Die Transaktionen von Ivan Glasenberg und die Ermittlungen der US-Justiz nähren das Misstrauen der Anleger in Glencore

Mit dem milliardenschweren Rückkauf eigener Aktien beweist Ivan Glasenberg auch diesmal keine glückliche Hand. Zusätzlich zu Ermittlungen der US-Justiz nährt dies das Misstrauen der Anleger.

Daniel Zulauf
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Demonstranten protestieren gegen Glencore vor der Jahresversammlung des Unternehmens. (Bild: Alexandra Wey/Keystone (Zug, 2. Mai 2018))

Demonstranten protestieren gegen Glencore vor der Jahresversammlung des Unternehmens. (Bild: Alexandra Wey/Keystone (Zug, 2. Mai 2018))

Die beste Rendite brächten derzeit wohl doch die eigenen Titel. Vor drei Wochen sah sich Glen­core-Chef Ivan Glasenberg genötigt, der Investorengemeinde seine Präferenz für Aktienrückkaufe noch einmal zu erläutern. Er hatte dies schon Anfang Juli getan, als der Rohstoffkonzern den Start eines solchen Rückkaufprogrammes im Wert von einer Milliarde US-Dollar ankündigte. Kann sein, dass die Verlautbarung den seinerzeitigen scharfen Kurseinbruch der Aktien etwas abgebremst hat. Verdient haben die Aktionäre aber bis heute noch nichts, denn scharf auf Glencore-Aktien ist neben Glencore offensichtlich kaum jemand.

Dabei stehen die Titel bei den Finanzanalysten hoch im Kurs, wie die kompilierten Analysen des Finanzinformationsdienstleisters Thomson Reuters zeigen. Drei von vier empfehlen ihren Kunden mehr oder weniger dringend, die Papiere zu kaufen – mit einem Kursziel von durchschnittlich 420 Pence, also mehr als 30 Prozent über dem aktuellen Börsenkurs.

Im Visier der US-Justiz

In einer Zeit wie dieser, in der die Investoren rund um die Welt rastlos nach der schnellen Rendite jagen, ist eine derart hohe Differenz ungewöhnlich. Sie sagt viel über das angeknackste Vertrauen der Investoren aus. Dafür gibt es gute Gründe: Glencore führt im Kongo einen langwierigen Kampf um die Eigentumsrechte in den dortigen Kupfer- und Kobaltminen. Dahinter verbergen sich die wenig transparenten Geschäfte mit dem regierungsnahen Vermittler Dan Gertler, den die USA 2017 wegen Verletzungen der Antikorrup­tions- und Menschenrechtsgesetzgebung auf eine Sanktionsliste setzten. Anfang Juli ist bekannt geworden, dass die US-Justizbehörden bei Glencore Nachforschungen zu verdächtigen Geschäftspraktiken in Nigeria, Venezuela und eben im Kongo anstellen. Das Departement of Justice verlangte die Einreichung von Dokumenten im Zusammenhang mit möglichen Verstössen gegen Antikorruptions- und Geldwäschegesetze. Erfahrungsgemäss zeigt sich die US-Justiz wenig nachsichtig mit Firmen, die sich Korruption zu Schulden kommen lassen. Dementsprechend heftig reagierte auch die Börse.

Beliebt bei Spekulanten

Die hohen Kurserwartungen der Finanzanalysten stehen nur scheinbar im Widerspruch zur gelebten Vorsicht der Investoren. Tatsächlich haben die Kursziele und Kaufempfehlungen aus dem Broker-Gewerbe oft mehr Gemeinsamkeiten mit Tipps für Pferdewetten als mit betriebswirtschaftlich robusten Analysen. Ein Grund dafür ist, dass sich Rohstoffaktien besonders gut für solche Wetten eignen. So hat sich in den vergangenen zehn Jahren der Preis wichtiger Rohstoffe wie Erdöl oder Kupfer gleich mehrfach geviertelt oder gar gefünftelt, um kurz darauf wieder auf das alte Niveau zurückzukehren. Weil die Aktien von Rohstoffkonzernen solche Preisbewegungen relativ eng nachvollziehen, sind sie bei Spekulanten besonders beliebt.

Dass auch Glencore-Chef Glasenberg ein Flair für riskante Wetten besitzt, hat dieser in der Vergangenheit mehrfach bewiesen. Schon im Sommer 2014 hatte Glencore den Rückkauf eigener Aktien im Wert von einer Milliarde Dollar angekündigt. Zum Zeitpunkt der Ankündigung wurden die Glencore-Aktien an der Londoner Börse zu Kursen von um die 360 Pence gehandelt. Getrieben vom Einbruch der Rohstoffmärkte, stand der Kurs sechs Monate später bei 250 Pence und im Herbst 2015 bei weniger als 70 Pence. Glencore musste ein radikales Sanierungsprogramm einleiten und insbesondere die in horrende Dimensionen gestiegene Verschuldung abbauen. Dafür wurden auch die Aktionäre zur Kasse gebeten – notabene ein halbes Jahr nach Abschluss des Rückkaufprogrammes. 2,5 Milliarden Dollar sollten sie in die verschuldete Firma stecken, um dieser Zeit für die Sanierung zu verschaffen. Ein gutes und vor allem ein exklusives Geschäft, wie sich bald zeigte. Die neuen Aktien wurden – an der breiten Eigentümerbasis vorbei – an eine kleine Gruppe von Investoren vergeben. Ein guter Fünftel ging an Glasenberg und sein Management.

Veritables Schnäppchen

Mit der Transaktion machten sie sich im Finanzmarkt nicht beliebter, zumal bald klar wurde, dass der Ausgabepreis der neuen Aktien von 125 Pence ein veritables Schnäppchen war. Die Geschichte ist in den einschlägigen Investorenkreisen kaum vergessen. Vielmehr ist zu vermuten, dass sie das aktuelle Misstrauen der Anleger zusätzlich nährt. Dass sich Glencore im Umgang mit Aktionären immer wieder ungeschickt gebärdet, hat wohl auch einiges mit Glasenbergs Prägung zu tun. Der Wahlschweizer mit südafrikanischen Wurzeln ist in seiner langen Karriere im Rohstoffgeschäft selber im kurzlebigen Trading (erfolg-)reich geworden. Als er 2002 zum CEO von Glencore aufstieg, war diese noch ein privates Handelsunternehmen. Erst durch die Fusion mit Xstrata wurde Glencore zu einem Bergbaukonzern mit offener Eigentümerschaft.

Doch Glasenberg beweist mit seinen erratischen Manövern, dass er dieses Bewusstsein noch nicht verinnerlicht hat. Für den Kapitän eines Konzerns, der mit seinen über 140 000 Mitarbeitern rund um den Globus mehr als 200 Milliarden Dollar Jahresumsatz generiert, ist eine gesunde Distanz zum täglichen Auf- und Ab der Börsen das einzig richtige Rezept. Doch ein Mann wie Glasenberg lässt sich auch von den eigenen Aktionären nicht so leicht in Frage stellen. Schliesslich besitzt er mit 8,4 Prozent am zweitmeisten Anteile an dem Konzern, der an der Börse immer noch mit 46 Milliarden Pfund bewertet wird.