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Digitalisierung bricht in der Landwirtschaft Marktstrukturen auf

Bisher profitierten Landwirte nur bedingt von Innovationen in ihrer Branche. Das könnte sich nun ändern. Digitale Neuerungen bieten Möglichkeiten, die über eine blosse Effizienzsteigerung hinausgehen. Davon profitiert auch der Konsument.
Raphael Bühlmann
Mit dem Orbiter-System kann die Milch von der Kuh abgesaugt und danach verkaufsfertig vorbereitet werden. (Visualisierung: Lely International)

Mit dem Orbiter-System kann die Milch von der Kuh abgesaugt und danach verkaufsfertig vorbereitet werden. (Visualisierung: Lely International)

Die Digitalisierung scheint gerade in der Landwirtschaft einen regelrechten Innovationsschub ausgelöst zu haben. Naturgemäss für Aufsehen sorgen dabei technische Neuerungen: Drohnen, die über Ackerkulturen fliegen, Roboter, die in den Ställen Kühe melken, oder satellitengesteuerte Traktoren. Allerdings werden solch «agrartechnische Revolutionen» nicht nur positiv beurteilt – insbesondere für die Bauern selbst. Denn nur die Landwirte, die frühzeitig auf eine neue Technologie setzen, die produktiver oder kostengünstiger ist als der aktuelle Stand der Technik, erzielten befristet eine bessere Wertschöpfung. Sobald ihre Berufskollegen das effizientere System ebenfalls einsetzen, steigt die Gesamtproduktion, die Preise fallen und die Wertschöpfung sinkt auf ihr ursprüngliches Niveau. «Landwirtschaftliche Tretmühlen» nennt die Fachwelt den Meccano.

Der Weltagrarbericht kommt diesbezüglich zum Schluss: «Auf dem Markt überleben die Betriebe, die durch Rationalisierung, Erweiterung oder Standortvorteile der Konkurrenz einen Schritt voraus sind. Ist ihr Vorsprung aufgebraucht, beginnt auch für sie die nächste Runde. Ein Ende dieser Tretmühle ist nicht vorgesehen. Je globaler der Markt, desto schneller das Tempo und desto unüberschaubarer das Spiel für den Einzelnen.» Ein hartes Verdikt, das aber vielleicht das Potenzial der jüngsten Entwicklungen mehr als unterschätzt.

Milch direkt vom Euter

Anders als bisherige Innovationsschübe bietet die Digitalisierung Möglichkeiten weit über die Effizienzsteigerung hinaus – in einigen Fällen werden gar ganze Marktstrukturen in Frage gestellt. Ein Beispiel: Die Migros-Tochter Micarna lancierte vor einem halben Jahr die App «E-Direct», die den Zwischenhandel für Schlachtvieh quasi überflüssig macht. Bisher verkauften Landwirte schlachtreife Tier vornehmlich dem Händler. Dieser wusste, welche Metzgerei gerade welchen Bedarf nach welchen Tieren hat. Durch E-Direct können nun alle Schweine- und Rindviehproduzenten ihre Tiere direkt zur Schlachtung anmelden. «Damit profitieren sie nicht nur von einem Erstlieferantenrecht und einer Abnahmegarantie, sondern erhalten neu auch den Preis direkt franko Schlachtbetrieb», schrieb Micarna bei der Lancierung der App. Die Marge des Zwischenhandels können sich Bauern und Schlachtbetrieb aufteilen. «Die technische Entwicklung macht vieles möglich, was früher undenkbar war. Und es vereinfacht die Zusammenarbeit zwischen Verarbeiter und Landwirt», schreibt Micarna auf Anfrage.

Noch einen Schritt weiter geht die Firma Lely. Der holländische Spezialist für Melktechnik beendete soeben eine achtmonatige Testphase für den «Orbiter» – ein System, das die Milch von der Kuh absaugt, filtriert, entrahmt, pasteurisiert und in Flaschen abfüllt – verkaufsfertig. «Das System benötigt in der Schweiz keine Bewilligung nach Lebensmittelrecht, doch muss das Lebensmittelrecht einge­halten werden», sagt Nathalie Rochat vom Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen gegenüber der Fach­zeitung «Schweizer Bauer». Bei Lely Schweiz hofft man, das erste Modell 2019 einbauen zu können. Durch den direkten Verkauf an den Endkonsumenten bleiben Margen vom Handel über den Verarbeiter bis hin zum Retailer beim Landwirt.

Wertschöpfungskette rückt zusammen

Gemäss der Theorie der Tretmühlen würden nun alle Bauern ein solches System einbauen, sich konkurrieren und die Verkaufspreise würden sinken. Nun birgt aber jüngste Innovationen ein Potenzial, das über diese technischen Innovationen hinausgeht. Beim Lely Orbiter erhält der Konsument nämlich nicht nur effizienter produzierte Milch. Auf der Etikette der Flasche ebenfalls vermerkt ist der Name der Kuh, welche Farbe sie hat, ob sie gesund ist oder ob sie eventuell Hörner hat. Kurz: Die Digitalisierung ermöglicht eine direktere Kommunikation zwischen Produzent und Konsument und lässt damit die Wertschöpfungskette der Land- und Ernährungswirtschaft näher zusammenrücken. Und genau das trifft einen Nerv beim heutigen Kunden.

Dieser will mehr den je wissen, wie Nutztiere gehalten oder gefüttert werden. Das Bedürfnis nach Transparenz hat in den vergangenen Jahren eine Viel­-zahl unterschiedlichster Labels hervorgebracht. Umfassend Gewähr für ein Produkt kann aber schliesslich nur der Produzent liefern. Die Digitalisierung bietet den Landwirten selbst die Möglichkeit, sich glaubwürdig am Markt zu differenzieren.

Dieses Potenzial bescheinigt der Digitalisierung auch Mathias Binswanger, Professor für Volkswirtschaftslehre an der Fachhochschule Nordwestschweiz. «Wenn es gelingt, dass die Digitalisierung etwas dazu beiträgt, dass ein Teil der Wertschöpfung wieder zurück auf den Bauernhof kommt, dann kann sie sich für die Bauern positiv auswirken». Ob dies gelingen werde, sei im Moment noch unklar, so Binswanger.

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