Rohrbach
Ein «Spinner» trotzt der Krise

Aus einer vor 90 Jahren gegründeten handwerklichen Sattlerei ist ein Hersteller technischer Textilien geworden: Die Lanz-Anliker AG in Rohrbach behauptet sich mit einer Mischung aus Innovation und Tradition gerade in der aktuellen Wirtschaftskrise. Seit zehn Jahren ist Peter Hirschi am Ruder.

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Lanz

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az Langenthaler Tagblatt

Vom Handwerk zum KMU

Die Lanz-Anliker AG wurde 1919 als Sattlerei gegründet. Namensgeber wurde jedoch der Sohn des Gründers, Hans Lanz-Anliker. Gross wurde sein Betrieb durch Aufträge der Armee. Seit Beginn der 1990-er Jahre wurde der Bereich Filtration zum Hauptstandbein ausgebaut. Weiter ist die Firma in folgenden Bereichen in der Entwicklung und Herstellung technischer Textilien tätig: Medizin, Militär, Reitsport, Sattlerei und Verkehrsmittel-Interieurs. 70 Mitarbeitende erzielen einen Umsatz von 12 Millionen Franken. Der Exportanteil beträgt 60 Prozent. (jr)

Jürg Rettenmund

«Schpinnsch?» hätten ihn noch vor wenigen Monaten Kollegen gefragt, wenn er die breite Produktepalette der Lanz-Anliker AG aufgezeigt habe, sagt Peter Hirschi. Sechs Standbeine zählt der Mehrheitsaktionär und Geschäftsführer der Rohrbacher KMU auf, wobei die Herstellung von Filtern inzwischen mit einem Anteil von 55 Prozent am Umsatz der bedeutendste ist.

«Dort erzielen wir auch die besten Margen», gesteht Hirschi ein. Deshalb auch die kollegialen Ratschläge, sich auf diese zu fokussieren, wie es in schönstem Management-Neudeutsch heisst. Doch in der Krise sieht alles anders aus. «Es wäre nicht ehrlich, zu sagen, wir wären davon nicht betroffen», erklärt Hirschi. Doch in dieser behauptet sich die Lanz-Anliker AG bisher formidabel.

In der Filtration, wo die Rohrbacher stark von industriellen Kunden, unter anderem auch aus der Autoindustrie, abhängig sind, ist der Einbruch zwar auch massiv. Doch dies kompensieren nun die anderen, traditionelleren Standbeine. «Es ist erstaunlich, wie dort gegenwärtig Aufträge, die vorübergehend in den Fernen Osten ausgelagert wurden, nun zu uns zurückkehren», erklärt Hirschi, «und zwar ohne jede Werbung».

Spare in der Zeit...

Insgesamt hält sich der Umsatzrückgang deshalb im tiefen einstelligen Prozentbereich, kein Vergleich jedenfalls mit anderen Unternehmen der Textil- und Maschinenindustrie. Zudem hielt sich Bauernsohn Hirschi an den vom Elternhaus mitgegebenen Grundsatz, in der Zeit zu sparen. Deshalb hat die Lanz Anliker AG nun in der Not genug eigene Mittel, um den Rhythmus der Investitionen unverändert hoch zu halten.

Vom Mech zum Chef

Als Betriebsmechaniker kam der Elektromechaniker Peter Hirschi 1995 in die Lanz-Anliker AG. Weil der Geschäftsleiter der dritten Generation unerwartet starb, musste Hirschi ein Jahr später die Geschäftsführung übernehmen. 1999 konnte er den Betrieb zusammen mit einem Cousin und zwei Geschäftspartnern kaufen. 2002 erwarb er den Anteil des Cousins auch noch. Die beiden Geschäftspartner, der Bankfachmann Martin Gafner und der Rechtsanwalt Patrick Lafranchi, halten heute je 20 Prozent und bilden mit Hirschi den Verwaltungsrat. (jr)

Nach einem Anbau 2005 und einer Aufstockung 2008, die die Produktions- und Lagerfläche jeweils um einen Drittel auf heute 6000 Quadratmeter vergrösserten, wird gegenwärtig eine Schnitzelheizung eingebaut. Bereits in der Pipeline ist ein Reinraum, in dem unter kontrollierter Luftqualität produziert werden kann. «Wir arbeiten mit diesem Projekt nicht mit dem Rücken zur Wand», erklärt Hirschi, «sondern agieren mit Blick auf Anforderungen, die sich in der Medizinal- und Pharmabranche erst abzeichnen.»

Neues Standbein Reitsport

Die beiden Betriebserweiterungen wurden unter anderem nötig, weil die Lanz-Anliker AG 2004
Gygax Reitsport in Zofingen erwerben und die Produktion nach Rohrbach verlegen konnte. Die zum Teil nach spezifischen Kundenwünschen hergestellten Artikel für Pferd und Reiten sind heute eines von fünf Nebenstandbeinen, deren Beitrag an den Umsatz je um die zehn Prozent-Marke schwankt.