E-Mobilität
Dringend gesucht: Ein Schweizer Elektroauto-Pionier

In den 80ern war die Schweiz Vorreiter, was Elektro-Mobile angeht. Heute fehlt es an politischer Unterstützung.

Fabian Hock
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Aus der Schweiz: Der Elektro-LKW von Feldschlösschen.A. MÜller/Freshfocus (hO)

Aus der Schweiz: Der Elektro-LKW von Feldschlösschen.A. MÜller/Freshfocus (hO)

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Die Gefährte der rund 70 Teilnehmer der «Tour de Sol» 1985 erinnern ein wenig an Badewannen. Josef Brusa stattete einige der futuristischen Vehikel mit elektrischen Komponenten aus. Als sie sich am Bodensee auf den Weg machten, haben die wenigsten den solarverrückten Tüftlern zugetraut, tatsächlich in Genf anzukommen. Doch die Mehrzahl kam an. Angetrieben von der Kraft der Sonne. Die Teilnehmer waren mitverantwortlich dafür, dass sich die Eidgenossenschaft in den 80er- und 90er-Jahren an die Spitze der weltweiten Elektroauto-Bewegung setzte.

Da steht die Schweiz heute nicht mehr. Zumindest nicht in der vordersten Reihe. Denkt man jetzt an Elektroautos, denkt man an Tesla. Unternehmensgründer Elon Musk, dessen teils fragwürdiger Führungsstil (er soll einen Mitarbeiter kritisiert haben, weil dieser eine Firmenveranstaltung sausen liess, um der Geburt seines Kindes beizuwohnen) jüngst publik geworden ist, hat den Schweizern in Sachen Pionier-Status klar den Rang abgelaufen. Auch der Einstieg der grossen Autokonzerne aus Deutschland und den USA hat viele kleinere Schweizer Firmen verdrängt.

Vorreiter: Teilnehmer der «Tour de Sol».key

Vorreiter: Teilnehmer der «Tour de Sol».key

KEYSTONE

Man muss nur richtig suchen

Und doch gibt es sie noch, die heimischen Elektro-Pioniere. Bestes Beispiel: Ebenjener Josef Brusa. Seine Brusa AG in Sennwald im St. Galler Rheintal ist heute einer der wichtigsten Zulieferer weltweit. Viele Konzerne kaufen hier die Antriebe ihrer E-Autos. Zweites Beispiel: Nick Hayek. Der Swatch-Chef lässt über seine Tochterfirma Belenos eine E-Auto-Batterie entwickeln, die laut eigener Aussage 50 bis 100 Prozent mehr Energie speichern kann als alle Akkus, die heute auf dem Markt sind.

Das dritte Beispiel wiegt 18 Tonnen und liefert Feldschlösschen-Bier aus. Die Brauerei hat einen elektrisch betriebenen LKW in ihren Fuhrpark aufgenommen. Umgerüstet hat ihn die E-Force One AG aus Nidwalden. Neben Feldschlösschen haben auch Coop und Lidl Fahrzeuge aus der Beckenrieder Technik-Schmiede im Einsatz. Insgesamt neun davon fahren auf den Strassen in der Schweiz und in Deutschland. Mit rund einer Viertelmillion Franken ist der Umbau zwar nicht gerade billig, doch die Kundschaft ist zufrieden: «Wir können uns vorstellen, nach und nach konventionelle LKW durch Elektro-LKW zu ersetzen», sagt Feldschlösschen-Sprecherin Bettina Sutter. Die Anschaffung von vier weiteren Fahrzeugen werde derzeit diskutiert.

Rasante Entwicklung steht bevor

Die Beispiele können indes nicht darüber hinwegtäuschen, dass sich der private Gebrauch von E-Autos eher zurückhaltend entwickelt. Zwar wurden im letzten Jahr mit gut 1600 Fahrzeugen deutlich mehr Elektroautos zugelassen als im Vorjahr. Doch bei insgesamt 300 000 zugelassenen Autos bleibt das Niveau vergleichsweise tief.

Das wird aber wohl nicht mehr lang so bleiben. Dass die Elektromobilität heute weltweit kurz vor dem Durchbruch steht, bezweifelt in der Branche kaum jemand. Noch stockt die private Nutzung von E-Autos, doch auch diese wird kommen. Geht es nach Nick Beglinger, kommt sie sogar viel schneller als weithin geglaubt. Beglinger ist Präsident des auf Nachhaltigkeit getrimmten Wirtschaftsverbands Swisscleantech. Er sagt: «Das nächste oder übernächste Auto der allermeisten Käufer weltweit wird elektrisch sein.»

Wie er zu einer derart optimistischen Einschätzung kommt? Die «ökonomische Vollkostenrechnung, Informationstechnologie und Batterien sind der Schlüssel», sagt er. Angetrieben von Pionieren wie Tesla und anderen werde eine derart rasante Preis- und Qualitätsentwicklung bei den Akkus eintreten, dass schon in rund 20 Jahren die Bedenken hinsichtlich Reichweite und Preis vom Tisch sind.

Gute Voraussetzungen

Grosse Gewinnerin könnte die Schweiz werden. Dass der heimische Verkehr als einer der ersten elektrifiziert werden könnte, hat mit den Bedingungen zu tun: kurze Wege, hohe Kaufkraft, innovative Unternehmen. Und dennoch wird die Entwicklung kein Selbstläufer: Vor zwei Wochen hat der Bundesrat der Elektroauto-Branche einen Dämpfer versetzt, indem er eine Motion des Solothurner Nationalrats Stefan Müller-Altermatt (CVP) ablehnte. Dieser hatte eine bessere Koordinierung der Förderung für die Elektromobilität gefordert. Die Branche kritisiert die Ablehnung massiv.

Bleibt die politische Unterstützung aus, ist die Wirtschaft noch mehr gefordert. Ein neuer Vorreiter, ein heimischer Visionär – um nicht zu sagen: ein helvetischer Elon Musk – müsste wohl her, um die Schweiz erneut an die Spitze der Elektroauto-Bewegung zu bringen. Dieser sollte allerdings etwas mehr Verständnis für die privaten Belange seiner Mitarbeiter aufbringen als das Original.