Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

DISKRIMINIERUNG: «Es gibt keine Rechtfertigung dafür»

Der Versicherungskonzern Swiss Life legt Callcenter-Mitarbeitern mit fremdländisch klingenden Namen nahe, am Telefon einen Schweizer Namen zu benutzen. Für den Politologen Nenad Stojanovic ist diese Praxis «klar diskriminierend».
Michel Burtscher
«Verschweizerte» Namen in Callcentern geben zu reden. (Symbolbild)

«Verschweizerte» Namen in Callcentern geben zu reden. (Symbolbild)

Interview: Michel Burtscher

Nenad Stojanovic, beim Versicherungskonzern Swiss Life arbeiten Callcenter-Angestellte mit aus­ländischem Namen mit einem Schweizer Alias. Damit werde die Chance auf einen erfolgreichen Abschluss des Gesprächs erhöht. Was halten Sie von dieser Praxis?

Das ist klar diskriminierend und erniedrigend. Damit wird die Würde der betroffenen Personen verletzt. Es gibt absolut keine Rechtfertigung dafür. Ich bezweifle auch, dass das wirtschaftlich Sinn macht. In der Schweiz leben so viele Menschen mit einem Migrations­hintergrund, dass es wohl nur eine kleine Minderheit stört, wenn jemand mit einem ausländischen Namen anruft.

Swiss Life betont, die Mitarbeiter könnten selber entscheiden, ob sie ein Schweizer Alias annehmen möchten. Dann ist es doch eigentlich kein Problem.

Ob freiwillig oder nicht, macht für mich keinen Unterschied. Das Schlimme ist, dass ein Arbeitgeber seinen Angestellten überhaupt die Möglichkeit anbietet, den eigenen Namen vor den Kunden zu leugnen. Damit sendet er ein fürchterliches Signal aus. Den Arbeitnehmern mache ich keinen Vorwurf, dass sie dabei mitmachen: Sie wollen einfach arbeiten und Geld verdienen.

Wenn die Praxis von Swiss Life wirklich diskriminierend ist, sollte man doch eigentlich etwas dagegen tun können?

Das sollte man nun von Juristen abklären lassen. Ich bin aber nicht sehr optimistisch. Das Diskriminierungsverbot in der Schweiz ist nicht sehr griffig in diesem Bereich. Eventuell könnte man sich auf das Obligationenrecht berufen, in dem steht, dass der Arbeitgeber «die Persönlichkeit des Arbeitnehmers zu achten» hat. Ich glaube nicht, dass die Verantwortlichen bei Swiss Life fremdenfeindlich sind. Sie versuchen einfach, die mögliche Reaktion der Kunden zu antizipieren. Das macht es aber meiner Meinung nach nicht besser.

Ist die Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund aufgrund ihres Namens hierzu­lande weit verbreitet?

Wir arbeiten im Moment an einem Forschungsprojekt, mit dem wir konkret bei Wahlen in der Schweiz untersuchen, ob Kandidatinnen und Kandidaten mit einem ausländischen Namen öfter von einer Liste gestrichen werden als andere. Die ersten Zwischenergebnisse zeigen klar: Es ist tatsächlich ein kleiner Nachteil, wenn man keinen typischen Schweizer Namen hat. Von einer weitreichenden Diskriminierung in der Schweiz zu sprechen wäre aber sicherlich über­trieben.

Die Integration funktioniert in der Schweiz also gut?

Sie funktioniert nicht schlecht im Vergleich zu unseren Nachbarländern. ­Parallelgesellschaften wie etwa in Frankreich gibt es nicht. Man darf bei diesem Thema zudem nicht nur auf die Beziehung zwischen Schweizern und Aus­ländern fokussieren. Diskriminierung gibt es auch zwischen den verschiedenen Ausländergruppen – etwa zwischen Albanern und Serben.

Auch Sie haben einen ausländischen Namen, stammen ursprünglich aus Ex-Jugoslawien. Wurden Sie des­wegen auch schon diskriminiert?

Nein, ich persönlich habe diesbezüglich nie schlechte Erfahrungen gemacht. Mein Name und damit meine Herkunft waren in meiner beruflichen Karriere nie ein Thema. Das liegt aber sicherlich auch daran, dass ich eine gute Ausbildung habe und viele Sprachen spreche. Von Diskriminierung sind meistens weniger vermögende und gebildete Schichten betroffen.

Hinweis

Der Politologe Nenad Stojanovic (41) forscht und doziert an der Universität Luzern. Zu seinen Schwerpunkten gehören die Themen Integration und Diskriminierung. Er wurde in Sarajevo geboren und kam 1992 in die Schweiz. Stojanovic ist Mitglied der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus und sass für die SP im Tessiner Grossrat. Grössere Bekanntheit erlangte er mit seinem gescheiterten Referendum zur Umsetzung der Masseneinwanderungs-Initiative.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.