Doppelt so viel Netflix, Facebook um 21 Uhr: So surfen die Schweizer in der Krise

Das Coronavirus verändert das Internet-Nutzungsverhalten stark. Daten zeigen, welche Dienste profitieren - und wann Schweizer im Home Office Pausen machen.

Stefan Ehrbar
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Die Netflix-Nutzung hat in der Schweiz um 85 Prozent zugenommen.

Die Netflix-Nutzung hat in der Schweiz um 85 Prozent zugenommen.

Keystone

Jede Krise hat ihre Gewinner. Einer ist der US-Streaminganbieter Netflix. Seine Filme, Serien und Dokumentationen werden so häufig geschaut wie nie zuvor. Das zeigt eine Auswertung der Kabelnetzbetreiberin UPC. Demnach hat die Nutzung von Netflix in der Schweiz seit Ausbruch der Coronakrise um 85 Prozent zugenommen. Ähnliche Wachstumsraten zeigen die Dienste von Amazon und Google.

Mit dem Ausbruch des Coronavirus ist die Rolle, die das Internet spielt, noch einmal deutlicher geworden. Hunderttausende sind darauf angewiesen, um von zu Hause aus arbeiten zu können. Weil die meisten Läden geschlossen sind, kann ein Grossteil der Waren nur noch online bestellt werden. Kinos und Bars sind geschlossen, also wurden Streaminganbieter zur Unterhaltungsressource Nummer eins. Doch wie nutzen Schweizer in diesen Zeiten das Internet - und wann gerät es an seine Grenzen?

«Netzwerk geriet nie an Grenzen»

Die Antwort auf die zweite Frage lautet: Noch lange nicht. UPC registrierte kürzlich in seinem Netz einen Rekordwert von 1,38 Terabit pro Sekunde. Das entspricht grob gerechnet 45 Stunden Filme in HD-Qualität, die in dieser Sekunde an Kunden ausgeliefert wurden. «Wir könnten auch das Doppelte liefern», stellte UPC an einer Veranstaltung am Dienstag klar.

Auch die Stiftung Switch, die Studenten, Universitäten und Spitäler mit dem Internet verbindet und im Datenverkehr zwischen sich und Anbietern wie Swisscom oder UPC eine Verfünffachung feststellt, sieht sich gerüstet. «Unser Netzwerk kam seit dem Lockdown nie an seine Grenzen», sagt Daniel Bertolo, der Head Network bei Switch. Das gelte selbst dann, wenn es an einem der grossen Peering-Punkte zu einem Ausfall kommen würde. An solchen Punkten werden Daten zwischen dem eigenen Netz und anderen Anbietern ausgetauscht. 

Datenverkehr ist um 30 Prozent gestiegen

Weltweit hat der Datenverkehr seit dem Ausbruch des Coronavirus um etwa 30 Prozent zugenommen. Das hat die Firma Akamai festgestellt. Sie betreibt das grösste Content Delivery Network der Welt. Ein solches sorgt dafür, dass Daten den schnellsten und optimalsten Weg zu den Kunden finden. 

Auch bei SwissIX, dem grössten Internetknoten der Schweiz, wurde im März eine Steigerung des Verkehrs von etwa 30 Prozent festgestellt. An einem Internetknoten finden sich Anbieter von Diensten wie Google, Netflix oder Microsoft sowie Provider wie Swisscom oder Sunrise und ausländische Anbieter zusammen, um Daten untereinander auszutauschen.

Spitzenwerte werden am Abend gemessen

Eine Analyse der SwissIX-Daten zeigt, wie Schweizer durch den Tag surfen. Tagsüber ist die Internetnutzung relativ ausgeglichen. Über den Mittag nimmt sie etwas ab. Am meisten Verkehr wird jeweils zwischen etwa 21.30 Uhr und 22 Uhr registriert. Dann fallen Streamingdienste wie Netflix, aber auch das Online-Gaming oder Online-TV-Angebote wie Wilmaa oder Zattoo ins Gewicht. Diese Anwendungen sind im Vergleich zu Diensten, die für Home Office benötigt werden, sehr datenintensiv. Für eine Stunde Netflix in HD-Qualität werden durchschnittlich 3 Gigabyte verbraucht. Eine Stunde Telefonieren via Skype verbraucht etwa fünfzigmal weniger Daten.

So veränderte sich der eingehende Internetverkehr bei der Uni Basel - und so viel Verkehr registrierte der Internetknoten SwissIX.

So veränderte sich der eingehende Internetverkehr bei der Uni Basel - und so viel Verkehr registrierte der Internetknoten SwissIX.

Lea Siegwart

Einen genaueren Einblick in den täglichen Verlauf erlauben die Daten der französischen Telekomfirma Kwaoo. Diese bedient auch viele Kunden in der Westschweiz und im Mittelland und veröffentlicht die Datenmengen, die sie im direkten Austausch mit Diensten wie Netflix oder Facebook verzeichnet.

Facebook-Nutzung ist gleichmässig verteilt

Die Netflix-Nutzung war beispielsweise am Montag kurz nach 22 Uhr am höchsten. Am tiefsten war sie um 7 Uhr. Am Nachmittag und frühen Abend entspricht die Netflix-Nutzung etwa einem Drittel im Vergleich zum Höhepunkt am Abend.

Gleichmässiger verteilt ist die Nutzung von Facebook. Einen Höhepunkt gab es um 21 Uhr, Ausschläge wurden aber bereits um 13.30 Uhr und 19 Uhr verzeichnet. Von morgens um 7 Uhr bis etwa 22 Uhr laufend zu nahm die Nutzung von Twitch, einer Videostreaming-Anwendung, die vor allem von Gamern benutzt wird.

Nur ein Prozent mehr Downloads

Nicht ins Bild zu passen scheint eine weitere Zahl, die UPC veröffentlicht hat. Die Zahl der heruntergeladenen Daten nahm seit Beginn der Coronakrise nur um ein Prozent zu. Die Erklärung liegt bei Netflix. Der Anbieter hat die beiden Profile mit der höchsten Streamingqualität vorübergehend in ganz Europa entfernt, weil Internetanbieter vor allem in Spanien und Italien auf Engpässe zusteuerten. Damit wurde der Datenverkehr von Netflix um etwa 25 Prozent reduziert. Kaum ins Gewicht fallen derzeit andere Anbieter wie Disney+ oder Sky, die im Vergleich zu Netflix hierzulande noch Datenzwerge sind. 

Deutlich zugenommen haben die Upstream-Daten, also der Internetverkehr, der von Privatkunden nach aussen geschickt wird. Bei UPC stieg das Volumen um 38 Prozent. Die einfache Erklärung: Deutlich mehr Menschen arbeiten zu Hause und wählen sich von dort in ihr Firmennetzwerk ein oder nehmen an Videokonferenzen teil und schicken so Daten hinaus. 

So sieht der Tagesverlauf bei Netflix und Facebook am Beispiel des französischen Anbieter Kwaoo aus.

So sieht der Tagesverlauf bei Netflix und Facebook am Beispiel des französischen Anbieter Kwaoo aus.

Lea Siegwart

Diesen Effekt stellt auch Switch fest. Am Beispiel des Universitätsspital Genf zeigt sich, dass nun deutlich mehr Leute zu Hause arbeiten (siehe Grafik). Auch bei Universitäten zeigt sich dieses Bild. Bei der Universität Neuenburg hat sich der Verkehr von aussen zur Uni verdreifacht. Das liegt auch daran, dass nun mehr Podcasts und Online-Dienste angeboten werden. Switch hat seit Beginn der Krise an mehreren Orten sein Netzwerk ausgebaut, sagt Netzwerk-Chef Bertolo. Das habe sich gelohnt: «Wir hatten noch nie so viel spontanes, positives Feedback von Kunden». 

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