Dieses Zuger Start-up will den Ärzten die lästige Schreibarbeit abnehmen

Die Software des Zuger Jungunternehmens Sublimd nimmt Ärzten viel Schreibarbeit ab – und verbessert so die medizinische Versorgung.

Andreas Lorenz-Meyer
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Sublimd-CEO Reto Kaul vor der Kantonsschule Zug, die er und sein Bruder Thomas besucht haben. (Bild: Maria Schmid, 20. November 2019)

Sublimd-CEO Reto Kaul vor der Kantonsschule Zug, die er und sein Bruder Thomas besucht haben. (Bild: Maria Schmid, 20. November 2019)

Die Dokumentation medizinischer Behandlungen braucht es nicht nur für die Abrechnung. Sie dient auch dem Informations­austausch zwischen Ärzten. Bei Komplikationen kann sie zudem juristische Bedeutung haben. Jedoch müssen Schweizer Mediziner heutzutage viel zu viel Schreibkram erledigen. Das besagt eine Studie aus dem Jahr 2016 zu den Auswirkungen der neuen Spitalfinanzierung. Demnach wenden Ärzte in der Schweiz nur noch einen Drittel ihrer Zeit für «patientennahe Tätigkeiten» auf. In der Psychiatrie und Rehabilitation ist es sogar nur ein Viertel. «Einen grossen Teil des Tages verbringen die Ärzte mit administrativen Arbeiten», heisst es. Besonders betroffen seien Assistenzärzte.

Dass seine Kollegen immer mehr dokumentieren müssen und so immer weniger Zeit zum Behandeln haben, brachte den Mediziner Reto Kaul auf die Idee, eine Software zu entwickeln, welche die Dokumentationsarbeit auf ein Minimum reduziert. Insgesamt drei Mediziner und ein Informatiker, Kauls Bruder Thomas, gründeten 2016 das Zuger Start-up Sublimd mit Sitz in Hagendorn. Ein weiterer Mediziner kam später dazu. Mittlerweile ist man zu fünft.

App verfasst Bericht für behandelnden Arzt

Die gleichnamige Plattform von Sublimd führt Daten von Patienten, Fachpersonen und Drittsystemen zusammen und verarbeitet sie. Kaul erklärt, wie dies Zeit sparen kann: Kommt ein Patient auf die Notfallstation, wird die Dringlichkeit der Behandlung durch eine Triage bestimmt. Ist die Situation für den Patienten nicht lebensbedrohlich, wird er ins Wartezimmer geführt. Dort bekommt er ein Tablet und füllt darauf den interaktiven Sublimd-Fragebogen aus. Die App stellt – wie ein Arzt – alle wichtigen Fragen zum aktuellen Problem, auch zu Vorerkrankungen oder Medikamenteneinnahmen. «Dadurch entsteht keine längere Wartezeit», betont Kaul. Während der Patient die Fragen beantwortet, verfasst Sublimd einen medizinischen Bericht für den Arzt. Bevor dieser den Patienten untersucht, liest er den Bericht durch. Bei der Begrüssung kennt er das medizinische Problem dann bereits. Ein Grossteil der Dokumentation wurde – nebenbei – schon erledigt. So bleibt mehr Zeit für Patientengespräch und Untersuchung.

Herzstück der Software ist der Medical Knowledge Graph. Der bildet medizinisches Wissen ab, welches auf aktueller Fachliteratur basiert. Die vier Sublimd-Mediziner haben den Graphen aufgebaut. «Er enthält unter anderem alle Fragen und Antwortmöglichkeiten, die für die strukturierte Selbstanamnese verwendet werden», erklärt Kaul. «Die Knotenpunkte sind dabei so verknüpft, dass sich mit einer möglichst kleinen Anzahl von Fragen die wichtigsten Patienteninformationen erheben lassen.» Zusätzlich bildet der Graph auch Befunde der körperlichen Untersuchung, Laboruntersuchungen und Diagnosen ab und verknüpft diese unter­einander. Vier Sublimd-«Suiten» gibt es: die Emergency Room Suite für Notfallstationen, die Clinic Suite für Spitäler, die Practice Suite für Arztpraxen und neu die Telemedizin Suite. Das Business-Modell von Sublimd basiert auf jährlichen Lizenzkosten, deren Höhe von der Anzahl Konsultationen und den verwendeten Modulen abhängt. Im Einsatz ist Sublimd in der Schweiz, in Deutschland und bald wohl auch in Österreich. Auf der Notfallstation des Kantonsspitals Graubünden nutzt man die Emergency Room Suite.

Untersuchungen dauern 15 Minuten weniger

Eine erste, im Sommer veröffentlichte Studie ergab: Von den 370 befragten Notfallpatienten findet die grosse Mehrheit die Anamnese-App einfach zu bedienen und würde sie wieder nutzen. Von Ärzten kamen nur 37 Rückmeldungen – zu we- nig, um verlässliche Aussagen zu treffen. Jedoch würde die Anamnese im Schnitt zwölf Minuten schneller sein.

In der Schwindelsprechstunde am Universitätsspital Zürich ist seit einem Jahr die Clinic Suite im Einsatz, als speziell auf die Sprechstunde angepasste Version. Fünf bis zehn Schwindelpatienten pro Tag füllen am Tablet den Sublimd-Fragebogen aus. Der Neurologe Dominik Straumann ist sehr zufrieden. «Die Software erleichtert die Arbeit des Assistenzarztes, weil sie ihm einen fertigen Text zu den Beschwerden des Patienten liefert.» Zudem treten weniger Fehler auf, etwa bei den Angaben zur Medikamenteneinnahme. Drittens ist der Fragebogen sehr umfangreich. «In der Sprechstunde würde es zu lange dauern, das alles abzufragen.» Der behandelnde Arzt kann sich dank Vorarbeit durch die Software voll auf die Untersuchung konzentrieren.

Neben dem Qualitätsgewinn gibt es auch einen Zeitgewinn: Die Untersuchungen dauern pro Patient 15 Minuten weniger. «Wir sparen dadurch mehr Geld, als das System uns kostet», stellt Straumann fest. Die Gebühren für die Nutzung von Sublimd in der Schwindelsprechstunde liegen bei 20000 Franken jährlich. Das Unispital führt zwar keine Qualitätskontrolle durch, aber bisher gab es keine Klagen. Im Gegenteil: «Die Patienten fühlen sich ernst genommen, weil die Befragung ins Detail geht», so Straumann, «manche wundern sich, wie genau der automatisch erstellte Text ihre Beschwerden auf den Punkt bringt.»