Interview

Ein Luzerner leitet das Cloud-Geschäft von Microsoft:  «Wir wollen Vertrauen schaffen»

Der Inwiler Primo Amrein ist verantwortlich für Microsofts Schweizer Cloud-Angebot. Er sieht noch viel Potenzial – und kündigt den Bau weiterer Rechenzentren an. 

Christopher Gilb
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Primo Amrein an seinem «Kraft- und Lieblingsort», dem Michaelskreuz oberhalb von Root.

Primo Amrein an seinem «Kraft- und Lieblingsort», dem Michaelskreuz oberhalb von Root.

Bild: (Dominik Wunderli, 13. Januar 2020)

Was bislang in Dublin oder Amsterdam gelagert werden musste, können Microsoft-Geschäftskunden seit letztem August auch in Zürich oder Genf deponieren. Dort hat der US-Technologiekonzern einen dreistelligen Millionenbetrag in seine Datenzentren «Switzerland North» und «Switzerland West» investiert. In der Schweizer Cloud können Firmen Daten lagern, Programme laufen lassen oder gleich ihre ganze Informatik betreiben. Zu den Kunden gehören UBS, Swiss Re, Mobiliar oder Swisscom. Und auch der deutsche Softwareanbieter SAP bietet Cloud­Dienste basierend auf der Schweizer Cloud von Microsoft an. Primo Amrein verantwortet das Projekt in der Schweiz.

Was verspricht sich Microsoft von den Servern in der Schweiz?

Primo Amrein: Vor allem wollen wir Kunden gewinnen, die in einem stark regulierten Marktumfeld tätig sind. Wie etwa Banken, die ihre Kundendaten in der Schweiz lagern müssen oder wollen. Aber auch Firmen ansprechen, die Wert darauf legen, dass ihre Daten in der Nähe bleiben, weil dies beispielsweise zu ihrer Unternehmensstrategie passt. Im Gegensatz zu Skandinavien wird die Cloud in der Schweizer Wirtschaft noch relativ wenig genutzt. So wollen wir auch Vertrauen schaffen.

Hat eine Cloud in der Schweiz auch technische Vorteile?

Im Millisekundenbereich. Wer aber eine Anwendung häufig braucht, bei dem kann es etwas ausmachen, ob die Cloud nach 3 bis 10 Millisekunden erreicht wird, oder erst nach 20 bis 30, weil sie im Ausland ist.

Wie profitiert die Schweizer Wirtschaft von einer höheren Cloud-Nutzung?

Die Bühler AG in Uzwil, einer unserer Kunden, produziert traditionell Maschinen für die Nahrungsmittelindustrie. In diesem Bereich holen aber Produzenten aus anderen Ländern auf, die zudem billiger produzieren können. Bühler setzt deshalb stark auf die Entwicklung von Programmen mit künstlicher Intelligenz, die beispielsweise jedes Getreidekorn analysieren können und so wichtige Informationen für die Lagerung, künftige Ernten und den Anbau liefern. Wollten sie dies selbst machen, bräuchten sie eine ganze Serverfarm, mit der Cloud nicht.

Weshalb?

Mit der Cloud können Unternehmen ihre Speicherkapazitäten ohne Einschränkung ausdehnen und müssen nur das bezahlen, was sie wirklich nutzen. Ich bin der Überzeugung, dass jede erfolgreiche Firma in Zukunft datenbasiert oder datengetrieben sein wird. Und dank der Cloud kann auch ein KMU, das sich eigene Serverkapazitäten in dieser Grössenordnung gar nicht leisten kann, innovative IT-Programme einsetzen. Deshalb haben wir auch viele Start-ups unter unseren Kunden.

Wie meinen Sie das?

Start-ups können auf einen Schlag ein paar tausend Kunden mehr für ihren Dienst oder ihre Software gewinnen, aber auch verlieren. Müssten sie jedes Mal selbst neue Server kaufen, ginge das finanziell gar nicht auf. Zudem bietet die Cloud wichtige Flexibilität bei Firmenkäufen oder im Aufbau neuer Geschäftsfelder, da nicht jedes Mal eine neue IT aufgebaut werden muss.

Was ist bei der Schweizer Cloud von Microsoft anders als bei derjenigen von anderen Anbietern?

Wir sind froh um jeden Anbieter, der die Schweizer Wirtschaft auf die Cloud bringt. Ein Vorteil bei uns ist, dass auch gleich alle Microsoft-Office-Dienstleistungen in derselben Cloud zur Verfügung stehen.

Wie zufrieden ist Microsoft bis jetzt mit der Resonanz?

Bisher beschränkten wir uns auf Schweizer Firmen, davon nutzen inzwischen über 200 IT-Service-­Dienste aus der Schweizer Cloud, Tendenz steigend. Weitere 1500 nutzen Office 365 aus den Schweizer Datencentern. Denn wer heute beispielsweise zur firmeninternen Kommunikation auf Microsoft Teams umsteigt, wird von der Schweizer Cloud versorgt. Ausgelastet sind wir aber noch nicht. Derzeit öffnen wir die Cloud nun für internationale Kunden. Da ist die Nachfrage gross, viele dieser haben auch aus Reputationsgründen ein Interesse, ihre Daten in der Schweiz zu lagern.

Die Cloud soll explizit auch Firmen aus regulierten Branchen wie etwa Banken ansprechen. Gibt es da keine Vorbehalte, Kundendaten extern zu lagern?

Als ich vor eineinhalb Jahren die Cloud bei eher konservativen Privatbanken bewarb, wurde ich teilweise zurückgewiesen, heute stosse ich hingegen auf offene Ohren. Denn natürlich kann ein Internetbanking auch auf Servern im Keller der Bank betrieben werden, aber das ist erstens teurer, da die Betriebskosten für wenige Server höher als für viele sind. In Zeiten von steigender Cyberkriminalität ist die Cloud zudem aufgrund der hohen Standardisierung etwa bei Updates viel sicherer.

Microsoft untersteht dem ­US-Cloud Act, der amerika­nische Firmen verpflichtet, US-Behörden auch Zugriff auf Daten zu gewährleisten, wenn die Speicherung nicht in den USA erfolgt. Schreckt das Kunden nicht ab?

Eher nicht, denn der Cloud Act kommt erst bei einem Verdacht auf kriminelle Machenschaften zum Einsatz, es wird also nicht wahllos nach Firmendaten gefischt. Über 99 Prozent der Anfragen beziehen sich auf Privatkunden. Wann sich etwa eine Person, die unter Terrorismusverdacht steht, in ihr Postfach eingeloggt hat. Wir machen uns aber dafür stark, dass die Schweiz ein Abkommen mit den USA abschliesst, ähnlich wie es Grossbritannien gemacht hat (Anm. d. Red.: In diesem ist geregelt, was in der jeweiligen Konfliktsituation Vorrang hat, das nationale Datenschutzgesetz oder der US-Cloud Act). Aber auch heute verweisen wir die Behörden schon direkt an die Kunden, da wir nicht Eigentümer der Daten sind.

Wieso gibt Microsoft den Standort der Datenzentren nicht bekannt und sind das eigene oder hat sich Microsoft eingemietet?

Mit den Datenzentren sind wir mit unserer eigenen Hardware und Microsoft-Betriebspersonal bei Drittprovidern eingemietet. Wo diese genau stehen, geben wir aus Sicherheitsgründen nicht bekannt. Im Grossraum Zürich bauen wir zudem eigene Standorte. Bis diese verfügbar sind, geht es aber noch einige Zeit.

Wie energieintensiv ist der Betrieb solcher Daten­zentren und woher kommt der Strom?

Allgemein ist die Microsoft-­Cloud aufgrund der Serverauslastung weniger energieintensiv, als wenn jede Firma ihre Informatikdienste selbst betreiben würde. Zudem kauft Microsoft sehr grosse Mengen an nachhaltig produzierter Energie ein.

Sie wirken sehr leidenschaftlich, wenn Sie über die Cloud sprechen, was fasziniert Sie am meisten daran?

Das Tolle ist, die Cloud unterstützt nicht nur bei Innovationen, sie motiviert auch umzudenken. Wenn Informationen nicht mehr starr an einem Ort sind, kann auch die Unternehmensorganisation flexibler werden, so eröffnen sich neue Chancen.

Zur Person:
Seit Juli 2018 ist Primo Amrein (46) als Cloud Lead bei Microsoft Schweiz verantwortlich für den Aufbau der Schweizer Datenzentren. Der Wirtschaftsinformatiker ist seit 14 Jahren für den Technologiekonzern tätig und lebt mit seiner Familie in Inwil.