EMS Chemie
Die wundersame Verdoppelung von Magdalena Martullos Stromkosten

Nach einer Umstrukturierung verwandelte sich eine Tochter der EMS Chemie in ein stromintensives Unternehmen. Die Änderung spült der Firma jährlich über eine Million Franken Bundes-Geld in die Kassen.

Lorenz Honegger
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EMS-Produktionsstandort in Domat/Ems im Kanton Graubünden.

EMS-Produktionsstandort in Domat/Ems im Kanton Graubünden.

HO

Höhere Stromkosten sind für die meisten Firmen kein Grund zur Freude. Ganz anders beim Unternehmen von SVP-Nationalrätin Magdalena Martullo-Blocher: Recherchen zeigen, wie eine Tochtergesellschaft der EMS-Gruppe innert zweier Jahre von einem gewöhnlichen zu einem stromintensiven Unternehmen wurde.

Dank des neuen Status konnte die Firma 2015 und 2016 je 1,4 Millionen Franken vom Bund zurückfordern. Hat der Konzern seine Struktur angepasst, um von der Rückerstattung zu profitieren? Die EMS Chemie verneint dies.

Produktion gebündelt

Eine im Dezember 2014 im Handelsregister gemeldete Umstrukturierung innerhalb der EMS-Konzerngruppe zeigt jedoch: Das Unternehmen bündelte seine Schweizer Produktionsaktivitäten in der neu geschaffenen EMS Chemie (Produktion) AG, die bis dahin EMS Metering AG geheissen hatte.

In der Tochterfirma konzentrierte die Gruppe energieintensive Herstellungsprozesse und gliederte Geschäftsbereiche mit tiefen Stromkosten wie den internationalen Verkauf aus. Ein Insider spricht von einer «zielgerichteten, wenn auch legalen Umstrukturierung».

Das Resultat war eine neue Firma mit einem Stromkostenanteil von deutlich über 10 Prozent. Eine relative Verdoppelung innert weniger Jahre: Noch im Jahr 2013 ärgerte sich Martullo öffentlich darüber, dass ihre Firma gemäss neuem Energiegesetz nicht von der Rückerstattung des Ökostrom-Zuschlages profitieren würde. In einem «Blick»-Interview bezifferte die Unternehmenschefin die Elektrizitätskosten der EMS auf «knapp unter fünf
Prozent».

Damit lag die Firma unter der kritischen Grenze, um Geld zurückzuerhalten: Nach dem Willen des Parlaments sollten Schweizer Unternehmen den Netzzuschlag erst ab einem Stromkostenanteil von 5 Prozent teilweise, ab 10 Prozent ganz zurückerhalten.

«Die Politik hat nicht verstanden, dass die beabsichtigte Fünf-Prozent-Regelung fast keine Unternehmen befreien wird», kritisierte Martullo. In der Chemie- und Pharmaindustrie erfüllten nur gerade zwei Unternehmen diese Bedingungen. «Von einer Entlastung der Industrie kann deshalb keine Rede sein.»

«Kein Zusammenhang»

Inzwischen hat sich Martullos Problem gelöst. Als neuerdings stromintensive Firma hat ihre EMS Chemie bisher knapp drei Millionen Franken an Bundes-Geldern zugesprochen erhalten.

Auf Anfrage bestreitet ihr Generalsekretär aber, dass die EMS-Gruppe die neue Konzernstruktur eingeführt habe, um damit über die Schwelle von 10 Prozent Stromkostenanteil zu gelangen.

Die Unternehmensgruppe habe in den letzten Jahren in Domat/Ems im Schnitt 40 Millionen Franken in neue Produktionskapazitäten für sogenannte Hochtemperatur-Polymere investiert. Deren Herstellung brauche «anteilsmässig deutlich mehr Strom als andere Produkte». Der Umsatzanteil ausserhalb Europas sei zudem seit 2006 von 32 auf 48 Prozent gestiegen.

Mit der neuen Konzernstruktur sei die Produktionsgesellschaft Schweiz von den internationalen Verkaufsorganisationen getrennt worden. Dies erlaube eine «klarere und einfachere Führung»,
welche den internationalen Gepflogenheiten entspreche.

Was auch immer die Hauptmotivation hinter der neuen Konzernstruktur war – die EMS Chemie wäre nicht die erste Schweizer Firma, welche den Stromkostenanteil einer Tochterfirma legal in die Höhe treibt, um vom Bund Geld zu erhalten.

Als Gegnerin der Energiestrategie 2050 des Bundes ist es indes nicht im Interesse von Martullo, als Subventionsjägerin dazustehen. Wie die «Schweiz am Wochenende» bereits letzte Woche berichtete, hat sich die EMS Chemie neben der Rückerstattung des Netzzuschlags mehrmals erfolgreich um Bundessubventionen für Projekte im Bereich Energieeffizienz beworben. Gesamtwert: über 305'000 Franken.