ECONOMIESUISSE: Die neue Chefin lehnt Frauenquoten ab

Monika Rühl (50) will mehr Frauen für den Vorstand gewinnen – aber ohne Quoten. Und sie sagt, wie sie die EU überzeugen will, die bilateralen Verträge nicht zu kündigen.

Interview Kari Kälin
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Wirtschaft und Politik im Visier: Monika Rühl gestern nach ihrer Wahl zur Direktorin von Economiesuisse. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Wirtschaft und Politik im Visier: Monika Rühl gestern nach ihrer Wahl zur Direktorin von Economiesuisse. (Bild: Keystone/Ennio Leanza)

Monika Rühl, wird Economiesuisse unter Ihrer Ägide wieder zum achten Bundesrat, wie es in vergangenen Zeiten hiess?

Monika Rühl: Das ist nicht mein Ziel. Economiesuisse muss sich nach vorne orientieren. Das bedeutet vor allem, dass sich der Wirtschaftsdachverband gegenüber der Bevölkerung klarer ausdrücken muss. Wir müssen den Menschen besser erklären, welchen Beitrag die Wirtschaft zum Wohlstand der ganzen Bevölkerung leistet. Wir müssen uns auch bei Parlament und Bundesrat verständlich machen, damit die Politik unsere Anliegen besser versteht.

Sie sagen, die Politik verstehe die Abläufe in der Wirtschaft nicht und umgekehrt. Wo klemmt es? Hat es zum Beispiel zu viele Juristen, aber zu wenig Unternehmer im Parlament?

Rühl: Ich wünschte mir, es hätte mehr Unternehmer im Parlament, aber auch im Bundesrat. Es ist wichtig, dass sich Parlamentarier künftig wieder stärker für Wirtschaftsanliegen einsetzen, als dies heute der Fall ist.

Derzeit sind Sie Generalsekretärin im Eidgenössischen Departement für Wirtschaft, Bildung und Forschung (WBF) von Bundesrat Johann Schneider-Ammann (FDP). Freut er sich vielleicht sogar über Ihre Kündigung? Sie tragen schliesslich jene politische Affinität in die Economiesuisse, die dem Verband in jüngster Vergangenheit scheinbar fehlte.

Rühl: Johann Schneider-Ammann bedauert meinen Abgang. Als ich ihn Mitte Januar über meine Pläne orientierte, sagte er mir aber, ich würde Economiesuisse guttun. Das hat mich ermutigt, mich der Herausforderung zu stellen.

Der Volkswirtschaftsminister profitiert doch, wenn er quasi eine direkte Abgeordnete in die Economiesuisse entsendet.

Rühl: Ich bin selbstverständlich keine Abgeordnete des Bundesrats. Johann Schneider-Ammann pflegt schon heute enge, intensive Beziehungen zu Economiesuisse. Er war selber im Vorstand, kennt die Leute und die Abläufe.

Sie verfügen über keine Erfahrung in der Privatwirtschaft. Ist das als neue Economiesuisse-Direktorin ein Pro­blem?

Rühl: Aus meiner Sicht nicht. Ich befasse mich seit mehr als 10 Jahren mit Wirtschaftsfragen. Während meiner Zeit beim Staatsekretariat für Wirtschaft (Seco) vertrat ich die Interessen der Schweizer Wirtschaft gegenüber dem Ausland. Dies konnte ich nicht einfach vom Büro aus tun, sondern ich traf mich mit Vertretern von Wirtschaftsverbänden, mit Unternehmern, um deren Anliegen zu verstehen und danach zu vertreten.

Economiesuisse steht im Ruf, ein abgehobener Verband zu sein. Sollten sich Wirtschaftsführer vielleicht wieder in einem Schul- oder Gemeinderat engagieren, um den Puls des Volkes besser zu spüren?

Rühl: Es ist wichtig, dass die Wirtschaft auf die Menschen zugeht, dass man auch einmal eine Gemeindeversammlung besucht und Stellung bezieht.

Weshalb hat die Reputation von Economiesuisse Ihrer Meinung nach in der jüngsten Vergangenheit gelitten?

Rühl: Verschiedene negative Entwicklungen in den letzten Jahren haben dem Ruf der Wirtschaft geschadet. Die zunehmende Globalisierung und die Diskussion über die überhöhten Löhne haben nicht geholfen, die Situation zu beruhigen.

Was werden Sie tun, um das Ansehen der Wirtschaft zu verbessern?

Rühl: Unter anderem müssen wir den Hebel bei der Kommunikation ansetzen. Wir müssen die Anliegen der Wirtschaft in einer einfachen, klaren, verständlichen Sprache formulieren. Und wir müssen den Menschen aufzeigen, dass für die Wirtschaft nicht nur Gewinnoptimierung, sondern auch die gesellschaftliche Verantwortung im Vordergrund stehen.

Sondern?

Rühl: Es geht um die Wettbewerbsfähigkeit und die Innovationskraft des Landes. Dies sind wichtige Faktoren, damit Unternehmen ihren Sitz in der Schweiz haben und hier Arbeitsplätze schaffen.

Sie beschreiben sich selber als bodenständig. Wie zeigt sich das in Ihrem Alltagsleben?

Rühl: Ich lebe in einer Mietwohnung im Seefeld-Quartier in Zürich. Ich besitze kein Auto, sondern benutze die öffentlichen Verkehrsmittel. Ich habe keine Putzfrau und kaufe im Coop und in der Migros um die Ecke ein.

Sie appellieren auch an die Frauen, sich als Unternehmerinnen zu exponieren und vielleicht in den männerlastigen Economiesuisse-Vorstand einzutreten. Denken Sie zum Beispiel an Alpiq-Chefin Jasmin Staiblin oder Ems-Chefin Magdalena Martullo-Blocher?

Rühl: Das sind zwei sehr gute Unternehmerinnen, die ich bewundere. Ich werde im Gespräch mit Unternehmerinnen versuchen herauszufinden, unter welchen Bedingungen sich Frauen verstärkt engagieren könnten. Als erste Frau an der Spitze von Economiesuisse kann ich vielleicht ein Zeichen setzen und auch andere und jüngere Frauen dazu ermutigen, sich einzubringen.

Braucht es Frauenquoten, vielleicht auch bei der Economiesuisse?

Rühl: Quoten lehne ich ab. Damit kann man nicht sicherstellen, dass die am besten geeigneten Frauen eine Führungsposition übernehmen.

Ist demnach alles nur eine Frage der besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie?

Rühl: Im Gespräch mit Unternehmerinnen ist dies immer wieder ein grosse Thema. Wie sieht es mit Betreuungsangeboten aus? Wie kann man Karriere und Familie unter einen Hut bringen? Wenn ein Vorstandsamt in einem grossen Verband hinzukommt, steigt natürlich die Belastung. Viele Frauen wollen das nicht auch noch auf sich nehmen. Ich selber habe es in dieser Beziehung einfacher. Ich habe keine Kinder.

Sie sind ausgebildete Diplomatin. Sehen Sie einen Weg, wie die Schweiz nach dem Ja zur SVP-Initiative «Gegen Masseneinwanderung» die Bilateralen Verträge retten kann?

Rühl: Fest steht: Es wird keine einfachen Lösungen geben. Ich habe aber grosses Vertrauen in die Schweizer Diplomatie. Die Aufgabe von Economiesuisse lautet nun, mit den Partnerorganisationen in den EU-Ländern in Kontakt zu treten und Verständnis für den Volksentscheid zu schaffen. Wir müssen versuchen, auf diesem Kanal einen Beitrag zu leisten für eine gute Lösung.

Wollen Sie die EU via Wirtschaftsverbände besänftigen?

Rühl: Es geht nicht darum, Brüssel milde zu stimmen. Wir können aber vielleicht mit Hilfe der europäischen Wirtschaftsverbände aufzeigen, wie eng die EU und die Schweiz wirtschaftlich miteinander verflochten und gute Beziehungen im gegenseitigen Interesse sind.

Das heisst also, das deutsche Pendant von Economiesuisse soll Bundeskanzlerin Angela Merkel klar machen, dass die EU nichts davon hat, wenn sie die Bilateralen I kündigt und deshalb zum Beispiel wieder technische Handelshemmnisse errichtet werden?

Rühl: Genau. So lautet mein Ansatz.

Viele Manager und Politiker brüsten sich, sie bräuchten bloss vier Stunden Schlaf pro Nacht. Wie lange schlafen Sie?

Rühl: Deutlich länger. Ich funktioniere am besten mit 7 Stunden Schlaf, mit 6 Stunden geht es, mit weniger nicht.