz Negativzinsen: Banken werden bestraft, wenn Sie Geld bei der Nationalbank parkieren. Am 15. Januar 2015 wurde zusammen mit der Aufhebung des Euro-Mindestkurses beschlossen, den Zins auf Guthaben von Girokonten, die einen bestimmten Freibetrag übersteigen, auf −0,75 Prozent zu senken.

Dieser Strafzins, der die Attraktivität des Frankens senken soll, stellt Banken vor ein ungewohntes Problem: Sie haben kein Interesse mehr, dass ihre Kunden Millionen in Cash horten. Damit führen Negativzinsen dazu, dass Sparer beim Anlegen mehr Risiken eingehen müssen. Dies ist bei Firmenkunden und Pensionskassen schon der Fall.

Damit nicht genug: Bereits wird darüber spekuliert, ob die Schweizerische Nationalbank (SNB) die Situation gar verschärfen wird. Dies etwa, wenn das Wirtschaftsumfeld schlechter, die Geldpolitik in Europa noch expansiver wird und ausländische Anleger erneut den Schweizer Franken als Fluchtwährung brauchen.

Möglich wäre laut Beobachtern dann, dass die SNB, den Freibetrag senkt, der derzeit beim 20-Fachen der Mindestreserven eines Institutes liegt. Dies stehe nicht unmittelbar bevor, sagte SNB-Präsident Thomas Jordan zwar kürzlich in Washington, wo er an der Frühjahrstagung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank teilnahm.

Doch ganz beruhigt waren die Privatbanker danach nicht. Jordan liess sich im Interview mit der Nachrichtenagentur Bloomberg eine Hintertür offen: «Wie bereits zuvor gesagt, könnte dies potenziell auch ein geldpolitisches Instrument sein.»

Nur investiertes Geld erwünscht

Sukkurs erhalten Schweizer Privatbanker vom Chef des global grössten Vermögensverwalters Blackrock: Laurence Fink. In einem Brief an seine Aktionäre warnt er, die Null- bzw. Negativzinspolitik strafe Sparer weltweit und schaffe Anreize, nach Rendite zu jagen. Das dränge Investoren in weniger liquide und riskantere Anlageklassen.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat sich indes positiv zur Einführung von Negativzinsen geäussert. Neben der SNB haben fünf andere Notenbanken Negativzinsen eingeführt, darunter die Europäische Zentralbank (EZB) und die Zentralbank Japans. EZB-Chef Mario Draghi verteidigte kürzlich die Niedrigzinspolitik.

Er zeigte zwar Verständnis für die Ängste der Sparer. Sie würden aber mit ihren Anlageentscheidungen selbst bestimmen, wie hoch ihre Erträge ausfielen. «Die Sparer müssen ihr Geld nicht nur auf dem Sparbuch anlegen, sondern haben auch andere Möglichkeiten», so Draghi. Er verwies auch darauf, dass der reale Zins – also der Zins minus aktueller Inflationsrate – gar nicht so niedrig sei.

Dasselbe gilt auch für die Schweiz. Pech haben hier just jene Institute, die vorher von der Finanzkrise profitiert haben und stark gewachsen sind. So etwa die Postfinance. Sie kann ihr Geld nicht im grossen Stil anderweitig anlegen – das Gesetz verbietet ihr, Kredite zu vergeben. Sie muss das überschüssige Geld daher bei der SNB parkieren und dafür Negativzinsen zahlen. Das kostete 2015 einen Betrag «in mittlerer einstelliger Millionenhöhe». Sie begann deshalb schon im vergangenen März, die Zinssätze zu senken und bei Grosskunden Negativzinsen zu verlangen.

Privatkunden sind nicht betroffen: «Aus heutiger Sicht werden unsere Privatkundinnen und Privatkunden keine Guthabengebühr bezahlen müssen», schreibt die Post-Tochter auf Anfrage. In einen Engpass kommen auch gewisse Kantonalbanken, die den Freibetrag übersteigen (vgl. Kasten).

Privatbanken wie Pictet, Lombard Odier Julius Bär oder Vontobel sind im Gegensatz zu Universal- und Grossbanken nicht im Geschäft mit Hypotheken. Auch sie müssen daher das überschüssige Geld bei der Nationalbank anlegen. Um Negativzinsen zu sparen, versuchen sie, ihre Kunden zum Anlegen der Gelder zu bewegen.

Im Fokus sind vor allem reiche Kunden oder Familien. Vereinzelt ist zu hören, dass Kunden gedroht wurde, die Geschäftsbeziehung abzubrechen.

Ab einer Million zahlt der Kunde

Offiziell bestätigen will das niemand. Bei Julius Bär versucht man, die Last der Negativzinsen auf «drei Schultern» zu verteilen: Einerseits werden Kunden dazu bewegt, das Geld zu investieren, auf der anderen Seite kann der Kundenberater die Gebühren für andere Dienstleistungen erhöhen. Oder die Bank nimmt einen Teil des «Strafzinses» auf die «eigene Kappe». Auch bei Vontobel und Lombard Odier will man das Gespräch mit den Kunden suchen.

Bei Pictet geht man zwar davon aus, dass Kunden am Finanzmarkt investieren wollen – und nicht Bargeld parken. Doch auch hier hat sich der Ton verschärft: «Für Kunden, die trotzdem Cash bei uns liegen lassen, etwa in einem nicht verwalteten Konto oder Beratungsmandat, fallen Negativzinsen ab einem Betrag von einer Million Franken an», schreibt die Bank auf Anfrage. Auch bei tieferen Summen stelle man sicher, dass das Bargeld nicht auf Dauer parkiert sei, sondern um «künftige Opportunitäten» zu nützen.

Ähnlich bei der zur Raiffeisen-Gruppe gehörende NotensteinLaRoche-Privatbank: «Grundsätzlich geben wir keine Negativzinsen an Privatkunden weiter», so eine Sprecherin, «allerdings unterziehen wir Cash-Bestände juristischer Personen einer Einzelfallbeurteilung und belasten Negativzinsen wenn angebracht.»

Im Gespräch mit Vertretern der Privatbanken wird klar, dass man sich von der aktuellen Regelung bei den Negativzinsen benachteiligt fühlt. Die Grossbanken würden profitieren, heisst es. Einmal mehr sei man gezwungen, Regeln zu akzeptieren für Schäden, die andere angerichtet hätten.

Tatsächlich haben beide Grossbanken noch keine Negativzinsen bei ihren Privatkunden eingeführt: «Derzeit plant die Credit Suisse keine Einführung von Negativzinsen bzw. Guthabenkommissionen auf Sparguthaben von Individualkunden», heisst es bei der CS. Bei der UBS will man sich nicht auf eine klare Formulierung auslassen.