Frankenstärke
Durchatmen für die Notenbank

Dank der EZB kann die SNB vorerst auf noch negativere Zinsen verzichten

Tommaso Manzin
Merken
Drucken
Teilen
SNB-Präsident Thomas Jordan schreitet zum Rednerpult, wo er wenig später verkündet, dass die Zinsen unverändert bleiben. Lukas Lehmann / Keystone

SNB-Präsident Thomas Jordan schreitet zum Rednerpult, wo er wenig später verkündet, dass die Zinsen unverändert bleiben. Lukas Lehmann / Keystone

Thomas Jordan, Präsident der Schweizerischen Nationalbank (SNB), kann aufatmen. Anders als an der ersten Pressekonferenz des Jahres, ging der Kelch einer weiteren drastischen Massnahme diesen Donnerstag an ihm vorbei: Das Zielband für den Dreimonatslibor bleibt bei –1,25 bis –0,25 Prozent, der Strafzins der Banken auf Geld, das sie bei der SNB parken, bei –0,75%. Der 15. Januar hatte dagegen Schockwellen über die Finanzmärkte gejagt und Jordan musste erklären, warum er den seit dreineinhalb Jahren als unverzichtbar bezeichneten Euromindestkurs von Fr. 1.20 aufgibt.

Das war kein Spaziergang. Noch im Dezember hatte er beteuert, der Mindestkurs sei zur Bekämpfung der Deflationstendenzen zentral. Und wenn diese Begründung seit seiner Einführung im September 2011 gut genug war, so wäre sie Anfang Jahr nur besser gewesen: Die SNB selbst erwartete für 2015 erstmals seit Einführung des Mindestkurses ein Absinken des Preisniveaus unter die Nulllinie. Es bleibt bis heute ihr Geheimnis, warum das Deflationsargument just in diesem Moment erstmals nicht mehr gelten sollte.

2015 endet anders, als es anfing

Der Auslöser lag denn auch nicht in der Schweiz: Die Märkte und auch die SNB erwarteten, dass die Europäische Zentralbank (EZB) im Januar ein Programm zum Aufkauf von Wertschriften ankündigen würde, das Hunderte von Milliarden Euro in die Märkte pumpen sollte. Im März sollte es dann tatsächlich anlaufen. Die SNB bekam Angst vor ihrem Mut, den Euro zu stützen. Angesichts dieses Programms hätte die SNB dazu nochmehr Euros auf ihre Bilanz holen müssen, die auf 80 Prozent der Schweizer Wirtschaftsleistung angeschwollen war. Das EZB-Programm zielte zudem gerade auf die Euro-Schwächung. Nachdem die SNB wegen Verlusten auf ihren Devisenreserven bereits Attacken aus der Politik ausgesetzt war, fürchtete sie um den Rückhalt und letztlich um ihre Unabhängigkeit. Diese wertete sie höher als die Gefahr einer jähen Frankenaufwertung für die Industrie und auch als den Glaubwürdigkeitsverlust durch die Aufgabe ihres Arguments für den Euromindestkurs.

Nächster Halt: US-Notenbank

Nach dem Notenbankentscheid ist vor dem Notenbankentscheid: Die europäischen Währungshüter tagten vergangene und ihre Schweizer Kollegen diese Woche. Am 16. Dezember berät die US-Notenbank darüber, ob sie erstmals seit Ausbruch der Finanzkrise 2008 die Leitzinsen wieder anheben soll. Der Markt erwartet 0,25 Prozentpunkte. Doch was, wenn nicht? Analysten von Bantleon erwarten in diesem Fall eine komplette Neubewertung der geldpolitischen Lage. Der Euro dürfte aufwerten, weshalb sich dann auch die EZB zu einer zusätzlichen Massnahme gezwungen sehen könnte. Doch eine nochmalige Verschiebung der Leitzinswende wäre angesichts des brummenden US-Arbeitsmarkt nur schwer zu rechtfertigen. Dazu müsste es zu einem heftigen negativen Schock in den nächsten Tagen kommen. Die Ökonomen der Privatbank Mirabaud halten eine Verschiebung der Zinswende in den USA zwar ebenfalls für unwahrscheinlich. Dagegen sprächen die letzten Kommentare der US-Notenbank. Sollte es aber dazu kommen, würde sich der US-Dollar stark abschwächen und der Franken wieder aufwerten.

Die EZB beschloss letzte Woche neben einer leichten Zinssenkung die Verlängerung des Programms von September 2016 bis März 2017. Denn die Inflation im Euroraum klebt an der Nulllinie, der Deflationssog unter diese Marke bleibt zu stark. Die Märkte hatten jedoch eine Erhöhung der monatlichen Käufe erwartet. Die kleiner als gedachte Euroschwemme liess den Euro aufwerten, auch zum Franken.

Für die SNB war es dagegen eine Erlösung. Die Experten sahen schon im Vorfeld der Lagebeurteilung vom Donnerstag viel Druck von der SNB gewichen, die Zinsen weiter zu drücken. Denn obwohl die EZB ihre Sätze um 0,1 Prozentpunkte auf –0,3 Prozent senkte und damit Anlagen in Euro eher unattraktiver wurden, wertete sich dieser zu Dollar und Franken auf.

Alles gut also? Nicht ganz. Das SNB-Inflationsziel beträgt knapp 2 Prozent. Am Donnerstag erklärte Jordan, für heuer mit –1,1 Prozent zu rechnen. Das Preisstabilitätsziel ist damit verfehlt, die Teuerung noch tiefer als Anfang Jahr befürchtet. Hätte die SNB also nicht doch mehr tun sollen?

Nicht ganz ausgestanden

Gero Jung, Chefökonom der Privatbank Mirabaud, kann das Zuwarten nachvollziehen. Nach der EZB-Entscheidung sei die SNB nicht zu weiteren Massnahmen gezwungen gewesen, sie wolle wohl auch etwas Pulver trocken halten, da die EZB ihr Ankaufprogramm künftig aggressiver gestalten könnte. Ähnlich Daniel Hartmann, Analyst der Bantleon Bank: Weder die aktuelle Wechselkursentwicklung noch der Inflationsausblick hätten die SNB genug unter Druck gesetzt, um die Geldpolitik weiter zu lockern. Das halbherzige Vorgehen der EZB habe sie vor einer weiteren unangenehmen Entscheidung bewahrt. Härter ins Gericht mit der SNB geht Maxime Botteron, Zinsspezialist von Credit Suisse: Sie habe eine Gelegenheit verpasst, mit einer Zinssenkung Entschlossenheit zu zeigen, den Franken längerfristig zu schwächen.

Zu Ende ist das Jahr für die SNB jedenfalls nicht: Sollte die US-Notenbank die Zinsen nächste Woche wider Erwarten nicht anheben, würden die Karten neu gemischt. Das würde den Aufwärtsdruck auf den Franken wieder erhöhen (s. Kasten und Interview).