Ein Glas Champagner zu einem harten Ei oder einer Büchse Sardinen? Winzer wollen wegen Coronakrise weg vom Edel-Image

Die Winzer der Champagne-Gegend fahren ihre Produktion zurück, um den Jahrgang über die Coronakrise zu retten. Die Preise dürften trotzdem sinken.

Stefan Brändle aus Paris
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Auch grosse Champagner-Imperien haben wegen der Coronakrise einen deutlich tieferen Absatz.

Auch grosse Champagner-Imperien haben wegen der Coronakrise einen deutlich tieferen Absatz.

Walter Schwager / WIR

Der Jahrgang 2020 werde von hervorragender Qualität sein, schätzen die Champagner-Kenner mit Verweis auf den trockenen Vorwinter, gefolgt von einem kurzen Frühling und heissen Sommer. In den gewellten Rebbergen der Champagne um die Stadt Reims östlich von Paris hat die Ernte erstmals überhaupt schon Mitte August begonnen, zwei Wochen früher als sonst.

Doch wer hat in Coronazeiten überhaupt noch Lust auf den französischen Edelsprudel, diesen Ausdruck von Festfreude, Glamour und speziellen Feiern? Weltweit knallen die Schampuskorken bedeutend weniger häufig als in den letzten Jahren. Thibault Le Mailloux vom Branchenverband CIVC rechnet in diesem Jahr mit einem Verkaufseinbruch von 30 Prozent.

Champagner-Konsum als Stimmungsbarometer

Anders als Spirituosen und harte Alkoholika, deren Konsum bisweilen auch in Rezessionszeiten ansteigt, bildet Champagner den Zustand der Weltwirtschaft wie ein Stimmungsbarometer ziemlich genau ab. Und die jahrelange Zunahme seines Umsatzes endet nun auf einen Schlag. Hart getroffen sind Kleinwinzer, aber auch alle grossen Marken wie Mumm, Piper-Heidsieck oder Taittinger, die vor allem ins Ausland exportieren. In den Hauptmärkten Frankreich, Grossbritannien und USA, aber auch in Schwellenländern wie China oder Brasilien ist Champagner weniger gefragt.

Das bisher so lukrative Geschäft mit dem doppelt gegärten Kohlensäuresprudel – ein Champagner-Winzer ohne Mercedes mache etwas falsch, besagt ein Bonmot – ist auf einmal so bedroht, dass die Winzer geschlossen reagieren. In Absprache mit den grossen Marken-Imperien wie LVMH (Moët&Chancon, Veuve Clicquot, Dom Pérignon) haben sie sich zu einer historischen Senkung der Jahresproduktion durchgerungen: Nur noch acht Tonnen Trauben werden pro Hektare geerntet; der Rest bleibt hängen oder verschwindet in den Brennereien für Industriealkohol – knapp die Hälfte der erlaubten Höchsternte von 15,5 Tonnen.

Als Folge wird die Jahresproduktion von früher teilweise weit über 300 Millionen Flaschen auf 230 Millionen sinken. Diese künstliche Verknappung ist nötig, um die übervollen Lager abzutragen: Fast anderthalb Milliarden Flaschen warten in den Kalkstein-Gruften. Vor allem aber soll auf diese Weise ein Einbruch der Preise verhindert werden. Viele Kenner rechnen trotzdem mit einem «Preiskrieg» bis in die Supermärkte.

Königsgetränk oder Alltagserfrischung?

Und die Aussichten bleiben über das laufende Jahr hinaus düster, befürchtet der Branchenverband CIVC. Da er nicht mit übertrieben vielen Gelegenheiten zum globalen Festen rechnet, will ein Teil der 16000 Champagner-Winzer nun weg vom Image ihres Edelgetränkes für gehobene Anlässe. Werbekampagnen empfehlen bereits Champagner als Alltagsgetränk zum Snack, begleitet von einem harten Ei oder einer Büchse Sardinen.

Mit diesem Kurswechsel sind allerdings nicht alle einverstanden. Wer schon Schaumwein in die eigene Küche hole, tue das lieber mit Spumante oder günstigeren Sektmarken, wenden andere Winzer aus der Champagne ein. Ihr Königsgetränk sei nun einmal für den besonderen Anlass bestimmt.

Der CIVC hütet sich deshalb in seinen Kampagnen vor einer allzu weitgehenden, auch preispolitischen Banalisierung des Champagners. Denn irgendwann wird die Coronakrise ausgestanden sein – und dann sollen die Korken wieder knallen.

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