Luftfahrt
Die Swiss wird zur Balkan-Airline – Schweizer Migranten freuts

Die Swiss drängt nach Südosteuropa. Genauer: auf den Balkan. Im Kampf um einen Platz am europäischen Himmel setzt die Airline neuerdings auf Migranten.

Daniel Fuchs
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Den Blick über den Talkessel von Sarajevo schweifen lassen – Swiss fliegt die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina ab nächstem Sommer direkt an.Emanuel Per Freudiger
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Bald auch möglich: zur Alexander-Newski-Kathedrale in Sofia, Bulgarien.Key
Mit der Swiss nach Podgorica, Montenegro.Colourbox
Von Zürich nach Banja Luka in Bosnien und Herzegowina.HO
Eine Auswahl der 22 neuen Swiss-Destinationen

Den Blick über den Talkessel von Sarajevo schweifen lassen – Swiss fliegt die Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina ab nächstem Sommer direkt an.Emanuel Per Freudiger

Statt mit einem wohlvertrauten «Grüezi» könnte die Swiss ihre Passagiere bald mit einem freundlichen «Dobro došli u avionu!» begrüssen. «Willkommen an Bord!» Denn die Swiss setzt ab dem Sommerflugplan 2015 auf Direktflüge nach Sarajevo, Banja Luka, Zagreb und Podgorica.

Insgesamt will die Schweizer Fluggesellschaft 22 neue europäische Destinationen anfliegen, darunter Ziele wie das süditalienische Neapel oder Bari, aber auch Sofia in Bulgarien, Porto an der portugiesischen Atlantikküste und Toulouse im Südwesten Frankreichs.

Doch warum um alles in der Welt braucht es einen Direktflug von Zürich nach Podgorica, der Hauptstadt des Zwergstaats Montenegro? Welche Menschen sollen eine Maschine nach Banja Luka in Bosnien-Herzegowina füllen? Und zieht Sarajevo als Hauptstadt desselben Landes genügend Menschen aus der Schweiz an, um eine Fluglinie profitabel zu betreiben?

Die Migranten freuen sich

Marktanalysen haben die Swiss-Chefs überzeugt: Migranten sollen es richten. Diese freuen sich. Ihnen verspricht das erweiterte Angebot Schweizer Qualität mit Swiss-Schöggeli und rechtzeitig eintreffendem Gepäck. Für Hamdija Kocic von der Kulturorganisation Matica Bosnien und Herzegowina mit Sitz in Zürich hat die Swiss brachliegendes Potenzial entdeckt: «Die Marke Swiss wird sich auf uns Bosnier anziehend auswirken.»

Kocic ist überzeugt, dass eine Nachfrage vorhanden ist, obwohl es bereits heute günstige Direktflüge nach Bosnien gibt: Die Billigairline Wizz Air bedient ab Basel Tuzla, und die bosnische Fluggesellschaft B&H Airlines fliegt mit einem Zwischenstopp in Banja Luka Sarajevo an. «Richten wird es letztlich der Preis», sagt Kocic. Zwar seien seine Landsleute auch mit den bestehenden Angeboten zufrieden. Doch wenn die Qualität stimme, könne auch der Preis etwas höher liegen. Kocic wird geradezu euphorisch: «Je näher Bosnien letztlich an Westeuropa rückt, umso besser», ist er überzeugt.

Die Nachfrage sei da, sagt auch Patrick Huber, Chefredaktor des Branchenmagazins «Cockpit»: «Menschen, die hierzulande arbeiten, ihre Wurzeln aber auf dem Balkan haben, sind bereit, einen höheren Preis für das Flugticket zu zahlen, wenn sie dafür sicher sein können, dass der Flug auch pünktlich ist und das Gepäck ankommt.» Das könnten die lokalen Fluggesellschaften oft nicht garantieren, sagt Huber.

Hinzu kommt, dass kleine Gesellschaften wie B&H Airlines und Montenegro Airlines, die schon heute Zürich direkt mit Podgorica verbindet, wirtschaftlich am Abgrund stehen, wie der Aviatik-Experte und Geschäftsführer des Online-Portals CH-Aviation, Thomas Jaeger, sagt.

Am europäischen Himmel tobt der Verdrängungswettbewerb erbarmungslos. Richten sollen es die Migranten: Wenn nicht mehr für ihre regionalen Fluggesellschaften wie B&H Airlines oder Montenegro Airlines, dann wenigstens für die stolze Swiss, die sich um jeden Preis am europäischen Himmel festzuhalten versucht.

«Flüge werden ausgebucht sein»

Migranten wollen die alte Heimat besuchen, Geschäfte machen, dort ihre Ferien verbringen – das trifft auch auf die Italiener zu. So fallen gleich vier süditalienische Neudestinationen auf, welche die Swiss ab nächstem Sommer mehr oder weniger regelmässig anfliegen will. Darunter die Metropole Neapel.

Die Neapolitaner in Zürich frohlocken: «Endlich kann ich nach Neapel fliegen», schreibt einer in der Kommentarspalte von «20min.ch» und verspricht: «Bei all den Zürcher Neapolitanern werden die Flüge immer ausgebucht sein!» Diese können zwar schon heute direkt in die alte Heimat reisen. Allerdings müssen sie dafür zuerst nach Basel fahren, um dort in einen Easyjet-Flieger zu steigen.

Ob Zürich–Sarajevo oder Zürich–Neapel: Die Swiss, die ihren traditionellen Hub in Zürich weiterhin aufrechterhalten will, ergänzt ihren Flugplan mit Linien, die selbsttragend Potenzial versprechen. Im Fachjargon nennt man das Point-to-Point-Strategie. Experten gehen von durchschnittlich eins bis drei Jahren aus, bis eine Strecke profitabel wird. Denn zuerst müssen die Strecken teuer beworben und Kunden gewonnen werden.

Noch teurer könnten die Swiss drei weitere neue Fluglinien zu stehen kommen: Mit den ebenfalls geplanten Direktflügen nach Dresden und Leipzig sowie mit bis zu drei täglichen Flügen zwischen Genf und Lugano greift die Swiss die Fluggesellschaft Etihad Regional an. Diese wird gespeist von Öl-Milliarden der Vereinigten Arabischen Emirate. Diese müssen im Wüstensand keine Lärm-, Lande- und Startbeschränkungen einhalten. Und setzen nun zu einem gnadenlosen Eroberungssturm am europäischen Himmel an.
Die Idee: Ein zusätzlicher europäischer Hub soll Abu Dhabi beliefern. Dazu kaufte sich Etihad bei der Tessiner Fluggesellschaft Darwin ein. Mit ihrem Angriff versucht die Swiss nun, die Hoheit in Genf und Zürich zurückzuerobern. Die Linie Genf–Lugano gehört zu den erfolgreichsten von Etihad Regional. Jene zwischen Zürich und Dresden dürfte es noch werden. Oder wie Thomas Jaeger vom Online-Branchenportal CH-Aviation sagt: «Wenn es die richtige Strategie ist, dann hat die Swiss die richtigen Strecken ausgewählt.» Doch eben: Ob es überhaupt die richtige Strategie ist, daran zweifelt letztlich auch er.