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DIGITALTAG: Die Schweiz zeigt sich digital

Viel Betrieb am ersten Nationalen Digitaltag der Schweiz im Hauptbahnhof Zürich. Bundesräte, Wissenschafter und Firmenchefs versprechen sich viel von der Digitalisierung.
Bruno Knellwolf
Eine Primarklasse aus Allschwil beim Medienkompetenz-Test von Pro Juventute im Hauptbahnhof Zürich am Digitaltag. (Bild: Bruno Knellwolf)

Eine Primarklasse aus Allschwil beim Medienkompetenz-Test von Pro Juventute im Hauptbahnhof Zürich am Digitaltag. (Bild: Bruno Knellwolf)

Bruno Knellwolf

Analoges diktiert am Anfang den Fahrplan des ersten nationalen Digitaltags, dessen Epizentrum im Zürcher Hauptbahnhof liegt. Der VIP-Zug mit Bundespräsidentin Doris Leuthard und SBB-Chef Andreas Meyer an Bord hat Verspätung. Irgendwo hat eine Tür geklemmt. So muss die offizielle Eröffnung durch die Bundespräsidentin im Hauptbahnhof etwas verschoben werden.

Die Wartezeit überbrückt der Cyber Illusionist Marco Tempest mit seinen dressierten Drohnen. Sie zeigen die Magie des freien Schwebens. «Quadcopter mit hochintelligenten Algorithmen ermöglichen, dass die Drohnen sich und die anderen wahrnehmen», sagt Tempest während des Drohnentanzes. Am Schluss spricht er mit den Drohnen wie mit Haustieren. «Zeit nach Hause zu gehen», sagt er zu den Quadcoptern, worauf diese einzeln in Tempests grossen Koffer fliegen. Tempest ist nicht nur Digitalmagier, sondern auch Storyteller bei der US-Raumfahrtbehörde Nasa und somit ein erstes Beispiel eines durch die Digitalisierung neu entstandenen Berufs. «Die Zukunft gehört nicht nur Ingenieuren, sondern auch Künstlern und Storytellern».

Arbeitsplätze werden verschwinden

Das Verschwinden von Arbeitsplätzen ist immer wieder ein Thema am ersten Digitaltag, doch lieber sprechen Politiker, Wissenschafter und Firmenchefs über Chancen. «Wir sind digital umzingelt», sagt Leuthard. Die Schweiz sei stark vernetzt, was ein grosser Vorteil für Wissenschaft und Wirtschaft sei. Natürlich gebe es Vor- und Nachteile der Digitalisierung. «Aber nur mit Bedenken kommen wir nicht weiter.» In Bezug auf die Digitalisierung stehe die Schweiz auf Rang acht, das sei nicht schlecht, aber auch nicht gut. «Wir wollen auf Rang fünf», sagt Leuthard. Liveschaltungen in alle vier Sprachregionen der Schweiz, nach Genf, Lugano und ins Bündnerland schliessen die Eröffnung Leuthards ab.

Die Bundespräsidentin macht die Bühne in der grossen Halle frei für eine Primarschulklasse aus Allschwil. Alle Schüler tragen ein iPad unter dem Arm und nehmen an alten Schulbänken Platz im aufgestellten Pro Juventute-Schulzimmer. Die Jugendorganisation führt ein Programm vor, welches die Medienkompetenz der Schüler testet. Interessant: Mindestens ein Schüler verpasst die Siegerehrung, weil er «während des Unterrichts» wohl mit Gamen auf seinem iPad beschäftigt ist.

Eine Schaltung in ein Digitalzimmer der ETH Zürich zeigt, wie Kinder das Programmieren lernen. Die Denkweise der Informatik müsse in die Schulen gebracht werden, Kinder seien so zu erziehen, dass sie selbst die Technologien mitgestalten und nicht nur anwenden können, fordert der ETH-Vertreter im digitalen Schulzimmer.

Gottesdienst mit VR-Brille

Die Religionswissenschafterin Dorothea Lüddeckens erklärt danach, warum sich Digitales und Religiöses vertragen. Spirituelle Fragen liessen sich auch im Internet austauschen. Das entspreche dem Bedürfnis nach Individualität. Warum also kein Gottesdienst mit der Virtual-Reality-Brille? Traditionelle Gemeinschaften und Kirchgemeinden ersetze das nicht. «Religiöse Gemeinschaften, die nur im Internet existieren, gibt es wenige und sind von kurzer Dauer», sagt Lüddeckens. Die Digitalisierung habe auch Gefahren gebracht. «Die Mobilisierung zu religiöser Gewalt hat mit dem Internet neue Dimensionen erreicht.»

Über Gefahren ganz anderer Art spricht der Cybersecurity-Spezialist Gunnar Porada. «Jeder von uns wird gehackt», sagt er. Und führt gleich selbst ein Beispiel vor. Als Hacker transformiert er live auf der grossen Leinwand über eine Webseite der Deutschen Bank 5 Millionen Euro vom Konto der CDU zur FDP – um die Jamaika-Diskussion nochmals zu lancieren. «Sie müssen vorsichtig sein und sich selber schützen», sagt Porada. «Und wenn Sie sich nicht auskennen, gehen Sie in die Kirche. Oder besser, fragen Sie einen Computer-experten. Wenn Sie krank sind, gehen Sie auch zum Arzt».

Krank werden Arbeitnehmer, weil sie wegen der Digitalisierung den Verlust ihres Arbeitsplatzes befürchten. Moderator Tobias Müller spricht von Digitalem Darwinismus. Platz genommen hat inzwischen Bundesrat Johann Schneider-Ammann. Dieser hat keine Angst, aber Respekt. Er habe schon die dritte industrielle Revolution erlebt, warum sollte er sich vor der vierten fürchten. Die Schweiz habe ein gutes Bildungssystem, ein Flair für Technik und sei den anderen deshalb eine Nasenlänge voraus. «Das müssen wir auch bei der Digitalisierung erreichen», sagt der Wirtschaftsminister. Jobs würden verschwinden, neue dafür entstehen. «Maschinen machen das, was sie besser können. Menschen müssen kreativ sein, da sind sie stärker», sagt Pascal Kaufmann, der an Künstlicher Intelligenz arbeitet. Doch was ist mit den Unkreativen? Nicht alle taugten zum Nobelpreisträger, sagt Schneider-Ammann. An die grosse Masse im unteren Teil der Bildungspyramide, die einfache Arbeiten erledige, müsse auch gedacht werden. Man müsse ­verhindern, das es Heere von Arbeitslosen gebe. Das Wie bleibt offen.

Ulrich Spiesshofer, CEO von ABB, erklärt, es gebe in seiner Firma dann wohl weniger Gusstechniker, dafür mehr Software-Entwickler. Und ETH-Präsident Lino Guzzella sagt ganz pragmatisch: «Wir haben gar nicht die Wahl, ob wir bei der Digitalisierung mitmachen wollen oder nicht.» Die einzige Chance sei, unsere Stärken auszunützen. Zentral sei die technische Aus­bildung schon auf Primarschul­- stufe.

Den vielen Zuhörern eine Freude macht schliesslich Victor Giacobbo, als er sich im Schlagabtausch mit SBB-Chef Meyer für jene Arbeiter einsetzt, welche die Minibars durch die Züge gestossen haben. Genützt hat’s nichts. Meyer sucht nach einer digitalen Lösung.

Bundespräsidentin Doris Leuthard informiert sich neben SBB-CEO Andreas Meyer am Digitaltag im Hauptbahnhof. (Bild: Ennio Leanza / Keystone (Zürich, 21. November 2017))

Bundespräsidentin Doris Leuthard informiert sich neben SBB-CEO Andreas Meyer am Digitaltag im Hauptbahnhof. (Bild: Ennio Leanza / Keystone (Zürich, 21. November 2017))

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