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Ein Legastheniker auf der Überholspur

Er ist der Erfinder der Swatch und gilt als einer der kreativsten Querdenker in der Schweizer Wirtschaft. Auch heute noch sucht Elmar Mock als Firmenchef nach neuen, zündenden Ideen.
Jürg Ackermann

Er ist der Uhrenmacher, der das entscheidende Verfahren entwickelte, das der Swatch zum Durchbruch verhalf; er ist der Retter der Uhrenindustrie; er ist der Mann, der sich stets neue Dinge ausdenkt, die irgendwann zu einem durchschlagenden Erfolg werden: Über Elmar Mock kursieren viele Heldengeschichten. Nur: Der 64-jährige Westschweizer möchte gar kein Held sein, auch wenn vieles, das über ihn gesagt wird, bei näherer Betrachtung eben doch stimmt. Wie beispielsweise die Geschichte mit der Swatch.

Zusammen mit seinem Kollegen Jacques Müller gelang es Mock 1980 ein Verfahren zu entwickeln, das den Einsatz von Kunststoff in der Uhrenindustrie ermöglichte und die Preise der Uhren bei hoher Qualität radikal senkte. Mit einer speziellen Ultra­schalltechnik konnten die Schrauben und die anderen Bauteile wasserdicht verschweisst werden. Das war die Geburtsstunde der Swatch, die sich als Geheimrezept gegen die Billigkonkurrenz aus Fernost entpuppte und der serbelnden Schweizer Uhrenindustrie neues Leben einhauchte. Alle Marktanalysen, alle Signale waren negativ – und dennoch verkaufte sich die Swatch allein in der Schweiz im ersten Jahr 500000-mal. Bis heute gingen weltweit über 700 Millionen Stück über die Ladentische.

Ruhm, Stolz und Geld interessierten ihn nie

«Wir wurden als Träumer bezeichnet. Und wir befürchteten, dass die Kritiker recht hatten. Noch zwei Monate vor Markteintritt wollten wir die Übung mit der Swatch wieder abbrechen», erzählt Mock. Sie taten es nicht. Zum Glück. Mock trägt noch immer eine Swatch, auch wenn er mit dem Unternehmen schon lange nichts mehr zu tun hat. Und er freut sich auch, wenn andere das tun. Doch nicht der Ruhm, nicht der Stolz und schon gar nie das Geld haben ihn angetrieben, sondern die Lust am Tüfteln, der Reiz, Teile und kleinste Maschinen für die Welt von morgen zu erfinden. Mock hat dabei nie ­vergessen, wie steinig sein Weg damals war, als er in den 1960er-Jahren in der Schule in La Chaux-de-Fonds zweimal eine Klasse wiederholen musste. Sein Deutschlehrer sagte, was auch Mitschüler über ihn dachten. «Du bist dumm. Aus dir wird nie etwas.»

Erst mit 22 Jahren, mitten in der Ausbildung zum Uhrmacher in Biel, realisierte Mock, dass seine Schwierigkeiten einen Grund hatten: Er war Legastheniker. Und die wissen beim Lesen und Schreiben nicht, was richtig oder falsch ist. Sie erkennen keine scharfen Konturen. Doch das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein, besonders dann nicht, wenn man sich mit Dingen beschäftigt, die die Welt noch nicht gesehen hat.
Als Legastheniker habe er gelernt, sich «in einem unstabilen Umfeld» zu orientieren, die Ruhe zu bewahren, wenn der Weg nicht geradeaus führte. «Wenn ich vor einer Mauer stand, habe ich das als Chance betrachtet. Ich habe nie an den Misserfolg gedacht, sondern an den Weg, der um die Mauer herumführt.»

Teile für Schädeloperationen und Möbel

Schnell merkte Mock trotz des überwältigenden Erfolgs der Swatch, dass er das Unternehmen wieder verlassen musste. Fixe Strukturen waren nie seine Sache. Mock brauchte Freiräume, zuweilen auch Chaos. Er gründete 1986 die Firma Creaholic, eine Tüftler- und Denkfabrik in Biel. Heute gehören Unternehmen wie Nestlé, Ikea oder Bosch zu den Kunden. Mock sucht mit seinen 55 Mitarbeitern – vor allem Ingenieure, Ökonomen und Materialwissenschafter – nach zündenden Ideen. Wie beispielsweise Mikromotoren für Kameramodule, ­Geräte zum Schweissen von Knochen bei komplizierten Schä­deloperationen, Duschen mit geringstem Wasserverbrauch oder Systeme zum Zusammenstecken von Möbelteilen. Mock ist mittlerweile an über 180 Patenten aus allen möglichen Bereichen beteiligt. 2017 war er für den europäischen Erfinderpreis für sein Lebenswerk nominiert.
Doch wie entsteht Kreativität überhaupt? Sicher nicht in einem Umfeld, in dem sich die Tagesabläufe gleichen oder in dem der Chef das Gefühl hat, er müsse alles kontrollieren. Vertrauen sei ein entscheidender Faktor, sagt Mock. Auch Gerechtigkeit.

Kritik an überrissenen Managerlöhnen

So werden die Gewinne bei Creaholic reinvestiert und nicht als überrissene Boni an das Management oder als hohe Dividenden an die Aktionäre ausbezahlt. Alle Mitarbeiter wissen, was die anderen verdienen. «Diese Transparenz funktioniert bei uns, weil sie das Gefühl, ungerecht behandelt zu werden, im Keim erstickt», sagt Mock, der nicht versteht, ­warum einzelne Manager sich das 50- oder 100-Fache eines normalen Mitarbeiterlohns auszahlen lassen. «Eine Firma ist wie ein Orchester. Jede Stimme zählt. Grosse Dinge entstehen nur gemeinsam im Team. Niemand revolutioniert die Welt allein.»

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