Studie

Die Zukunft der Notenbanken

Die CS-Denkfabrik fragt sich, wie lange die Zentralbanken noch von der Politik unabhängig sein können.

Andreas Schaffner, Davos
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Vom Regen in die Traufe und wieder zurück: Seit der Finanzkrise müssen sich die Nationalbanken von der Politik einiges anhören.Ruben Sprich/Reuters

Vom Regen in die Traufe und wieder zurück: Seit der Finanzkrise müssen sich die Nationalbanken von der Politik einiges anhören.Ruben Sprich/Reuters

REUTERS

Bis vor wenigen Jahren kannte sie kaum jemand. Die Chefs der Notenbanken dieser Welt waren in ihrer eigenen Welt sicher einflussreich. Doch das grosse Publikum interessierte es nicht, was genau diese Figuren taten. Das änderte sich schlagartig mit der Finanzkrise und später mit Euro- und Schuldenkrise, die das Finanzsystem an den Rand des Kollapses gebracht haben: Notenbanken mussten den Karren aus dem Dreck holen. Sprich: Sie mussten massiv intervenieren, die Geldpolitik lockern. Die Zinsen, die Banken für das Ausleihen von Geld der Notenbank bezahlen sollen, wurden auf null gesenkt. In der Schweiz gelten seit zwei Jahren gar Negativzinsen. Die Leidtragenden der ganzen Entwicklung sind die Sparer, die Gewinner die Aktionäre, monieren Kritiker.

Gibt es eine neue Normalität?

Die Welt der Notenbanken ist also nicht mehr die gleiche wie noch vor der Krise. Sie haben nicht mehr nur die Aufgabe, für geldpolitische Stabilität zu sorgen, sondern nehmen auch indirekt politische Funktionen wahr. Das ist aus ordnungspolitischer Sicht nicht ganz ohne. Die Institute sind zu wichtigen Investoren geworden: In der Schweiz ist die Bilanzsumme auf 700 Milliarden angewachsen. Die Schweizerische Nationalbank (SNB) unter Thomas Jordan gilt in den USA und in der EU als grosse Investorin. Die Politik hat die Macht der Notenbanken entdeckt. Staaten wollen ihre Schulden sanieren und gleichzeitig Infrastrukturinvestitionen finanzieren.

Manchmal wird das alles den Notenbanken zu viel. Man würde mit geldpolitischen Mitteln einen Krieg führen mit Waffen, die eigentlich nicht ideal seien, sagte Thomas Jordan gestern in Davos in einem von der Grossbank Credit Suisse (CS) organisierten Gespräch vor Schweizer und internationaler Wirtschaftsprominenz. Die Erwartungen an die Geldpolitik seien manchmal zu hoch, so der oberste Währungshüter der Schweiz weiter. Der bekannte amerikanische Wirtschaftsprofessor Nouriel Roubini verwies auf die Rolle der Politik, die es sich manchmal zu einfach machen würde. Insbesondere in Europa. Er wies darauf hin, dass die massiven Interventionen der Notenbanken aber auch in den USA im Hinblick auf eine nächste Rezession kritisch seien: Die Notenbanken hätten ganz einfach ihr Pulver verschossen.

Auf die Rolle der Politik wies auch Sir Paul Tucker hin, der ehemalige Vize-Chef der englischen Notenbank. Sie hätte eigentlich für Wachstum zu sorgen, nicht die Notenbanken. Der Ärger der Sparer könne er verstehen. Nicht auszumalen sei, was geschähe, wenn die Pensionskassen der Mittelschicht – nicht nur in den USA – noch mehr enteignet würden.

Im Fall einer neuen Krise

Man spricht von einer neuen Normalität und meint, dass Zinsen wohl noch lange so tief bleiben. Die CS-interne Denkfabrik unter Oliver Adler hat sich die Frage gestellt: Was hat das für Folgen? Wie unabhängig können Notenbanken weiterhin sein? Und wie erfolgreich waren sie überhaupt mit ihren Interventionen.

Aus Sicht der Schweiz könne man zufrieden sein, sagt Adler. Zwar sei das Wachstum noch nicht auf dem Niveau, wie man es sich wünschen würde. Doch sowohl die Interventionen der SNB als auch die Negativzinsen hätten der Wirtschaft keine grösseren Schäden zugefügt. In der EU hätten die Interventionen vor allem denjenigen Staaten geholfen, die eigentlich gar keine Hilfe nötig hätten: Etwa Deutschland. Ob hierfür nur die Interventionen verantwortlich seien oder nicht eher die Austeritätspolitik, lasse sich nicht sagen.

Die westliche Welt steckt inmitten eines geldpolitischen Experiments, dessen Ausgang mit Ausnahme der USA noch kaum abschätzbar ist. Die Rückkehr zu einem Zustand von vor der Krise bleibt schwierig. Für die CS-Autoren ist klar: Würde sich die Wirtschaft, insbesondere in der EU, nicht erholen, könnte die Politik jedoch – wie schon teilweise in Japan – die Unabhängigkeit der Zentralbank infrage stellen. Thomas Jordan, der diese Unabhängigkeit der SNB hervorhob, sagte es so: Die Schweiz würde stark davon profitieren, wenn sich die Eurozone erholen würde.