Die Wirtschaft streitet um die Rentenreform

Drei Verbände lancieren ein Modell zur Sanierung der beruflichen Vorsorge. Der Sozialpartner-Kompromiss wankt.

Doris Kleck
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Das Rentenversprechen in der zweiten Säule ist zu hoch. Sieben Milliarden Franken werden deswegen jährlich umverteilt von den Erwerbstätigen zu den Rentnern. Ein Skandal sei dies, sagt selbst Bundesrat Alain Berset. Die Reform der beruflichen Vorsorge ist eines der Top-Themen im Bundeshaus. Und es ist politisch und innerhalb der Wirtschaft stark umstritten.

Am Donnerstag haben drei Wirtschaftsverbände ein neues Modell lanciert. Sie nennen sich die Allianz des «vernünftigen Mittelwegs». Das ist pikant: Denn sowohl der Baumeisterverband, die Swiss Retail Federation sowie die Arbeitgeber Banken gehören dem Schweizerischen Arbeitgeberverband an. Dieser trägt das Sozialpartner-Modell mit, welches wiederum vom Bundesrat übernommen und im Dezember in die Vernehmlassung geschickt worden ist.

Die Sozialpartner hatten sich im letzten Sommer zu einem Kompromiss zusammengerauft. Kernelement ist die Senkung des Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6 Prozent in der beruflichen Vorsorge. Dieser bestimmt die Höhe der Rente. Bei einem Alterskapital von 100000 Franken sinkt so die Rente von 6800 auf 6000 Franken.

Es herrscht Konsens, dass das Rentenniveau trotzdem erhalten bleiben soll. Das heisst, während dem Erwerbsleben muss mehr Alterskapital angespart werden. Für die Übergangsgeneration braucht es eine Kompensation. Und wie diese Aussehen soll, ist der Kern der Auseinandersetzung in den Wirtschaftskreisen. Denn die Sozialpartner sehen für die Übergangsgeneration von 15 Jahren einen Rentenzuschlag von 100 bis 200 Franken monatlich vor. Finanziert wird er solidarisch: Über eine zusätzlichen Lohnabzug von 0,5 Prozent.

Bereits 20-Jährige sollen für das BVG sparen

«Diese Erhöhung der Lohnnebenkosten wäre Gift für unsere Branche», sagt Bernhard Salzmann, Vizedirektor beim Schweizerischen Baumeisterverband. Er spricht von einer teuren und systemfremden Umverteilung, welche politisch nicht mehrheitsfähig sei. «Die Senkung des Umwandlungssatzes ist zentral, die Reform muss gelingen. Deshalb schlagen wir einen vernünftigen Mittelweg vor», sagt Salzmann.

Dieser sieht vor, dass die Kompensation von den Pensionskassen selbst beglichen wird – aus vorhandenen Rückstellungen. Zudem sollen bereits 20-Jährige in die berufliche Vorsorge einbezahlen, und der Koordinationsabzug soll weniger stark gesenkt werden als im Sozialpartnermodell.

Die drei Verbände der neuen Allianz sind nicht die einzigen Abtrünnigen. Der Gewerbeverband hatte sich ebenfalls nicht am Sozialpartnerkompromiss beteiligt und ein eigenes Modell entwickelt. Der Gewerbeverband will die Altersgutschriften erhöhen. «Dieses Modell mag rein aus Unternehmersicht gut sein, aber es nimmt im Vergleich zum jetzt vorgeschlagenen Mittelweg die Arbeitnehmer viel weniger mit», sagt dazu Salzmann. Einen ähnlichen Vorschlag wie die neue Allianz verfolgt auch der Verband der Pensionskassen ASIP. Nur will dieser den Umwandlungssatz gar auf 5,8 Prozent senken. Salzmann geht dies zu weit – vor allem aus psychologischen Gründen. Der Sozialpartnerkompromiss ist also stark unter Druck. CVP-Präsident Gerhard Pfister hat ihn kürzlich gar als wenig chancenreich abgetan. Beim Arbeitgeberverband gibt man sich trotzdem gelassen. Der Kompromiss sei breit abgestützt.