DIGITAL: Alexa Clay: «Ich mag technologische Schüchternheit»

Alexa Clay führt mit ihrer Figur «The Amish Futurist» die Schattenseiten digitaler Technologien vor Augen. Im Interview sagt sie, was wir von Aussenseitern lernen können.

Edith Arnold
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Laut Alexa Clay gilt es, Rückgrat zu beweisen: «Wir dürfen der Online-Kultur nicht erlauben, auf unserem analogen Selbst herumzutrampeln.» (Bild: PD)

Laut Alexa Clay gilt es, Rückgrat zu beweisen: «Wir dürfen der Online-Kultur nicht erlauben, auf unserem analogen Selbst herumzutrampeln.» (Bild: PD)

Interview: Edith Arnold

 

Alexa Clay, was verbindet Sie mit Alexa von Amazon?

Ich habe sie noch nie erlebt. Was macht sie genau?

Sie ist die Stimme aus der Echo-Box, einem sprachgesteuerten Lautsprecher, den man in privaten Räumen aufstellt.

Eine virtuelle Person ist eine schöne Vorstellung. Ich mag die Idee, sich mit jemandem zu unterhalten.

Einige sehen in Alexa eine Spionin. Was müsste sie über Sie sagen?

Alexa nennt sich auch Rebeka, «The Amish Futurist». Yeah! Vor drei Jahren trat ich am Tech Open Air Berlin, einem Technologiekongress, erstmals in dieser Rolle auf. Dazu trug ich ein langes Blümchenkleid und ein Bonnet, eine Damenhaube. Ich verbrachte einige Zeit in Amish Country Lancaster, Pennsylvania. So lag es nahe, diesen Charakter zu entwickeln.

Weshalb so altmodisch?

Rebeka fühlt sich etwas verloren in der digitalisierten Welt. Die amische Glaubensgemeinschaft hat den Ruf, wie vor 500 Jahren zu leben.

Inzwischen ist Rebeka als Referentin gut gebucht. Was wollte der Suchmaschinengigant Google von Ihnen?

Als Amish Futurist stand ich Google-Ingenieuren gegenüber. Auf sie wirkt meine Aufmachung wohl wie eine Entfremdung. Ich sprach von verschiedenen Kulturen. Darüber, was wir von ihnen lernen könnten, um unsere Vorstellung von Leadership oder Kreativität zu ändern. Meine Arbeit bringt Licht in Subkulturen. Das kann helfen, unsere Gesellschaft neu zu programmieren. In gewisser Weise führt dies Google ja auch im Schild. Ich erforsche, wie man mehr Humanität in Systeme bringen könnte. Wie Technologien entwickelt werden müssten, damit sie zu einem bedeutungsvolleren Leben führten. Viele Kräfte wollen uns zu Zombies machen.

Zombies?

Ja, digitale Technologien scheinen uns in Zombies zu verwandeln. Wenn ich sie längere Zeit nutze, mag ich nicht, was sie mit mir machen: Mein Verstand wird unkonzentriert, zerfahren. Ich empfinde Ekel und Überdruss, werde unglücklich. Das Digitale verändert unser Aufmerksamkeitsmuster: Der Dopaminschub beim Einloggen in soziale Netzwerke führt zu echten Impuls-Kontroll-Problemen. Unsere Fähigkeit, durch Lesen einen Zusammenhang zu verstehen, ist bedroht. Scannen und Skimmen wird zur vorherrschenden Rezeption.

Wie reagieren Sie darauf?

Ich nutze die App «Selfcontrol». Sie blockiert Websites wie Facebook oder Youtube, die mich während der Arbeit stören würden. Manchmal schalte ich einen Tech-Sabbat ein und lebe von Freitag bis Sonntag ganz analog.

Weshalb umgeben sich IT-Konzerne mit einer Aura der Humanität?

Sie lassen ihre Mitarbeiter hart arbeiten, dafür geben sie ihnen Inspirationen, aber nicht zu viele, sonst würden sie radikal werden und kündigen. Alle sind sehr fo­kus­siert auf die Zukunft. Grosse und kleinere Unternehmen fragen sich: In welcher Form existiert unsere Organisation in zehn Jahren noch? Derzeit besteht ein phänomenaler Markt für Referenten. Mir ist «inspirational talk» aber eher unan­genehm. Ich glaube, miteinander kommunizieren ist wichtiger, als auf jemanden mit der grossen Idee zu warten.

Über Alter Egos ins Gespräch kommen?

Wenn ich Alter Ego spiele, meine ich auch: Let’s celebrate our humanity! Paradoxerweise lassen einen «fake persons» authentischer werden. Rebeka verbindet mich mit meiner Seele. Ich mag ihre technologische Schüchternheit.

Darüber haben Sie mit dem Zukunftsinstitut Deutschland gerade eine Studie verfasst.

Digitale Schüchternheit ist eine Möglichkeit, um Bewegung in die Technologie zu bringen. Sie erlaubt, das eigene Unbehagen gegenüber der digitalen Invasion mit anderen zu teilen. In den USA performen Leute ihr Glück und ihre Freude online. Sie wirken so realitätsfern. Soll eine ständige virtuelle Existenz der Höhepunkt unserer Evolution sein?

Wie antworten Sie?

Wir müssen nicht aus der vernetzten Welt aussteigen. Doch wir dürfen der Online-Kultur nicht erlauben, auf unserem analogen Selbst herumzutrampeln. Bei einer Tagung letzthin in San Francisco fragten wir Risikokapitalanleger, Unternehmer und Programmierer, welche Werte in dieser Welt erhalten bleiben müssten. Sie antworteten: «Raum zum Stolpern», «Intimität», «Freunde», «Liebe».

Was heisst das für die Arbeitswelt?

Mitarbeiter wollen sinnvolle Ziele. Viele Angestellte brechen aus ihren Systemen aus und werden Freelancer. Sie ­wollen nicht mehr für multinationale Konzerne arbeiten.

Oder können nicht mehr wegen der Automatisierung.

Immer mehr Jobs werden automatisiert. Doch wenn Roboter die Arbeit übernehmen, befreit dies den Menschen auch. Er kann sich mehr dem Menschsein, der Kunst, der Natur widmen. Das Grundeinkommen, über das in der Schweiz abgestimmt worden ist, finde ich sehr interessant. Wir befinden uns in einer Experimentierphase. Alte Muster lösen sich auf, nur, wo ist die neue Story? Ich glaube nicht, dass sie schon geschaffen ist.

Welche würde Ihnen gefallen?

Es besteht ein Trend zu Kollaboration, Sharing Economy, in der auch Geld mitspielt. Neue Formen des Austausches entwickeln sich. Kürzlich traf ich den Gründer des Burning Man Festival. Ich war noch nie dabei. Nun hat er Rebeka, mein Alter Ego, zum nächsten Festival bei Nevada eingeladen. Mit dem Kauf des Grundstücks Fly Ranch stellt sich der Veranstalter die Frage, was wäre, wenn Burning Man permanent stattfinden würde? Es heisst, ein Burner zu sein, bedeute mehr, als einen Event zu besuchen. In ein paar Wochen diskutieren wir weiter.

Festivals als Freizeitvision?

Sich mit anderen verbunden zu fühlen, gibt einen emotionalen Effekt. Je mehr Menschen sich dadurch glücklich fühlen, desto weniger Dinge benötigen sie. Ich finde es wichtig, in dieser Welt nicht nur Konsumentin zu sein.

Die Leute werden es müde, zu ­konsumieren?

Ja, wenn man so herumschaut. Meine Freunde geben das meiste Geld für Erfahrungen wie Reisen, Festivals oder Lernen in der Welt aus. Ich habe die höchsten Ausgaben bei Airline-Tickets. Mehr und mehr Menschen wollen Erfahrungen statt Güter maximieren.

Letztes Jahr ist Ihr Buch «The Misfit Economy» erschienen. Wie erkennt man potenzielle Aus­- steiger ­respektive Aussenseiter?

Auch in der Schweiz sind sie einfach zu erkennen. Man findet sie selbst dort, wo man sie nicht vermutet: in Banken, bei Versicherungen usw. Wenn man mit ihnen zu sprechen beginnt, stellt sich heraus, dass sie noch etwas ganz anderes in sich haben.

Welche Berufe haben solche «Aussenseiter»?

Viele Leute arbeiten in klassischen Systemen, wo sie etwas bewirken wollen. Es sind aber auch Aktivisten, Jungunternehmer, Autoren. In Neuseeland gibt es ein Freelancer-Kollektiv: Zum Netzwerk gehören 150 Berufstätige mit Titeln wie Mad Scientist oder Senior Developer. Auch Steve Jobs oder Richard Branson waren und sind Aussenseiter. Fur ihre Vision nahmen sie viele Risiken auf sich.

Idealisten mit Ehrgeiz also.

Wir brauchen solche Leute, bis zu den CEOs hoch. Mich inspirieren aber auch jene, die ganz im Hintergrund wirken. Die Amischen leben ihre Kultur, ohne jemanden zu stören.

Hinweis

Alexa Clay (32) ist Wirtschaftshistorikerin und Innovationsforscherin. 2016 hat sie das Buch «The Misfit Economy – Lessons in Creativity from Pirates, Hackers, Gangsters and other Informal Entrepreneurs» herausgegeben. Von BP, Wired, Google oder Harvard Business wird sie als Referentin gebucht. Clay stammt aus Cambridge, Massachusetts.

Am 29. März tritt sie bei den X.Days in Interlaken auf.