Ein Dinosaurier strebt zurück an die Börse

Die «Schweizerische Industrie-Gesellschaft» (SIG) sucht auf dem Schweizer Aktienmarkt nach neuen Investoren. Schweizerisch ist an der SIG aber fast nur noch die Geschichte.

Daniel Zulauf
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Blick in die Produktionsstätte des Verpackungsherstellers SIG Combiblog Group. (Bild: PD)

Blick in die Produktionsstätte des Verpackungsherstellers SIG Combiblog Group. (Bild: PD)

Viele Unternehmen und deren Kreditgeber nutzen das aktuelle Tiefzinsumfeld, um sich an der Börse neu zu finanzieren. Auch die in Neuhausen am Rheinfall beheimatete SIG Combibloc Group will sich die Nachfrage nach Aktien mit einer guten Dividende zunutze machen, um in den nächsten Monaten Kapital in der Höhe von rund einer Milliarde Euro aufzunehmen.

Der Konzern schiebt gegen 2,5 Milliarden Euro Schulden vor sich her. Das ist mehr als fünfmal so viel wie die Barmittel, die sich das Unternehmen durch die eigene Geschäftstätigkeit im vergangenen Jahr erarbeiten konnte. Die Rückzahlung eines solchen Schuldenberges ohne frisches Kapital nimmt viele Jahre in Anspruch. Für den kanadischen Finanzinvestor und Noch-Alleineigentümer Onex und die kreditgebenden Banken sei diese Schuldenlast aber nie ein Problem gewesen, sagt Geschäftsführer Rolf Stangl. Das Geschäftsmodell von SIG lasse eine hohe Fremdfinanzierung zu.

Die Firma verkauft Verpackungslösungen für keimfreie Getränke, die während zwölf Monaten ungekühlt gelagert werden können. Zu den Abnehmern gehören zum Beispiel Produzenten von Milchprodukten. Das Geld verdient SIG nicht nur mit den selbsthergestellten Abfüllmaschinen, von denen in über 60 Ländern zurzeit 1150 in Betrieb sind. Eine zentrale Ertragsquelle ist das Material für die Verpackungen, die einen festen Bestandteil der Verpackungslösung bilden.

Langjährige Lieferverträge sorgen für konstante Erträge

Die auf die Produkte zugeschnittenen Kartonmäntel und Verschlüsse werden zusammen mit den Maschinen in Lieferverträgen mit sechs- bis siebenjähriger Laufzeit verkauft, sodass dem Unternehmen konstante Erträge zufliessen. Die auf lange Sicht ­hinaus gute Berechenbarkeit der Geldflüsse lässt entsprechende Zinsverpflichtungen zu.

Trotzdem will SIG die Schuldenlast im Rahmen eines Börsenganges nun um rund 40 Prozent reduzieren. Damit verschafft sich das Unternehmen Luft zur Ausschüttung von Dividenden. Rund 100 Millionen Euro könnte es für das laufenden Jahr sein, danach jeweils 50 bis 60 Prozent des bereinigten Jahresgewinns. «SIG ist bereit, um an die Börse zu gehen», sagte Konzernchef Rolf Stangl am Montag. Bei guter Nachfrage will auch Onex Aktien im Wert von bis zu 500 Millionen Euro verkaufen und so den ersten Schritt zum Ausstieg vollziehen.

Die Kanadier hatten SIG im November 2014 zum Preis von 3,8 Milliarden Euro dem neuseeländischen Finanzinvestor Rank Group abgekauft. Dieser hatte die Firma im Mai 2007 für 2,4 Milliarden Dollar in einem Bieterprozess erworben. Jetzt wird der Unternehmenswert in Finanzmarktkreisen auf rund 5 Milliarden Euro geschätzt.

Mehr Umsatz dank Schwellenländern

Hinter der Wertvermehrung steckt das Wachstum von SIG. 2017 erwirtschaftete der Konzern einen Jahresumsatz von knapp 1,7 Milliarden Euro, 2007 waren es noch 1,1 Milliarden. Die beiden Eigentümer finanzierten mit Hilfe der Banken die Expansion in schnell wachsende Schwellenländer. Nachdem Europa 2007 noch für rund drei Viertel des Umsatzes verantwortlich war, ist dieser Anteil nun auf unter 50 Prozent gefallen. Mit der SIG Combiblock, die früher unter dem Namen «Schweizerische Industrie-Gesellschaft» firmierte, strebt ein Urgestein der Schweizer Industrie zurück an die Börse. Vom alten Erbe der 1853 gegründeten Firma ist allerdings nicht mehr viel übrig. Das aktuelle Geschäft mit den Flüssigverpackungen stammt von den Papier- und Klebstoffwerken Linnich in der Nähe von Düsseldorf, die SIG 1989 erworben hatte. In den dar­auffolgenden 15 Jahren wurde das ursprüngliche Rollmaterialgeschäft an Fiat und die Produktion von Handfeuerwaffen an deutsche Investoren veräussert.