Kolumne

Ein halber Tisch, 50 Franken und ein schlechtes Gewissen

Als ich einen neuen Beistelltisch bestellte, wusste ich noch nicht, was ich über die Auswüchse des Reklamationswesens in globalisierten Zeiten lernen würde.  

Christopher Gilb
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Wirtschaftsredaktor Christopher Gilb

Wirtschaftsredaktor Christopher Gilb 

Bild: Jakob Ineichen

Vor zwei Wochen hatte ich auf meinem Konto zwar ein bisschen Geld, mir fehlte aber noch ein Beistelltisch. Es sollte ein Tisch werden, der Gemütlichkeit ausstrahlt, einer, der vielleicht ein bisschen auf alt getrimmt ist. Passend eben zur kleinen Bibliothek, die ich mir einrichten will. Ich sah mich auf dem grossen Sessel sitzen, den ich mir gekauft habe, und stellte mir vor, wie auf dem kleinen Tisch daneben jeweils mein aktueller Schmöker liegt und ein gutes Glas Rotwein steht.

Ich machte mich auf die Suche nach so einem Tisch und weil es gerade kalt draussen und ich müde war, nahm ich dazu einfach das Tablet zur Hand. Ich fand den Tisch in einem Online-Shop und das noch zu einem guten Preis: 50 Franken. Ich bezahlte und wenige Tage danach war der Tisch schon da. Voller Vorfreude öffnete ich das Paket. Doch schon als ich die Tischbeine sah, merkte ich, dass ich mich vom Foto und wohl auch vom Preis hatte täuschen lassen. Denn die Beine hatten nicht die Höhe, um den Tisch neben meinen Sessel, sondern höchstens um eine Blumenvase darauf zu stellen. Von der Grösse her mehr ein Kindermöbel also.

Doch das war nicht alles. Es fehlte eine Schraube und um die beiden Tischbeine durch die mitgelieferte Schiene miteinander verbinden zu können, hätte ich erstere wohl erhitzen und dann verbiegen müssen. Und auch die Tischplatte war nicht wirklich gerade. Ich hatte nun also 50 Franken weniger und trotzdem nur einen halben Tisch. Wie ich herausfand, hat der Shop zwar einen Schweizer Internetauftritt, der Hauptsitz befindet sich aber im europäischen Ausland. Auf der Website heisst es, gelieferte Ware könne ohne Angabe von Gründen innerhalb von 14 Tagen nach Erhalt retourniert werden. Ich schrieb also ein E-Mail, gab die Bestellnummer an und berief mich auf mein Widerrufsrecht.

Ich wartete. Es passierte nichts. Irgendwann hatte ich das Warten satt und griff nach dem Hörer. Statt zu erfahren, wie ich das Paket retournieren konnte, wurde ich aber zu meiner Überraschung als Erstes gefragt, ob ich den Tisch nicht mit einem Preisnachlass von 30 Prozent behalten wolle. Nein, wollte ich nicht. Was soll ich mit einem unbrauchbaren Tisch? Kein Problem, dann erstatte man mir den ganzen Betrag zurück. Und der Rückversand? Sei nicht nötig. Ich wollte eigentlich noch etwas sagen, war aber zu schockiert dafür.

So kam es, dass ich erst Geld übrig hatte und keinen Tisch, dann 50 Franken weniger aber einen halben Tisch und nun wieder 50 Franken mehr und einen halben Tisch sowie ein komisches Gefühl in der Magengrube. Ich begann also zu recherchieren. Und stiess auf die Information, dass auch andere Onlinehändler teils nach diesem Konzept verfahren. Da sich bei niedrigpreisigen Waren, die von weiter wegkommen – ich muss davon ausgehen, dass das bei meinem Tisch der Fall war, – anscheinend die Rücknahme für den Händler gar nicht mehr lohnt. Und ehrlich gesagt musste ich mir irgendwie auch eingestehen, dass es für die Umwelt wohl besser so ist. Was hätte der Händler sonst gemacht? Das Paket den ganzen Weg nach irgendwohin wieder zurückschicken lassen, den Tisch repariert beziehungsweise komplementiert, verkauft und erneut irgendwohin geschickt, oder gar nicht repariert und den Tisch vielleicht sogar entsorgt.

Das Problem ist nur, die Verantwortung über die Grösse des ökologischen Fussabdrucks des Tisches war nun an mich übergegangen. Würde ich ihn entsorgen, dann wäre das, als hätte ich etwas bestellt, nur um damit Emissionen zu verursachen. Ich könnte ihn verkaufen, klar, das wäre aber auch komisch, schliesslich hab’ ich nichts dafür bezahlt und wer will schon einen kaputten Tisch. Vermutlich werde ich ihn also reparieren und Blumen darauf stellen. Und in der Zukunft beim Online-Kauf besser hinschauen oder es ganz sein lassen.