Credit-Suisse
Diskreditierte Schweiz

Man reibt sich die Augen: Die Credit Suisse bekennt sich dazu, eine kriminelle Organisation zu sein, und verpflichtet sich zu einer Milliarden-Busse – dafür geradestehen soll freilich niemand.

Gieri Cavelty
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Die Spitze der Credit Suisse bei der Anhörung vor dem US-Senat: Romeo Cerutti, Brady Dougan, Robert Shafir und Hans-Ulrich Meister (von links).

Die Spitze der Credit Suisse bei der Anhörung vor dem US-Senat: Romeo Cerutti, Brady Dougan, Robert Shafir und Hans-Ulrich Meister (von links).

Keystone

Die Bankspitze um Verwaltungsratspräsident Urs Rohner und CEO Brady Dougan wäscht ihre Weste in Unschuld, präsentiert sich als Opfer betrügerischer Untergebener.

Dieses böse Dutzend soll auf eigene Faust US-Bürgern beim Steuerhinterziehen geholfen haben. Bloss: Müsste die CS da nicht schleunigst gegen diese Leute vorgehen und sie rechtlich belangen?

Doch Fehlanzeige: Die Medienstelle der CS erklärt, die fehlbaren Angestellten seien entlassen worden – auf Veranlassung der US-Behörden übrigens. Weiter seien keine Schritte geplant. Die Frage nach dem Grund für so viel Nachsicht bleibt unbeantwortet.

Natürlich haben die CS-Oberen kein Interesse, die abgefeimten Mitarbeiter zu behelligen!

In einem Gerichtsprozess könnte sich ja noch herausstellen, dass die Chefs besser im Bild waren, als sie behaupten. Oder dass sie zumindest ihre Aufsichtspflicht zu wenig wahrgenommen hatten. – Fundamentale Kritiker des Finanzplatzes mögen an dieser Stelle einwenden: Sind derlei Überlegungen nicht zu spitzfindig? Ist nicht die ganze Debatte über die Verantwortung Einzelner so fadenscheinig wie Urs Rohners weisse Weste?

In dieser etwa vom Wirtschaftsethiker Ulrich Thielemann vorgetragenen Argumentation verhält sich die Sache simpler: Die Schweiz machte dank des Bankgeheimnisses gute Geschäfte mit Steuerhinterziehern aus aller Welt. Warum jetzt dieses Werweissen über Wissen, Nichtwissen, weisse Westen? Schuld in dieser Sichtweise ist das System, nicht der individuelle Bankmitarbeiter.

Gewiss: Das Bankgeheimnis war lange ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, wonach sich die ganze Politik des Landes ausrichtete. Die USA-Aktivitäten unserer Grossbanken jedoch sind eine eigene Geschichte: Im Rennen ums grosse Geld gerieten diese Institute seit der Jahrtausendwende gleich in mehreren Geschäftsfeldern aus der Bahn.

Die Busse über 2,5 Milliarden Franken ist denn bereits die zweite Rechnung für die CS aus den USA in diesem Jahr: Im März musste sie 885 Millionen Dollar wegen luschiger Hypothekargeschäfte zahlen. Und beim Business mit Privatkunden war das Bankgeheimnis lediglich ein Bestandteil in einem ganzen Repertoire der Klandestinität: CS-Banker reisten als vermeintliche Touristen in die USA, sprachen auf Golfplätzen potenzielle Kunden an, kommunizierten via tote Briefkästen.

Kurz: In der Causa CS geht es um weit mehr als eine Unvereinbarkeit des schweizerischen mit dem amerikanischen Recht. Entsprechend muss auch über persönliche Verantwortung gesprochen werden. Und da die CS davon absieht, die fehlbaren Kundenberater zur Rechenschaft zu ziehen, kann das gravierende Schuldeingeständnis für die obersten Verantwortlichen erst recht nur den Rücktritt bedeuten.

Diese Demission zu fordern wiederum kann nicht allein das Privileg der CS-Aktionäre sein: Die Credit Suisse ist ein Pfeiler der Schweizer Wirtschaft, und mit ihrem Namen trägt sie die Schweiz in die Welt hinaus. Ist ihr Ruf ramponiert, leidet im Ausland das Ansehen des ganzen Landes. Im Inland leidet derweil das Image der ganzen Wirtschaft.

Ebendiese Schweizer Wirtschaft aber ist schon viel zu stark in Misskredit geraten, bloss weil einige wenige Exponenten ihre privaten Interessen über alles andere gestellt haben. Vor Monatsfrist hat die CS einen Prospekt mit dem Titel «Unternehmerische Verantwortung» publiziert. Im Editorial erklären Urs Rohner und Brady Dougan: «Als weltweit tätige Bank stehen wir in enger wechselseitiger Beziehung mit der Wirtschaft und der Gesellschaft.» Das ist genau der Punkt: Nun müssen die Vorwortschreiber zeigen, dass sie unternehmerische wie gesellschaftliche Verantwortung auch dann zu tragen bereit sind, wenn dies das Ende der eigenen Karriere bedeutet.

Verschiedentlich wurde in den letzten Tagen Oswald Grübel als mögliches Vorbild für Rohner und Dougan genannt. In der Tat hatte Grübel vor drei Jahren seine Verantwortung als UBS-Chef wahrgenommen: Nachdem ein UBS-Händler einen Milliardenverlust verbrochen hatte, nahm Grübel den Hut – obwohl er nicht unmittelbar für diese Missetat verantwortlich war.

Einen Schönheitsfehler indes hat das Beispiel Grübel gerade im Zusammenhang mit der CS: Grübel amtete von 2003 bis 2007 als CEO der CS – just zu jener Zeit also, als es die Bank in den USA am ärgsten trieb.