Ein gut gefülltes Lager ist Gold wert: Wie sich die Willisauer Seilerei Herzog durch die Krise schlängelt

Die Schweizer Textilindustrie macht wegen der Coronakrise harte Zeiten durch, wie dem Herbstkonjunkturbericht des Verbands Swiss Textiles zu entnehmen ist. Doch es geht nicht allen gleich schlecht. Am Beispiel der Willisauer Seilerei Herzog zeigt sich, wie vielschichtig die Branche ist.

Thomas Griesser Kym und
Maurizio Minetti
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Webmaschine für gewebte Kordeln und Schnüre bei der Seilerei Herzog in Willisau.

Webmaschine für gewebte Kordeln und Schnüre bei der Seilerei Herzog in Willisau.

PD

Auf das vergangene zweite Quartal blickt die Schweizer Textil- und Bekleidungsindustrie mit Schrecken zurück: Kapazitätsauslastung, Geschäftslage, Auftragsbestand, Exporte – all diese Indikatoren sind rückläufig, nachdem die Coronapandemie mit voller Wucht zugeschlagen hatte. Doch die Unternehmen versprühten vor drei Monaten auch Zuversicht und äusserten die Erwartung, im dritten Quartal werde sich das Geschäft verbessern.

Nun liegt der Herbstkonjunkturbericht des Verbands Swiss Textiles vor. Und er zeigt: Die Branche hat sich «über den Sommer hinweg überdurchschnittlich dynamisch» erholt. Doch das «Aber» folgt sogleich: Die Firmen nähmen ihre Lage als «weiterhin überdurchschnittlich ungenügend» wahr.

Erholung auf sehr tiefem Niveau

Konkret hat sich die Kapazitätsauslastung leicht auf 76 Prozent verbessert, und auch die Bewertungen der Geschäftslage und des Auftragsbestands zeigen wieder nach oben. Dies aber auf tiefen Niveaus. So ist die Geschäfts- und Auftragslage im September vergleichbar mit jener im zweiten Semester 2015 – der schwierigsten Phase nach der Aufhebung des Euromindestkurses durch die Schweizerische Nationalbank Anfang 2015. Im Einzelnen bewerten lediglich je 1 Prozent der Textil- und Bekleidungsfirmen ihre Geschäftslage und ihren Auftragsbestand als gut respektive gross. Dagegen sprechen 47 Prozent von schlechter Geschäftslage und 61 Prozent von einem zu kleinen Auftragsbestand.

Die Textilexporte, die im zweiten Quartal gegenüber der Vorjahresperiode um gut 19 Prozent einbrachen, zeigen für das dritte Quartal noch ein Minus von 2,4 Prozent auf 288 Millionen Franken, was Swiss Textiles als «glimpflich» beurteilt. Die Bekleidungsexporte (bereinigt um Rückwaren), im zweiten Quartal um über einen Drittel abgeschmiert, zogen im dritten Quartal gar um 1,8 Prozent auf 233 Millionen Franken an. Für die ersten neun Monate des Jahres ergibt sich bei den Textilexporten ein Minus von 8,7 Prozent und bei den Bekleidungsausfuhren von 13,1 Prozent. Insgesamt relativ stabil zeigt sich die Beschäftigung mit rund 12 500 Angestellten gerechnet in Vollzeitstellen. Das ist ungefähr so viel wie vor Jahresfrist.

Hohe Nachfrage nach Kletterseilen für Spielplätze

Guido Herzog, CEO und Inhaber der Seilerei Herzog AG in Willisau.

Guido Herzog, CEO und Inhaber der Seilerei Herzog AG in Willisau.

PD

Doch wie sieht es in der Praxis aus? Die Textilbranche ist vielschichtig und lässt sich nicht nur auf Kleiderhersteller reduzieren. Im Konjunkturbericht kommt Guido Herzog zu Wort, CEO und Inhaber der Seilerei Herzog AG in Willisau. Das Familienunternehmen stellt mit knapp zehn Mitarbeitenden gedrehte, geflochtene oder gewobene Seile aus textilen Fasern her. Diese Seile werden in den verschiedensten Bereichen eingesetzt: so zum Beispiel für Wegabsperrungen, für Kletternetze auf Spielplätzen, als Rettungsseile für die Feuerwehr oder auch als Kabeleinzugsseile im Baugewerbe.

Herzog berichtet, dass die Auftragslage über den Lockdown hinaus gut gewesen sei. «Wir mussten die Produktion nicht drosseln und konnten wie gewohnt weiterproduzieren.» Tatsächlich gebe es gar Anwendungsbereiche, die dank der Coronasituation zulegen konnten. «So gab es während, aber vor allem kurz nach dem Lockdown eine riesige Nachfrage nach Seilen für den Gartenbereich, etwa für Kletterseile für Spielplätze», so Herzog. Da das Reisen auf unbestimmte Zeit verschoben wurde, widmeten sich die Endkonsumenten vermehrt ihrem Daheim. Dann gab es aber auch Bereiche, die sich rückläufig entwickelten. Ein Beispiel sind Rettungsseile für die Feuerwehr. Da die Feuerwehr während des Lockdowns keine Übungen mehr durchführen konnte, brauchte sie auch kein neues Material.

Von Lieferverzögerungen blieb das Willisauer Unternehmen mehrheitlich verschont, denn das Rohstofflager war gut gefüllt und reichte auch für den Lockdown aus. Das erwies sich als Glücksfall. Laut Herzog hat die Krise zu einem Umdenken bezüglich der Unternehmensstrategie geführt. «Wir haben erkannt, wie wichtig ein grosses Rohstofflager ist. Wir werden auch künftig frühzeitig genug einkaufen. Ein grösseres Rohstofflager birgt auch Risiken, diese nehmen wir aber in Kauf, um nicht in einen Engpass zu geraten.» Ausserdem habe man Anfang Juli eine neue Website mit Onlineshop in Betrieb genommen. «So können uns die Kunden auch in Zeiten eines Lockdowns erreichen. Zwar kaufen die Kunden gegenwärtig wieder vermehrt in den stationären Läden, wir haben aber stark an Sichtbarkeit gewonnen. Die Zahl der kundenspezifischen Anfragen ist seither gestiegen», so Herzog.

Schwieriges Weihnachtsgeschäft

Nun steht das Weihnachtsgeschäft vor der Tür. Im Herbstkonjunkturbericht des Verbands Swiss Textiles heisst es, im Ausblick habe sich die Stimmung der Unternehmen «etwas gesenkt». So erwarten bis Ende Jahr 13 Prozent der befragten Firmen mehr Bestellungen und 12 Prozent weniger. Bei den Exporten gehen 9 Prozent von einer Zunahme aus und 26 Prozent von einer Abnahme. Grossmehrheitlich werden aber kaum Veränderungen erwartet, was bedeutet: Die Lage der Schweizer Branche dürfte vorläufig ungünstig bleiben.

Herzog berichtet, er sehe sein Unternehmen trotz allem gut aufgestellt. «Was aber in drei bis vier Wochen ist, kommt Kaffeesatzlesen gleich», so Herzog. Ein wichtiges Geschäft für sein Unternehmen ist der Brauch des Geisslechlöpfens, der normalerweise in diesen Tagen stattfindet. «Wir hoffen, dass die Zentralschweizer trotz Absagen vieler Anlässe rege unsere Klausgeisseln kaufen und es die Kinder und Erwachsenen krachen lassen.»