Die Veredelung der Akustik

In prominenten und exponierten Räumen wird Wert auf eine hervorragende Raumakustik gelegt. Die technisch-ästhetischen Lösungen dazu erbringt n’H Akustik + Design AG – eine Holz verarbeitende Unternehmung aus Lungern.

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Arthur Fries in seiner Produktionsanlage in Lungern. (Bild: AHY)

Arthur Fries in seiner Produktionsanlage in Lungern. (Bild: AHY)

Wenn im Deutschen Bundestag – wie vor kurzer Zeit geschehen – in kräftigen Worten über unser Bankgeheimnis hergezogen wird, verschwindet der Schall der pointierten Aussagen in einem schweizerischen Produkt: Die Schallabsorptionswände links und rechts des Reichsadlers im machtvollsten Gebäude unserer Nachbarn stammen aus dem Kanton Obwalden. «Als damals die Anfrage aus dem Büro des Stararchitekten Norman Foster eintraf, trauten wir unseren Augen nicht» erzählt Arthur Fries, der Eigentümer und CEO der n’H Akustik + Design AG. «Dass ausgerechnet im Tabernakel der deutschen Politik ein Schweizer Produkt zum Einsatz kommen sollte, erschien mir unrealistisch». Die Anfrage war real: Nicht nur im Plenarsaal vom Reichstagsgebäude, auch in den Sitzungszimmern, im Plenarsaal des deutschen Bundesrats sowie in den Räumen von Angela Merkel im Kanzleramt sorgen die Topakustik-Elemente der Unternehmung aus der Zentralschweiz dafür, dass man sich besser versteht.

Länder und Persönlichkeiten

«Es gab eine Zeit, da hätten wir alleine von Aufträgen aus der deutschen Hauptstadt leben können», schmunzelt Arthur Fries. Doch die Denkweise des Akustik-Tüftlers war immer global: Die Liste der Gebäude, die mit seinen schallabsorbierenden Elementen ausgerüstet sind, reicht über alle Kontinente: von der Bank of China in Asien, über Wolkenkratzer am Persischen Golf und Konzerthäuser in den USA bis hin zum KKL in Luzern. Persönlichkeiten der Branche schwören auf die Produkte von Arthur Fries: «Immer, wenn Mario Botta etwas Grösseres baut, kommt die Topakustik ins Spiel» sagt der Geschäftsinhaber, betont aber auch, dass «diese Objekte tolle Aufhänger für unser Marketing sind.» Für die kontinuierliche Auftragslage sorgen viele kleinere Arbeiten wie Wohnzimmerdecken, Wand- und Deckenbekleidungen in Bürogebäuden oder Schulräumen.

Die Kreation dieses – so hoch darf die Qualifikation greifen – genialen Produktes entstand auf einem Telefon-Notizblock. Arthur Fries übernahm 1991 die Leitung der Neuen Holzbau AG in Lungern, einer regional verankerten Zimmerei. Wegen akutem Platzmangel musste der neue Geschäftsleiter sich zuerst ein Büro herrichten. «Natürlich wollte ich, dass dieses auch ästhetisch etwas hergibt», erzählt Arthur Fries, der ausgebildete Innenausbauer. «Gleichzeitig wollte ich eine akustisch wirksame Decke.» In der damaligen Zeit ein teures Produkt.

Auf dem besagten Notizblock entstand die Idee, eine einfache Trägerplatte, korrekt mitteldichte Faserplatte (MDF) genannt, auf der einen Seite mit Rillen und auf der Rückseite mit einer Bienenwaben-Perforation zu versehen. «Ein Drittlehrjahr-Stift hat mir damals ein erstes Fragment innert zwei Stunden hergestellt», erinnert sich Arthur Fries. Ein hochwirksames Akustikelement war entstanden. Eines, das höchsten ästhetischen und akustischen Ansprüchen genügen konnte.

Unsichtbare Absorption

Die Idee der Kombination von Rillen und Lochung wurde zum Patent angemeldet. Zu Recht: Die als Topakustik getauften Produkte aus Lungern starteten ihren Siegeszug rund um den Globus. Die Akustikingenieure und Architekten aller Breitengrade waren begeistert von den schallschluckenden Wänden und Decken in jeder Holzart, Farbe und mit einer auf die Raumbedürfnisse abgestimmten Absorption. Auch an Orten, wo optisch eine plane, ungelochte Fläche gefordert wird: Dank der neuen Technologie der Mikro-Perforierung mittels Laser können seit 2010 Löcher mit einem Durchmesser von lediglich 0,5 Millimetern realisiert werden. Bis zu 400 000 Bohrungen pro Quadratmeter sorgen für effektive, aber für das Auge praktisch unsichtbare Schallabsorption. Die Anlage, die solche Resultate ermöglicht, ist eine Spezialentwicklung für die n’H Akustik + Design AG, bis anhin weltweit einzigartig. «Der Hersteller hat sich verpflichtet, während fünf Jahren niemand anderes mit dieser Technologie zu beliefern» sagt Arthur Fries.

Die Zukunft sichern

600 bis 700 Bohrspindeln sind 2012 in Lungern ständig im Einsatz, «neun waren es 1991. Es gab damals keine Anlage für unsere Bedürfnisse», erzählt der Geschäftsinhaber. «Unsere ersten Maschinen hielten der Belastung nicht stand. Erst seit wir Bohraggregate in eigener Regie in der Region, gemäss unseren Vorgaben herstellen lassen, haben wir die gewünschten Resultate». Morgens um vier werden die Anlagen in Betrieb genommen, abends um neun abgestellt. Und trotzdem konnte der Bedarf an Produkten nicht immer vollumfänglich befriedigt werden: «In den ersten zehn Jahren hätten wir ein Mehrfaches unserer Produktion verkaufen können», sagt Arthur Fries.

Der 70-jährige Pionier und Patron ist aktuell daran, eine Nachfolgeregelung für die 90-köpfige Unternehmung auf die Beine zu stellen. «In meinem Alter sollte es verboten sein, noch so zu arbeiten.» Geplant ist ein Management Buy-out. Damit auch in Zukunft weltweit Musik, Lärm oder kräftige, politische Worte von Wänden und Decken aus Lungern geschluckt werden.

Andréas Härry