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Ein fataler Engpass: In der Schweiz fehlen 600 Medikamente

In der Schweiz fehlen derzeit 600 Medikamente. Das kann einschneidende Folgen haben – etwa für Epilepsie-Patienten.
Andreas Möckli
Zahlreiche Medikamente werden in der Schweiz zunehmend zur Mangelware. Im Bild füllt eine Maschine Arzneikapseln in Blisterpackungen. (Gaetan Bally/Keystone)

Zahlreiche Medikamente werden in der Schweiz zunehmend zur Mangelware. Im Bild füllt eine Maschine Arzneikapseln in Blisterpackungen. (Gaetan Bally/Keystone)

Jeder Anfall kann sich im Alltag drastisch auswirken. «Betroffene können sich verletzen, dürfen nicht mehr Auto fahren, viele bekommen Schwierigkeiten in Beruf oder Ausbildung», sagt Professor Stephan Rüegg vom Unispital Basel. Die Rede ist von Epilepsie. Bei einem Anfall kommt es zu einer vorübergehenden Funktionsstörung des Gehirns. Dies kann zu einer kurzen Empfindlichkeits- oder Verhaltensstörung führen. Möglich ist auch, dass ein Betroffener nicht mehr ansprechbar ist oder mit Erinnerungslücken kämpft. Im schlimmsten Fall leiden Patienten unter markanten Krampfanfällen inklusive Bewusstseinsverlust.

Bei rund drei Viertel aller Patienten lassen sich solche Anfälle dank Medikamenten verhindern. Im Sommer fehlte ein Präparat, das insbesondere für Patienten mit schweren Anfällen zum Einsatz kommt, darunter auch für Kinder. «Für Menschen mit Epilepsie kann der Lieferausfall ihres Medikaments schlimme Folgen haben», sagt Rüegg, der auch Präsident der Schweizerischen Epilepsie-Liga ist. Jeder Wechsel eines Präparats, selbst mit dem gleichen Wirkstoff, könne das Risiko eines neuen epileptischen Anfalls erhöhen. Mittlerweile ist das Medikament wieder lieferbar, jedoch fehlen nun zwei andere Prä- parate.

Der Engpass zeigt sich jedoch längst nicht nur bei Epilepsie-Präparaten. In der Schweiz fehlen derzeit knapp 600 Medikamente. Dies zeigt die Plattform des Spitalapothekers Enea Martinelli. Er arbeitet für die Spitalgruppe Frutigen, Meiringen, Interlaken und gehört zu den Wortführern beim Thema Medikamentenengpass. Martinelli ­betreibt seit rund vier Jahren eine Plattform, wo er die Engpässe der Arz­neimittel nachführt. Damals zählte ­seine Plattform drugshortage.ch rund 230 Lieferengpässe. Nach anfänglicher ­Zurückhaltung melden inzwischen zahlreiche Pharmafirmen ihre Lieferausfälle freiwillig, andere Hersteller weigern sich bis heute.

Aufwendige und teure Suche nach Alternativen

Welche drastischen Folgen ein Engpass haben kann, zeigt ein Beispiel von Ende letzten Jahres. Damals war ein Wehenmittel nicht mehr lieferbar. Mancherorts seien die Spitäler auf ein vergleichbares Produkt aus dem Veterinärwesen umgestiegen, erzählt Martinelli. «Stellen Sie sich mal die Situation vor: Sie müssen zu einer Frau gehen, die am Gebären ist und ihr erklären, dass das Wehenmittel für Menschen nicht lieferbar ist, stattdessen bekommt sie nun das Mittel für Kühe.» Sein Spital habe das Präparat für den Menschen schliesslich im Ausland beschaffen können. Er kennt einen Kollegen, der sich ins Auto gesetzt habe und nach Frankreich gefahren sei. Dort hat man ihm freundlicherweise ein paar Packungen überlassen.

Fehlende Medikamente verursachen für Spitäler und Apotheken einen grossen Mehraufwand. Die Suche nach alternativen Präparaten sei oft anspruchsvoll, sagt Martinelli. In einigen Fällen könne man relativ einfach auf eine andere Packungsgrösse oder eine andere Darreichungsform ausweichen. Oft müsse man aber auf andere Präparate zurückgreifen und etwa Medikamente direkt aus dem Ausland importieren.

Doch auch dies werde nun zunehmend schwieriger, sagt Fabian Vaucher, Präsident des Apothekerverbands Pharmasuisse. Denn das Problem ausbleibender Medikamente kennen auch andere Länder. «Heute wird schon beim Verdacht auf einen Engpass zusätzliche Ware bestellt», sagt Vaucher. Diese Hamsterkäufe verschärften das Problem und erschwerten die Planbarkeit.

Für die Schweiz istdie Situation doppelt kompliziert

Was das alles kostet, ist unklar. «Konkrete Zahlen haben wir nicht», sagt Martinelli. Er rechnet mit einem zweistelligen Millionenbetrag. Vaucher geht davon aus, dass jede Apotheke täglich ein bis zwei Stunden dafür investieren muss, um nach Alternativen Ausschau zu halten. «Daneben müssen wir auch mit dem jeweiligen Arzt Kontakt aufnehmen, um zu besprechen, welche anderen Arzneimittel für den betroffenen Patienten in Frage kommen.»

Der Engpass von Medikamenten ist ein globales Phänomen. Betroffen sind meist ältere Medikamente, deren Patentschutz längst abgelaufen ist. Aufgrund der Konkurrenz durch Generika sind deren Preise massiv unter Druck gekommen. Viele kleinere Hersteller haben sich daher zurückgezogen oder wurden übernommen. Dadurch hat sich die Produktion vieler Medikamente auf wenige Hersteller konzentriert. Diese wiederum sind manchmal auf einen einzigen Wirkstoffproduzenten angewiesen. Fällt dieser aus, kommt es zu einem weltweiten Engpass.

Für die Schweiz sei die Situation doppelt kompliziert, sagt Vaucher vom Apothekerverband. So sei das Land von seiner Grösse her nicht attraktiv, bei Engpässen kämen andere Staaten wie Deutschland, Frankreich oder Spanien zuerst zum Zug. Zudem müssten die Hersteller in der Schweiz zusätzliche Auflagen berücksichtigen, die etwa die eigene Zulassungsbehörde Swissmedic mit sich bringe.

Die Nachbarländer handeln, die Schweiz zögert

Der Engpass von Medikamenten ist ein globales Phänomen. Zahlreiche europäische Länder wollen dem Problem nun mit teils einschneidenden Massnahmen begegnen. Jüngstes Beispiel ist Österreich. Die Regierung hat letzte Woche einen Verordnungsentwurf auf den Weg gebracht. Darin schlägt sie unter anderem ein Exportverbot von Medikamenten in andere Länder vor, wenn diese in Österreich knapp werden. Zudem möchte die Regierung eine Meldepflicht für die Hersteller rezeptpflichtiger Medikamente einführen, falls diese vorübergehend nicht mehr verfügbar sind. Auch in Deutschland denkt die Regierungspartei CDU über ein Exportverbot als ­Ultima Ratio nach.

Grossbritannien und Italien sind bereits einen Schritt weiter. Die britische Regierung hat kürzlich ein Exportverbot von 24 Medikamenten ­erlassen, die besonders von einem Engpass betroffen sind. Darunter befinden sich 19 Präparate, um Hormonmangel zu behandeln. Diese Mittel sind vor allem für Frauen in ihren Wechseljahren wichtig.

Frankreich geht einen anderen Weg. Das Land will die Sanktionen gegen fehlbare Pharmafirmen verschärfen, wie Premierminister Édouard Philippe Mitte September ankündete. So sollen Hersteller ab nächstem Jahr ihre Bestände wichtiger Medikamente erhöhen. Wenn die Firmen die Behörden nicht rechtzeitig über Engpässe informieren, drohen ebenfalls Bussen.

Und wie reagiert die Schweiz angesichts dieser geballten Ladung von Vorstössen? Erstaunlich gelassen, wenn man die Antwort des Bundesamtes für Gesundheit zum Nennwert nimmt. «Falls einzelne Länder zum Mittel von Exportverboten greifen sollten, könnte das die Beschaffung von Medikamenten erschweren», schreibt das Amt. Bisher habe jedoch kein Land ein solches Exportverbot ausgesprochen. «Wir haben auch keine Anzeichen dafür, dass Länder von dieser Möglichkeit tatsächlich Gebrauch machen wollen.»

Mit den diversen Initiativen in Europa konfrontiert, sagt das BAG etwa mit Blick auf Österreich: Der Verordnungsentwurf in Österreich bedeute noch nicht, dass die Möglichkeit auch zur Anwendung kommt. In Grossbritannien scheine das Exportverbot gewisser Medikamente im Zusammenhang eines ungeordneten Brexits getroffen worden zu sein. Laut britischen Medienberichten stehe die Massnahme jedoch nicht im Zusammenhang mit dem Austritt aus der EU.

Spitalapotheker Enea Martinelli hat keinerlei Verständnis für die passive Haltung der Schweiz. «Das Bundesamt für Gesundheit lebt offensichtlich auf einem anderen Stern», sagt Martinelli, von der Spitalgruppe Frutigen, Meiringen, Interlaken. «Ich finde das dramatisch». Offensichtlich interessiere das Bundesamt das Thema nicht. Dabei gehöre das Engpassproblem von Medikament zur Risikobeurteilung des Amts.

Der Bundesrat habe nach seinem Bericht über die Sicherheit in der Medikamentenversorgung Anfang 2016 erste Massnahmen eingeleitet. Deren Wirkung könne jedoch noch nicht beurteilt werden. Aktuell arbeite man zusammen mit dem Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung und weiteren Stellen an einer vertieften Situationsanalyse. Dabei werde untersucht, wo und wie die Schweiz ihren Spielraum im globalen Kontext des Medikamentenmarkts optimal nutzen könne. «Welche konkreten Massnahmen zur Verbesserung der Versorgungslage zu treffen sind, ist noch nicht entschieden.» (mka)

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