Uli Hoeness
Die Taten von gestern, die Moral von heute und das Recht auf Fairplay

Die Zeiten, als Steuerhinterziehung ein Kavaliersdelikt war, sind vorbei. Uli Hoeness hat dies zu spät erkannt. Aber: Wenn sich Wertvorstellungen ändern ist bei der Beurteilung früherer Taten Vorsicht geboten.

Christian Dorer
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Uli Hoeness Ein Bild aus fröhlicheren Zeiten.

Uli Hoeness Ein Bild aus fröhlicheren Zeiten.

Keystone

Bayern-Präsident Uli Hoeness verblüfft Freund und Feind. Er akzeptiert die Strafe von dreieinhalb Jahren Gefängnis und sagt dazu: «Das entspricht meinem Verständnis von Anstand, Haltung und persönlicher Verantwortung. Steuerhinterziehung war der Fehler meines Lebens. Den Konsequenzen dieses Fehlers stelle ich mich.» Für diese Worte erntet er Respekt.

Dass ausgerechnet Hoeness in Talkshows gern gegen Gier und Abzockerei wetterte, kann man als Ironie der Geschichte abbuchen. Die wahre Tragik ist die: Hoeness hat die Zeichen der Zeit zu spät erkannt. Steuerhinterziehung galt über Jahrzehnte als Kavaliersdelikt. Das hat sich geändert, seit den Staaten das Geld fehlt. Der Normalbürger fragt sich zu Recht: Warum füllen wir da unten brav unsere Steuererklärung aus und die da oben nutzen Schlupflöcher?

Innert weniger Jahre hat punkto Steuerehrlichkeit ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Immerhin: Deutsche Steuersünder können eine Gefängnisstrafe vermeiden, wenn sie freiwillig alles auf den Tisch legen - was derzeit im grossen Stil passiert. Deshalb verdient Hoeness kein Mitleid: Er hätte lange genug Zeit gehabt, den «Fehler seines Lebens» zu korrigieren. Seit Jahren hätte ihm klar werden können, dass er mit Steuerhinterziehung auf Dauer nicht durchkommt.

Problematisch jedoch wird es dann, wenn Vorgänge aus der Vergangenheit aus heutiger Optik beurteilt werden. Schweizer Banker halfen Bürgern aus aller Welt jahrzehntelang, ihre Steuern zu hinterziehen. Früher war das ein Geschäftsmodell, heute ist es kriminell. Kann man die Banker deshalb aus heutiger Warte verurteilen?

Man muss da schon fair bleiben: Es ist nichts dagegen einzuwenden, wenn sich Wertvorstellungen einer Gesellschaft verschieben. Aber dann bitte mit Übergangsfrist. Eine solche bräuchte es auch, falls die Schweiz den Unterschied zwischen Steuerbetrug und -hinterziehung aufheben sollte.

Es gibt unzählige Lebensbereiche, in denen unsere Gesellschaft ihre Optik verschoben hat: Früher fuhr man auch dann mit dem Auto nach Hause, wenn man zu viel getrunken hatte. Damals drückte man ein Auge zu, heute gilt null Toleranz. Früher sprach man von den «Negern» in Afrika, die NZZ etwa titelte in einer Ausgabe von 1955 «Bei den Urwaldzwergen» - heute empfinden wir beides als hochgradig rassistisch. Früher rauchten Teilnehmer von TV-Diskussionen frisch-fröhlich vor laufender Kamera - heute ist Rauchen praktisch überall verboten, kaum jemand lässt sich noch mit einer Zigarette in der Hand fotografieren.

Der grüne Europa-Abgeordnete Daniel Cohn-Bendit schrieb in seiner Revoluzzer-Autobiografie von 1975 eine Passage über erotische Begegnungen mit Kindern. Damals fand das in keiner Rezension Erwähnung, Jahrzehnte später brachte es Cohn-Bendit in Pädophilie-Verdacht. Interessant wäre es auch, die Argumente nachzulesen, mit denen konservative Schweizer Männer einst den Frauen das Stimmrecht verweigern wollten.

Viele Geschichten von früher sind heute bloss deshalb kein Thema, weil sie kaum mehr auffindbar sind - was auch gut ist so: Schliesslich darf man sich weiterentwickeln.

Wie aber wird das in Zukunft sein? Das Internet raubt uns das Recht auf Vergessen: Alles verbleibt auf ewig im Netz. Dazu kommt die Tendenz, dass sich die Gesellschaft heute gern und schnell empört. Und dass sich jeder bemüssigt fühlt, über andere moralisch zu urteilen. Die Welt ist transparent wie noch nie. Das bringt viele Vorteile - Diktatoren haben es schwerer, Plagiate fliegen auf, Verbrecher können nicht mehr so einfach abtauchen.

Totale Transparenz aber birgt auch eine grosse Gefahr: dass wir ständig Taten von früher mit der Moral von heute messen. Wer war noch nie froh darüber, dass sein leeres Geschwätz von gestern heute niemanden mehr kümmert?