DIREKTIMPORTE: Fitness im Visier der Weko

Die Wettbewerbskommission hat ein Verfahren wegen möglicher Verhinderung von Parallel­importen von Fitnessgeräten eröffnet. Davon betroffen ist ein Krienser Händler.

Maurizio Minetti
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Richard Zebisch beim Training im David’s Fitnesscenter in Ebikon. (Bild Boris Bürgisser)

Richard Zebisch beim Training im David’s Fitnesscenter in Ebikon. (Bild Boris Bürgisser)

Im Januar herrscht für Fitnesscenter-Betreiber Hochsaison. In keinem anderen Monat sind Menschen motivierter, endlich mehr zu machen für ihre Fitness. Auch David Geisshüsler, der in Ebikon ein Center betreibt, freut sich über mehr Kunden. Doch den Geschäftsinhaber plagen auch Sorgen: «Wir bezahlen für Fitnessgeräte meiner Meinung nach zu viel.» Geisshüsler ist nicht der Einzige, der sich über hohe Preise aufregt. Selbst der Präsident des Schweizer Fitness- und Gesundheits­center-Verbands, Claude Am­mann, sagt: «Es ist sicher richtig, dass die Preise für professionelle Fit­nessgeräte sehr hoch sind.» Der springende Punkt sei aber, dass diese Geräte andere Voraussetzungen erfordern als Heimgeräte, etwa bezüglich Sicherheit.

Massive Preisunterschiede

Centerbetreiber aus der Region schätzen es, dass Kraftgeräte kaum kaputtgehen. Der Preis, den man für diese Beständigkeit bezahlt, sei aber hoch – insbesondere im internationalen Vergleich. «Es gibt Beinpressen, die in der Schweiz bis zu 9000 Franken kosten. In den USA bekommt man das gleiche Produkt für 2000 Dollar», regt sich Geisshüsler auf. Vor diesem Hintergrund überlegen sich einige Centerbetreiber, Kraftgeräte aus dem Ausland direkt zu importieren – und damit also den offiziellen Vertriebsweg über die Schweizer Importeure zu umgehen. Der Transport aus den USA kostet einige hundert Dollar und dauert in der Regel etwa drei Monate. Der Direktimport lohnt sich also erst ab einer grösseren Stückzahl.

Ein beliebter Lieferant für Parallelimporteure ist Used Gym Equipment aus Kalifornien. Das Unternehmen ist auf die Aufbereitung gebrauchter Geräte spezialisiert, verkauft aber auch neue Ware. Kathi Fleig, die in Zürich das David Gym betreibt, hat von dort auch schon Geräte direkt importiert. Sie sagt: «Gerade bei speziellen oder älteren Modellen, die in der Schweiz nicht verfügbar sind, lohnt sich der direkte Kauf aus den USA.» Ausdauergeräte, die viel Elektronik enthalten und regelmässig gewartet werden müssen, bezieht sie hingegen vom offiziellen Schweizer Importeur.

Hohe Busse droht

Einer dieser offiziellen Schweizer Fitnessgerätehändler ist die Ratio AG aus Kriens, die rund 15 Personen beschäftigt und zu den kleineren Playern im Markt für Fitnessgeräte gehört. Geschäftsführer Markus Pira sagt, er habe nichts dagegen, wenn seine Kunden nicht nur bei ihm einkaufen. «Jeder ist frei, dort einzukaufen, wo er das für ihn beste Angebot findet», so Pira.

Parallelimport und offizieller Handel scheinen also im Einklang. Doch die Wettbewerbskommission (Weko) sieht es anders. Sie hat Ende vergangenen Jahres eine Untersuchung gegen die Ratio AG sowie gegen den deutschen Fitnessgerätehersteller Gym80 eröffnet. Der Vowurf: Die Weko hat Anhaltspunkte, dass der Parallelimport von Fitnessgeräten der Marke Gym80 in die Schweiz verhindert wurde. Aus der Fitnessbranche ist allerdings zu erfahren, dass im Handel von Gym80-Geräten bei weitem nicht so krasse Preisunterschiede möglich sind wie etwa bei den Herstellern Matrix oder Technogym.

In der Weko-Untersuchung wird nun geprüft, ob das Verhalten der Ratio AG als unzulässig zu qualifizieren ist. Wer bei der Weko die Klage gegen Ratio eingereicht hat, verrät die Wettbewerbsbehörde nicht. «Wir können aber bestätigen, dass aus dem Markt konkrete Hinweise eingegangen sind, welche unter anderem Anlass gaben, die vorliegende Untersuchung zu eröffnen», sagt Kenji Izumi, Referent bei der Weko in Bern.

Die Weko hatte bereits im letzten Sommer begonnen, den Markt zu beobachten. Im Herbst kam es dann zu Hausdurchsuchen bei Ratio in Kriens, wo unter anderem Dateikopien angefertigt und die Geschäftsführer befragt wurden. Markus Pira von Ratio will sich dazu nicht äussern: «Während des laufenden Verfahrens können wir keine Stellung nehmen. Wir sind aber gerne bereit, nach dessen Abschluss detailliert Auskunft zu geben», sagt der Ratio-Chef. Bei der Weko heisst es, man habe in den letzten Jahren bereits vereinzelt Mitteilungen von Marktteilnehmern erhalten, wonach der Parallelimport von Fitnessgeräten verhindert worden sei. «Die im Raum stehenden Vorwürfe haben sich indes nicht erhärtet», räumt die Weko ein.

Zur Höhe einer allfälligen Busse gegen das Krienser Unternehmen kann die Weko zum jetzigen Zeitpunkt keine Angaben machen, da die Ermittlungen noch laufen, mithin gar noch nicht feststeht, ob überhaupt ein Verstoss vorliegt und eine Busse ausgesprochen wird. Gemäss Kartellgesetz können Unternehmen bei Wettbewerbsabreden oder bei Missbrauch marktbeherrschender Stellung mit einem Betrag von bis zu 10 Prozent des Umsatzes der letzten drei Jahre gebüsst werden. Für ein KMU wie Ratio wäre das ein herber Schlag.

Gemischte Erfahrungen

Ungeachtet des Verfahrens der Weko scheint der Parallelimport für viele Center aus der Region aber keine Option zu sein. «Wir haben einmal Crossfit-Geräte aus Italien importiert – die sind bis heute noch nicht vollständig angekommen», sagt eine Vertreterin eines Luzerner Fitnesscenters. Andere Center-betreiber sagen, ihnen seien Garantieleistungen und Wartung wichtig, gerade bei Ausdauergeräten. «Man kann Ausdauergeräte günstig aus dem Ausland beziehen, aber wenn man dann ein Problem damit hat, bezahlt man für den Service eines Schweizer Anbieters entsprechend mehr», erklärt ein Center­betreiber das Dilemma. Aber auch wer sein Ausdauergerät inklusive Wartungsvertrag für den Preis eines Mittelklasse­wagens über den offiziellen Schweizer Händler bezieht, ist nicht immer zufrieden mit dem lokalen Service. «Gerade jetzt im Januar, wenn Hochbetrieb herrscht, müssen die Geräte schnell repariert werden. Das ist aber oft nicht der Fall – ich war bisher noch nie mit dem Service zufrieden», sagt David Geisshüsler aus Ebikon.

Verbesserungspotenzial vorhanden

Kritik äussert auch Vincenzo Pugliese, der im zürcherischen Adliswil das Fitnesscenter Pitsch führt: «Der Schweizer Handel von Fitnessgeräten ist in Sachen Service sehr bemüht – meines Erachtens ist in diesem Bereich jedoch noch Verbesserungspotenzial vorhanden. Wenn er sich dort noch steigert, sind die höheren Preise gegenüber dem Ausland gerechtfertigt.» Seine Gym80-Geräte bezieht er weiter von Ratio: «Wir haben den Parallelimport geprüft, aber es war zu kompliziert. Man spart zwar Geld, aber wenn man es in Relation zum Aufwand setzt, rechnet sich das nicht», so Pugliese.

Der Schweizer Fitness- und Gesundheitscenter-Verband setzt hinter den Parallelimport ebenfalls ein Fragezeichen: «Prinzipiell sind wir für einen freien, liberalen Markt, und jeder Unternehmer sollte selber entscheiden können, wo er seine Waren einkauft», sagt Verbandspräsident Claude Ammann. Es müsse seiner Meinung nach jedoch transparent vom Importeur aufgeführt sein, welche Serviceleistungen der Preis beinhalte.

Maurizio Minetti

Kennzahlen zum Schweizer Fitnesscentermarkt 2015

  • 874 Fitness-Anlagen (> 200 m2)
  • 750'000 Kunden insgesamt
  • 9,1% Anteil an der Gesamtbevölkerung
  • 42,7 Jahre Durchschnittsalter der Kunden
  • 906 Franken Jahresbeitrag pro Kunde
  • 900 Millionen bis 1 Milliarde Franken Umsatz pro Jahr

Quelle: SFGV Branchenstudie 2015

Kein Parallelimport bei der Migros

FITNESSPARKS mim. In der Schweiz ist die Migros mit ihren Fitnessparks der grösste Anbieter von Fitnesscentern. In den drei Migros-Fitnessparks der Zentralschweiz sind alle grossen Gerätehersteller vertreten. «Die Geräte werden ausschliesslich über die offiziellen Vertreter in der Schweiz bezogen», sagt Sprecherin Rahel Kissel-Probst. Die Schweizer Händler seien auch Ansprechpartner für Unterhalt und Service, was ein wesentlicher Punkt sei. Die One Training Center, die zur Migros gehören, beziehen ebenfalls alle Geräte beim offiziellen Distributor in der Schweiz. Die Kraftgeräte von Gym80, die in den Migros-Fitnessparks Allmend, National und Eichstätte Zug stehen, kommen von der Ratio AG in Kriens.